Abitur nach zwölf Jahren Das irrationale Geschacher um G8

G8 ist als Turbo-Abi verschrien, als Stresstest für Schüler. Jetzt experimentieren mehrere Länder wieder mit neun Jahren Gymnasium. Zeit zu fragen: Was hat die Reform gebracht?

Es ist eins der skurrilsten Theaterstücke auf der Bühne der Schulreformen in Deutschland: die Umstellung vom Abitur in der 13. Klasse (G9) aufs Abitur in der 12. Klasse (G8) und zurück. Selbst die bayerische Regierung denkt darüber nach, wieder mehr Schüler in neun Jahren zum Abitur zu führen.

Die Kehrtwende fällt in den Bundesländern unterschiedlich aus. Niedersachsen ist das einzige Land, das komplett wieder auf neun Jahre Gymnasium setzt - obwohl der erste G8-Jahrgang erst vor fünf Jahren Abi gemacht hat. In Hessen können Schulen seit 2013 selbst entscheiden, ob sie ganz zurück zu G9 wechseln oder einzelne G9-Klassen einrichten oder bei G8 bleiben wollen. In Baden-Württemberg testen gerade 44 Gymnasien die Rückkehr zu G9.

Auch Bayern, bisher sturer Verfechter des 2004 eingeführten, verkürzten Gymnasiums, zeigt sich wieder offen für G9: 47 Gymnasien erproben eine um ein Jahr verlängerte Mittelstufe, die bei den Schülern überraschend gut ankommt . Die CSU-Regierung will sich zwar nicht gleich entscheiden, aber vieles deutet darauf hin, dass künftig noch mehr bayerische Gymnasiasten wieder in neun Jahren zum Abitur geführt werden.

Mit Pädagogik hat das Hin und Her wenig zu tun. Hinter G8 standen vor allem ökonomische Interessen: Jugendliche sollten früher für den Arbeitsmarkt bereitstehen. Deutschland sollte international nicht länger von anderen Ländern abgehängt werden, in denen die Nachwuchsfachkräfte die Schulen eher verlassen.

Hinter der Aufweichung von G8 stehen vor allem Eltern, Pädagogen, Schüler und Politiker, die wachsenden Stress an Schulen in einer angeblich überoptimierten Leistungsgesellschaft beklagen. Der Protest gegen G8 führte in Hamburg und Bayern zu Volksbegehren, in Nordrhein-Westfalen, Schleswig-Holstein, Hessen zu Elterninitiativen und Bürgerbündnissen.

Die Jako-o-Bildungsstudie , für die vor zwei Jahren 3000 Eltern befragt wurden, zeigt: Acht von zehn Eltern würden für ihr Kind das neunjährige Gymnasium wählen, wenn sie sich entscheiden dürften.

Doch was ist dran an den vielen Ängsten, die am Abi nach der 12. Klasse haften? Sind G8-Schüler wirklich unzufriedener? Haben sie weniger Zeit, sich zu entfalten, bevor sie ihren Weg ins Berufsleben finden müssen? Kommen sie früher im Beruf an, wie es der Plan war?

Die wichtigsten G8-Mythen - und was dahintersteckt:

Sind G8-Schüler gestresster?

Einige ja. Wissenschaftler der Leibniz Universität Hannover haben den doppelten Abiturjahrgang in Sachsen-Anhalt 2007 verglichen und herausgefunden, dass G8-Schüler sich gestresster fühlen . Auch eine Studie mit rund 5000 baden-württembergischen Abiturienten ergab: Jene aus den G8-Jahrgängen klagen öfter über Erschöpfung, Druck und Überforderung. Sie sagen auch häufiger, dass sie unter Bauch- und Kopfschmerzen leiden, schlecht schlafen und wenig Appetit haben.

Doch dramatisieren sollte man diese Ergebnisse nicht, sagt Studienleiter Ulrich Trautwein von der Universität Tübingen. "Vielleicht ist das achtjährige Gymnasium tatsächlich für manche Schüler anstrengender. Vielleicht fühlen sich aber auch viele nur gestresster, weil die Medien so oft darüber berichtet haben, wie schlimm G8 ist - oder weil ihre Lehrer der Reform kritisch gegenüberstehen."

Es könne auch sein, dass die teilweise als chaotisch und konzeptlos erlebte Umstellungszeit für viele Schüler besonders belastend war und dass sich vieles schon eingespielt habe, sagt Trautwein. Um das auseinanderdividieren zu können, müsste man noch einige G8-Abiturienten befragen, die von der Umstellungsphase nicht betroffen waren.

Klar sei jedenfalls: "Der Unterschied zwischen G8- und G9-Jahrgängen ist weniger groß als der Unterschied zwischen Jungen und Mädchen generell", sagt Trautwein. "Man muss also nicht in Hysterie verfallen."


Können G8-Schüler weniger gut persönlich reifen?

Nein. Forscher aus Hannover und Magdeburg haben keine Anzeichen dafür gefunden , dass die G8-Reform sich auf die Persönlichkeitsentwicklung der Schüler auswirkt - trotz vollerer Stundenpläne und weniger Freizeit.

Zwei Forscherinnen des DIW und der Universität Bamberg zeigen auf , dass die Schulzeitverkürzung sehr wohl etwas ausgelöst habe, aber nicht nur Negatives: G8-Schüler seien durchschnittlich extrovertierter, vielleicht weil sie länger in der Schule und deshalb unabhängiger von zu Hause seien - und engere Kontakte zu anderen Schülern und Lehrern aufbauen könnten.

In Bezug auf Offenheit und Gewissenhaftigkeit besteht der Studie zufolge kein Unterschied zu G9-Schülern. G8-Schüler seien aber emotional etwas weniger stabil, wohl wegen der höheren Arbeitsbelastung.


Vernachlässigen G8-Schüler ihre Hobbys?

Nein. G8-Schüler sind in ihrer Freizeit genauso aktiv wie G9-Schüler, schreiben die Wissenschaftlerinnen des DIW und der Uni Bamberg. Zu einem ähnlichen Schluss kommen auch Bildungsforscher Trautwein und seine Kollegen von der Uni Tübingen. "Dass die verkürzte Gymnasialzeit den kulturellen Untergang des Abendlandes einleiten soll, ist wissenschaftlich nicht zu belegen", sagt er.

G8-Schüler nehmen sich der Studie  zufolge genauso viel Zeit, um im Orchester zu spielen, zu lesen oder anderen Hobbys nachzugehen. Dass sie weniger Freizeit haben, äußert sich darin, dass sie seltener einen Nebenjob ausüben, nach der Schule ihre Freunde treffen, Sport treiben oder fernsehen.

Auch im Doppeljahrgang in Sachsen-Anhalt hatten G8-Schüler weniger Zeit für Nebenjobs  - und für ehrenamtliche Tätigkeiten. Ein Vergleich  nordrhein-westfälischer Oberstufenschüler ergab hingegen, dass G8-Schüler teilweise sogar etwas öfter einem Hobby im Sportverein, im musischen oder sozialen Bereich nachgehen.

Die Ergebnisse sind also nicht einheitlich. Doch dass G8-Schüler es kaum noch schaffen, nach der Schule einem Hobby zu frönen, legt keine der Studien nahe.


Sind G8-Schüler schlechter in der Schule?

In manchen Fächern ja. Aber in welchen? Die Forschungsergebnisse widersprechen sich. In Sachsen-Anhalt waren die G8-Schüler im Doppeljahrgang zum Beispiel etwas schlechter in Mathe, aber genauso gut in Deutsch .

In Baden-Württemberg hingegen zeigte sich kein Unterschied in Mathe und in Physik. In Englisch waren G9-Schüler dafür deutlich besser und in Biologie ein bisschen besser .

Auf die Abiturnoten wirkte sich das allerdings kaum aus. In Bayern, dem Saarland, Baden-Württemberg und Niedersachsen beispielsweise lagen Absolventen der doppelten Jahrgänge beim Abiturschnitt nahezu gleichauf.

Außerdem können G8-Abiturienten zum Beispiel mangelnde Fremdsprachenkenntnisse oft außerhalb der Schule viel schneller aufholen - etwa bei einem Auslandsaufenthalt in England oder den USA während des gewonnenen Jahres. Die wichtigere Frage ist deshalb:


Sind G8-Schüler genauso fit für die Uni?

Ja. Eine Befragung von rund 1500 Studienanfängern des G8/G9-Doppeljahrgangs an einer nordrhein-westfälischen Universität zeigt: G8-Schüler sind ebenso informiert über Studienmöglichkeiten wie ihre Mitschüler aus G9. Sie sind auch ebenso neugierig, selbstreflektiert und interessiert an ihrem Studienfach.

G8-Schüler fühlen sich der Studie  zufolge nicht schlechter ausgebildet in wissenschaftlichen Arbeitstechniken wie Literaturrecherche, PC-Nutzung und dem Erstellen von Präsentationen - wobei 20 bis 30 Prozent der Schüler beider Jahrgänge angaben, in diesen Bereichen nicht allzu firm zu sein. Im Zeitmanagement haben G8-Absolventen dieselben Defizite wie G9-Absolventen.

Eine Auswertung  des Doppeljahrgangs in Sachsen-Anhalt förderte auch keine Unterschiede in der Studierfähigkeit zutage. G8-Schüler seien ebenso motiviert und geeignet für die Uni wie ihre G9-Kollegen. Sie brechen ihr Studium auch nicht häufiger ab. "Die Angst, dass Schüler nach verkürzter Schulzeit im Studium eher überfordert sind, kann nicht bestätigt werden", schreiben die Autoren vom Niedersächsischen Institut für Wirtschaftsforschung.


Kommen G8-Schüler früher in den Beruf?

Wohl schon, aber im Schnitt nicht ein ganzes Jahr früher. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung hat herausgefunden , dass G8-Schüler häufiger eine Klasse wiederholen und deshalb durchschnittlich nur zehn Monate jünger sind, wenn sie Abitur machen.

Für die meisten Abiturienten führt der Weg in den Beruf über die Hochschulen. Und Daten des Statistischen Bundesamts zeigen, dass G8-Absolventen etwas seltener direkt nach der Schule studieren.

Insbesondere Frauen ziehe es nach der Schule vermehrt nicht gleich an die Uni, sagt Bildungsforscher Tobias Meyer von der Leibniz Universität Hannover. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie im Jahr nach dem Abi ein Studium aufnehmen, sei bei G8-Abiturientinnen um etwa 10 bis 15 Prozent kleiner als im G9.

"Zwischen Abitur und Studium wird vermehrt ein Freiwilligendienst, ein Auslandsaufenthalt oder eine Berufsausbildung absolviert", sagt Meyer.

Was heißt das nun für das Ziel, Abiturienten früher in den Arbeitsmarkt zu bringen? Dazu gibt es bislang noch sehr wenige wissenschaftliche Daten. Trotzdem lässt sich schon sagen: Das Ziel wird wohl weitgehend erreicht - aber mit Abstrichen.


Was hat es alles gekostet?

Finanziell ist G8 eher etwas günstiger als G9. Es müssen zwar gleich viele Lehrer beschäftigt und gleich viele Stunden vergütet werden, da der Unterricht lediglich um ein Jahr verdichtet, aber nicht gekürzt wurde. Doch da G8-Absolventen ein Jahr früher die Schule verlassen, sparen die Kommunen theoretisch bei den Gebäudekosten.

Außerdem nimmt der Staat mehr Steuern ein, wenn junge Menschen früher in den Beruf einsteigen. Doch bisher hat noch niemand abschließend ausgerechnet, wie viel das sein könnte.

Die Umstellungsphase haben sich die Länder nicht viel kosten lassen. Berlin etwa hat für den Wechsel zu G8 überhaupt keine zusätzlichen Haushaltsmittel ausgegeben. Auch aus anderen Ländern ist zu hören: Die Lehrpläne würden ohnehin regelmäßig überarbeitet.

Die Schulbuchverlage kommt solch eine Reform hingegen teuer zu stehen. Im besten Fall müssen die Bücher nur leicht angepasst werden. Dann lägen die Kosten pro Lehrwerksreihe bei rund 100.000 Euro, teilte der Verband Bildungsmedien mit.   Bei neuen Lehrplänen mit großen inhaltlichen Änderungen könnten die Ausgaben für Redaktion, Autorenhonorare, neue Bildrechte, Druck und Vertrieb allerdings auch auf 500.000 Euro pro Lehrwerksreihe klettern.


Und jetzt?

Eins hat die Reform definitiv gekostet: Kraft. Wissenschaftler warnen deshalb davor, auf G9 zurückzudrehen. "Ich sehe keine Indikatoren, die nahelegen, dass wir von G8 wieder wegkommen müssen", sagt der Essener Bildungsforscher Klaus Klemm.

Ulrich Trautwein aus Tübingen sieht das ähnlich. "Wir sollten das Beste aus G8 machen", sagt er. Es mache keinen Sinn, den Schulen noch einmal einen solchen Kraftakt anzutun und die Reform rückgängig zu machen. "Es gibt wichtigere Baustellen im Bildungssystem."

Zumal: Wer G9 will, der kann es immer noch vielerorts bekommen, in Hamburg beispielsweise an Stadtteilschulen, in Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen und im Saarland an Gesamt- und Gemeinschaftsschulen oder in Bremen an Oberschulen.

Die Rückkehr zu G9 würde außerdem bedeuten, dass irgendwann, in ein paar Jahren, ein Abiturjahrgang ausfällt. Wie sollen die Hochschulen damit umgehen, wenn ihnen plötzlich die Erstsemester fehlen? Dozenten entlassen? Es könnte ein weiterer skurriler Akt in einem ohnehin schrägen Theaterstück werden.

Grafiken: Frank Kalinowski und Aída Marquez Gonzalez
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