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Türkisch-Abitur: "Wie soll ich denn da mithalten?"

Foto: Carsten Frömchen

Türkisch als Prüfungsfach Abitür für Müttersprachler

Türkisch in der Oberstufe sei gut für die Integration, sagen Bildungspolitiker. Doch meist bleiben türkischstämmige Schüler im Unterricht unter sich. Denn wer kein Muttersprachler ist, kann kaum mithalten.
Von Anil Koese

Türkischunterricht in einer Hamburger Oberstufe: Auf dem Stundenplan steht die Ghettoisierung der Türken. "Was sind die Faktoren, die zur Abschottung der Türken in unserem Stadtteil beitragen?", fragt Lehrer Tolga Yilmaz. Die Schüler verstecken ihre Köpfe hinter ihren Mäppchen und Ordnern. Yilmaz wartet geduldig, doch niemand meldet sich.

An der Nelson-Mandela-Schule in Hamburg bereiten sich 26 Schüler auf ihr Abitur im Fach Türkisch vor. Spätestens im kommenden Jahr sollten sie Antworten darauf parat haben, warum die Integration im Brennpunktviertel Wilhelmsburg so mühsam ist. Dann steht die schriftliche Prüfung an, und das Thema könnte drankommen.

Vor fast zehn Jahren richtete die Stadtteilschule Türkisch als Prüfungsfach im Abitur ein. Inzwischen bieten auch einige andere Hamburger Schulen sowie Schulen in Bayern, Nordrhein-Westfalen, Berlin und Bremen das Türkisch-Abi an. Bundesweit haben dieses Jahr knapp 230 Schüler die Prüfung bestanden.

Das sind zwar bei etwa 300.000 erfolgreichen Abiturienten immer noch nicht viele, doch Bildungspolitiker rechnen damit, dass das Fach noch gefragter wird. Nach Angaben der Hamburger Schulbehörde steigt die Zahl der Schüler, die sich in der Hansestadt fürs Türkisch-Abitur anmelden.

Türkisch nur für türkischstämmige Schüler

Der Hamburger Schulsenator Ties Rabe (SPD) sieht darin einen "wichtigen Beitrag zur Integration". So wie Französisch und Latein müsse auch Türkisch in den Schulen gelehrt werden. Die Türkei sei ein Land, das sich dynamisch entwickle und von entsprechenden Sprachkenntnissen könne man profitieren. "Auch deutsche Schüler sollen deshalb Türkisch lernen", sagte Rabe.

Doch in der Praxis tun sie das selten: Den Türkisch-Kurs in der Oberstufe der Nelson-Mandela-Schule besuchen ausschließlich türkischstämmige Abiturienten. Kein einziger Schüler ist darunter, dessen Familie keine türkischen Wurzeln hat.

Das liegt vor allem an einer Hürde: Für das Fach werden - anders als in Französisch oder Spanisch - sehr gute Sprachkenntnisse vorausgesetzt. "So schließt man alle nicht türkischstämmigen Schüler von vorneherein aus dem Kurs aus", kritisiert Abiturientin Alina Klauke, 19. Sie habe nie erwogen, Türkisch in der Oberstufe zu belegen. "Wie soll ich denn mithalten bei so vielen Muttersprachlern in einer Klasse?"

Rein deutschsprachige Schüler hätten es im Türkischunterricht schwer, gibt Oberstufenleiterin Karin Claußen-Hortig zu. Die Schule habe aber derzeit keine Kapazitäten, einen zusätzlichen Türkisch-Abiturkurs für Anfänger anzubieten. Außerdem hätten sich bisher nicht genügend Schüler dafür interessiert. Schuld daran sei vor allem das schlechte Image der türkischen Sprache, vermutet Lehrer Yilmaz. "Türkisch gilt als Migrantensprache", sagt er. Als eine europäische Wirtschaftssprache werde sie hingegen seltener wahrgenommen.

Separate Kurse für Muttersprachler und Anfänger seien sowieso nicht Sinn der Sache, sagt der Sprecher der Schulbehörde, Peter Albrecht. Er schlägt vor, dass rein deutschsprachige Schüler bereits in der Mittelstufe mit Türkisch beginnen, damit sie in der Oberstufe mithalten können. "Ich denke, dann haben sie das Niveau erreicht, um mit türkischen Muttersprachlern in einem gemeinsamen Kurs zu lernen."

Gute Noten gibt es nicht geschenkt

Wie viele Schüler sich wohl auf das Risiko einlassen würden, eben nicht so schnell aufzuholen und im Abitur eine schlechte Note zu kassieren? Abiturientin Lisa Berlin, 19, gehört zu denen, die sagen: "Türkisch zu lernen, reizt mich überhaupt nicht". Das sei schließlich keine Weltsprache wie Englisch, Französisch oder Spanisch. Ihre Mitschülerin Alina verspricht sich nicht einmal Vorteile auf dem Arbeitsmarkt, wenn sie Türkisch wählen würde. "Es gibt schließlich genug türkischstämmige Migranten, die sowohl Deutsch als auch Türkisch gut beherrschen."

Und so bleiben türkische Einwandererkinder unter sich, wenn sie an der Nelson-Mandela-Schule über Integration diskutieren. Lehrer Yilmaz findet das Fach trotzdem sinnvoll. "Wir vermitteln Wissen zur Kultur und Geschichte ihres Heimatlandes", sagt er. Das sei wichtig für die Identität und das Selbstbewusstsein junger Türken in Deutschland.

Eine gute Abi-Note im Fach Türkisch kriegen jedoch auch Muttersprachler nicht geschenkt. Die Schüler schreiben Erörterungen, lesen türkische Literatur. Im vergangenen Schuljahr haben sie zum Beispiel die Erzählung "Konyali Kiz" ("Das Mädchen aus Konya") von Fakir Baykurt gelesen und den Text auf sprachliche Stilmittel untersucht. Es geht darin um Kopftuchzwang in der Türkei.

Ahmet Celik, 18, ist in Hamburg geboren und aufgewachsen. Zu Hause mit seinen Eltern und seinen zwei Brüdern spricht er meistens Deutsch. Er belegt den Türkischkurs, um sicherer in seiner Muttersprache zu werden. "Selbst Chemie finde ich leichter", sagt er. Von Einsen könnten er und die Mitschüler, die nie in der Türkei gelebt hätten, nur träumen. Auch er sagt: "Ein Nicht-Muttersprachler hätte keine Chance mitzukommen."

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