Nach dem Abi Zeit des Abschieds, Zeit des Aufbruchs

Der Sommer nach dem Abi ist die coolste Zeit des Lebens. Endlose Partynächte, lange Reisen, in den Dünen schlafen: Sechs Abiturienten erzählen, wie sie die Monate der Freiheit füllen.

Party am Strand (Archiv): Jetzt beginnt die Zukunft
Corbis

Party am Strand (Archiv): Jetzt beginnt die Zukunft

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Die Monate nach dem Abitur sind magisch. Es ist eine Zeit, in der Abiturienten entscheiden, welche Richtung ihr Leben nehmen soll. Gehen sie studieren, machen sie eine Ausbildung? Oder erst einmal ein Gap Year?

Es ist eine bittersüße Zeit der langen Partynächte und der Ungewissheit, der Sommerabende und des Abschieds. Es ist eine Zeit, in der die Zukunft beginnt. Hier verraten sechs Abiturienten, wie sie ihr Schicksal in die Hand nehmen.

"Ich will zu so vielen Orten wie möglich reisen"

Diana Ritter, 18, Hamburg-Billstedt

"Ich hatte heute meine letzte Abiprüfung in Mathematik. Mein Durchschnitt liegt jetzt bei 1,5 und ich bin total zufrieden. Schon im vergangenen Jahr habe ich entschieden, dass ich nach der Schule ein Jahr Pause machen will, bevor es mit dem Studium losgeht. Weil ich so gut mit Kindern klarkomme, werde ich als Au-pair in den USA arbeiten. Am 11. Juli habe ich Abiball, zwei Tage später fliege ich schon nach New York. Meine Gastfamilie wohnt nur 20 Minuten von New York City entfernt. Ich war noch nie in den USA, deswegen will ich zu so vielen Orten wie möglich reisen, zum Beispiel an die Westküste, nach Hawaii, zu den Niagara-Fällen und auch nach Kanada. In den nächsten Wochen möchte ich noch viel Zeit mit meinen Freunden und meiner Familie verbringen. Manchmal denke ich mir: Oh Gott, was machst Du eigentlich? Natürlich wird es komisch sein, so weit weg zu sein, aber die Vorfreude überwiegt. Und ich weiß, in diesem Jahr werde ich über mich hinauswachsen."

"Wir feiern jetzt auch unter der Woche bis früh morgens"

Lukas Schmuck,16, Walsrode

"Anfang August beginne ich schon meine Ausbildung zum Verwaltungsfachangestellten. Das klingt vielleicht langweilig, aber ich will wissen, wie Bürokratie funktioniert. Zum Glück habe ich viel Ausgleich durch die Sachen, die ich nebenbei mache: Ich bin Vorsitzender von einem Pfadfinder-Verein, im Jugendparlament aktiv und leite drei Jugendgruppen. Ich bin ein Jahr zu früh eingeschult worden und habe eine Klasse übersprungen, deswegen habe ich jetzt schon das Abi. Minderjährig an die Uni zu gehen, ist nichts für mich, denn wenn ich 300 Kilometer entfernt wohne und meine Eltern immer alles für mich unterschreiben müssen, ist das doch blöd. Jetzt im Sommer wollte ich eigentlich eine Deutschlandtour machen. Aber ich habe einfach keine Zeit: Ich will mich noch um den Abipullover kümmern. Wir wollen unser Motto auf die Pullis drucken lassen: 'Zirkus Abigalli - rangeln um jeden Punkt'. Das Gute an dem Sommer: Wir können jetzt auch unter der Woche bis früh morgens Geburtstage feiern."

"Ich kann machen, was ich will"

Björn-Hendrik Otte, 17, Fürth

"Diesen Sommer stehe ich morgens auf und weiß noch nicht, wie ich den Tag verbringe. Ich kann machen, was ich will, und wenn ich keine Lust habe, dann mache ich auch mal nichts. Meine Schwester geht in die neunte Klasse und muss immer früh raus, ich kann weiter schlafen. Das ist ein schönes Gefühl. Wenn ich jetzt noch mal Abi schreiben würde, dann würde es sicher total in die Hose gehen, weil ich keinen Antrieb mehr habe. Jetzt treffe ich mich auch mal vormittags mit Freunden, und wir fahren zum Beispiel einfach mal zum Shoppen nach München. Nur weil wir es können. Aber ich muss mich noch auf unseren Abiball vorbereiten, da führen wir ein Programm auf, ich singe im Chor und moderiere. Irgendwann fahre ich mit meiner Familie auch noch in den Urlaub. Aber wir wissen noch nicht, wo es hingehen soll."

"Wir haben uns einen Bus organisiert und wollen damit reisen"

Nicolas Reichert, 18, Coburg

"Ich habe mir den Sommer nach dem Abi irgendwie anders vorgestellt. Ich dachte, ich hätte nach den Prüfungen ganz viel Freizeit. Aber die habe ich nicht. Irgendwie gibt es noch so viel zu organisieren, zum Beispiel unsere Abifeier. Außerdem arbeite ich noch in einem Restaurant. Ich will auch das nächste halbe Jahr erst einmal Geld verdienen und mir darüber klar werden, was genau ich studieren möchte. Mein Abi hätte besser sein können. Durch die Prüfungen habe ich mich sehr verschlechtert. Ich weiß nicht, woran das lag. Vielleicht ist das Abi in Bayern einfach schwieriger. Vor ein paar Jahren wollte ich den Sommer nach dem Abi nutzen, um längere Zeit ins Ausland zu gehen, mein Traum war immer Neuseeland. Aber das Work-and-Travel-Programm ist ziemlich überrannt, und man kann sich den Aufenthalt damit gar nicht mehr finanzieren. Jetzt fahre ich aber mit ein paar Freunden weg. Wir haben uns schon einen Bus organisiert und wollen eine Woche irgendwo hin reisen. Vielleicht nach Südfrankreich oder Norditalien."

"Ich mache eine Kanutour und lasse das Handy zu Hause"

Merle Wiez, 18, Hamburg

"Ich hatte gerade erst meine letzte Prüfung in Geografie und habe ein viel besseres Ergebnis bekommen als erwartet. Das kann ich noch gar nicht realisieren. Wir haben bald Abizeugnis-Ausgabe und dann noch Abiball, für Feiermöglichkeiten ist also gesorgt. Aber ich habe auch noch einiges zu organisieren, zum Beispiel bin ich Chefredakteurin vom Abibuch. Wenn ich dann mehr Zeit habe, fahre ich mit meiner Familie in den Urlaub. Wohin, das wissen wir noch nicht. Mit Freunden will ich auch noch zum Zelten nach Prerow, da kann man zwischen den Dünen schlafen. Außerdem mache ich mit meinem Sportverein eine Kanutour. Zwölf Tage sind wir dann in der Natur, da kann ich mal so richtig abschalten. Mein Handy lasse ich auch zu Hause. Im September fliege ich nach Australien und arbeite in Perth als Au-pair. Ich war noch nie dort, aber sehr aufgeregt bin ich noch nicht. In Australien will ich dann überlegen, was genau ich studieren möchte. Wahrscheinlich entscheide ich mich für eine Wirtschaftswissenschaft, aber ich weiß noch nicht, in welcher Stadt."

"Jetzt weiß ich wieder, was alles in der Welt vor sich geht"

Tom Solbrig, 18, Dresden

"Ich habe mir gerade einen dunkelblauen Anzug mit Fliege gekauft, jetzt fehlen noch die Schuhe. Bald ist Abiball, und danach verstreuen wir uns in alle Himmelsrichtungen. In diesem Sommer treffe ich mich deswegen noch mit vielen Schulfreunden. Wenn das Wetter schön ist, gehen wir raus und unternehmen etwas. Neulich war ich mit einem Freund in Hamburg und auf Fehmarn. Jetzt kann ich mich wieder mit den Dingen beschäftigen, die mich interessieren. Ich bereite zum Beispiel gerade zwei Workshops für den sächsischen Jugendjournalistenpreis vor. Ich komme nun dazu, mehr Bücher zu lesen und weiß wieder, was in der Welt vor sich geht. Eigentlich wollte ich im Oktober studieren, aber nun mache ich erst einmal ein Freiwilliges Soziales Jahr in der Politik. Um die 30 Stellen kennenzulernen, bei denen man sich politisch in Sachsen engagieren kann, habe ich an einem siebenstündigen Speeddating teilgenommen. Ich würde gern zur Aktion Zivilcourage gehen. Der Verein setzt sich gegen Rechtsextremismus und für mehr Toleranz ein. Nächstes Jahr will ich dann Online-Medienmanagement oder Medien- und Kulturwissenschaft studieren."

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Seite 1
mirage122 29.06.2015
1. Von Beruf Tochter oder Sohn?
Ich frage mich nur, wie finanzieren diese Herrschaften die Reisen und das geballte Amüsement? In der Firma meines Sohnes sind 3 Azubis angefangen, die sich vorher ein Jahr Auszeit gegönnt haben - nach dem ganzen Stress. Der eine kam nach einem Tag schon nicht wieder, der 2. meldete sich erst einmal krank und der 3. meinte nur, er hätte sich das alles anders vorgestellt. Und in einem internationalen Beruf, wo Englisch absolute Voraussetzung ist, gab es derartige Lücken, dass eine Business-Kommunikation oder Mail-Verkehr nicht möglich war. In Deutsch übrigens auch nicht!
abby_thur 29.06.2015
2. Kommentar
Von allen kommt mir Tom aus Dresden am sympathischsten rüber. Bei allen anderen habe ich den Eindruck, dass da in der Teenagerzeit einiges verpasst wurde- und was albern ist, es jetzt nachzuholen.
Thorkh@n 29.06.2015
3. Stille Wut ...
Als ich vor 30 Jahren Abi machte, hatte ich nach Bekanntgabe der Noten ganze 2 Wochen Freiheit - genutzt für eine großartige Woche London -, bis ich zur Bundeswehr musste. Diese Schweinerei habe ich unserem Staat bis heute nicht verziehen.
hansfrans79 29.06.2015
4. TEENager
Zitat von abby_thurVon allen kommt mir Tom aus Dresden am sympathischsten rüber. Bei allen anderen habe ich den Eindruck, dass da in der Teenagerzeit einiges verpasst wurde- und was albern ist, es jetzt nachzuholen.
Wie meinen Sie das? Das sind doch alles noch Teenager. Das geht bis NineTEEN (Neunzehn, falls Sie kein Englisch sprechen). Dennoch komischer Artikel, das geht alles nur für priviligierte Kinder reicherer Eltern. Ich konnte mir, wie einige andere, nach dem Abi keine Auszeit gönnen und musste direkt verdienen. Aber ganz klar: besser ist ein wenig Pause!
hansfrans79 29.06.2015
5.
Zitat von mirage122Ich frage mich nur, wie finanzieren diese Herrschaften die Reisen und das geballte Amüsement? In der Firma meines Sohnes sind 3 Azubis angefangen, die sich vorher ein Jahr Auszeit gegönnt haben - nach dem ganzen Stress. Der eine kam nach einem Tag schon nicht wieder, der 2. meldete sich erst einmal krank und der 3. meinte nur, er hätte sich das alles anders vorgestellt. Und in einem internationalen Beruf, wo Englisch absolute Voraussetzung ist, gab es derartige Lücken, dass eine Business-Kommunikation oder Mail-Verkehr nicht möglich war. In Deutsch übrigens auch nicht!
Was haben die drei Azubis nun mit diesen jungen Leuten zu tun? Liest sich eher wie ein Rundumschlag Ihrerseits a lá "die junge Generation ist faul, früher war das besser". War es aber nicht und es freut mich ehrlich gesagt, dass Ihre drei Azubis offenbar Ansprüche haben und anders als frühere Generationen nicht mehr alles mitmachen, nur damit der Chef reich wird. ;)
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