Streit über G8 Bayerns Schulminister erklärt Turbo-Abitur für "überholt"

Viele Eltern, Lehrer und Schüler klagen über das Turbo-Abitur nach Klasse 12, in Bayern wirbt ein Volksbegehren für eine Rückkehr zum alten Modell. Jetzt räumt CSU-Schulminister Spaenle ein: "Das G8 für alle ist überholt." Er sagt aber dazu: "Das G9 für alle aber auch."
Werbung für Spaenle: Kurswechsel beim Turbo-Abitur?

Werbung für Spaenle: Kurswechsel beim Turbo-Abitur?

Foto: SPIEGEL ONLINE

Deutet sich in Bayern eine Kehrtwende in der Schulpolitik an? Im Streit um die Dauer des Gymnasiums und das Turbo-Abitur lässt ein Satz des zuständigen Ministers Ludwig Spaenle (CSU) aufhorchen: "Das G8 für alle ist überholt, das G9 für alle aber auch", so wird er im "Münchner Merkur"  zitiert, so sagte er es auch SPIEGEL ONLINE. Er und die Landesregierung seien gesprächsbereit, wenn es um die Dauer des Gymnasiums gehe.

Hintergrund: So ziemlich seit der Einführung von G8 vor gut zehn Jahren wehren sich Eltern, Lehrer und Schüler dagegen. Der Widerstand schwoll über die Jahre an. Die Freien Wähler in Bayern wollen nun mit einem Volksentscheid das neunjährige Gymnasium als Alternative zu G8 wieder einführen. Die erste Hürde hat die Partei bereits genommen und die erforderlichen 25.000 Unterschriften gesammelt.

Lange hielt die CSU an dem Turbo-Abi fest, führte dann aber ein sogenanntes Flexibilisierungsjahr ein. Diese individuelle Lernzeit ermöglicht Schülern, die Schulzeit auf eigenen Wunsch um ein Jahr zu verlängern - der Normalfall bleibt aber das Abitur nach der zwölften Klasse. Jetzt kommen immer wieder Spekulationen auf, die CSU wende sich davon ab. Vor einigen Wochen meldete die "Süddeutsche Zeitung", die Landesregierung bereite sich schon auf eine Rückkehr zu G9 vor, die Staatskanzlei dementierte hart.

Minister Spaenle will seine Worte denn auch nicht als Kehrtwende interpretiert wissen. Er sagt allerdings, das G8 in seiner Ursprungskonzeption sei nicht mehr zeitgemäß. Denn es besuchten mittlerweile viel mehr Schüler als früher das Gymnasium, die Schülerschaft sei gemischter, da brauche man unterschiedliche Angebote. Der Rahmen bleibe aber das achtjährige Gymnasium.

Nicht nur im Süden ist das Turbo-Abitur nach Klasse 12 unbeliebt. Erst vor knapp einer Woche forderten mehrere Initiativen und Aktivisten aus fast allen westlichen Bundesländern von ihren Landesregierungen den "schnellstmöglichen Stopp von G8". Die Reform sei "absolut gescheitert". Es gebe "kein einziges pädagogisches Argument" für G8.

Als erstes Bundesland kündigte mittlerweile Niedersachsen an, generell wieder zum alten Modell G9 zurückzukehren. Ab September 2015 sollen Schüler, die in die fünfte bis achte Klasse kommen, wieder ein Jahr länger das Gymnasium besuchen. "Leistungsstarke Schüler sollen individuell die Schulzeit verkürzen können, indem sie ein Jahr überspringen", teilte das Kultusministerium mit.

Trotz der heftigen Gegenwehr der Eltern ist eine Reform der Reform allerdings umstritten. Schulforscher betonen, dass es für die Lernqualität unerheblich sei, ob das Gymnasium acht oder neun Jahre dauert. So erzielten zuletzt ausgerechnet die ostdeutschen Bundesländer besonders gute Resultate in Leistungsvergleichen - dort ist das achtjährige Gymnasium etabliert, über zu viel Stress klagt kaum jemand.


KOMMENTAR ZUM TURBOABITUR: IMMER DIESE G-8-ELTERN!

Foto: Frank Rumpenhorst/ picture alliance / dpa

Überhastet wurde die Gymnasialzeit auf acht Jahre verkürzt - doch eine Rücknahme des Turbo-Abiturs wie jetzt in Niedersachsen macht alles nur noch schlimmer. Die Landkarte der Bildung in Deutschland wird mehr denn je zum Flickenteppich. mehr...

otr
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