Ungerechte Abiturnoten Meine Zwei ist besser als deine - relativ gesehen

Von Bijan Moini
Abitur ist nicht gleich Abitur: Die Durchschnittsnote hängt stark davon ab, in welchem Bundesland der Schüler wohnt. Dabei gäbe es eine einfache Lösung, den Schulabschluss vergleichbar zu machen: der Vergleich zu den Mitschülern.
Abiturprüfung in Niedersachsen (Archiv): Eine halbe Note schlechter als in Thüringen

Abiturprüfung in Niedersachsen (Archiv): Eine halbe Note schlechter als in Thüringen

Foto: Julian Stratenschulte/ picture alliance / dpa

Sind Schüler in Niedersachsen dümmer als in Thüringen? Im Jahr 2013 lag die durchschnittliche Abiturnote in Thüringen bei 2,17 - in Niedersachsen fast eine halbe Note darüber, nämlich bei 2,61. Der Unterschied ist gravierend, doch das liegt nicht daran, dass die Schüler zwischen Friesland und Göttingen weniger intelligent wären. Es liegt am System.

Schüler müssen bundesweit um zulassungsbeschränkte Studienplätze konkurrieren - Abiturienten aus Niedersachsen sind dabei also strukturell benachteiligt. In den vergangenen Wochen wurden viele Stimmen laut, die diese Ungerechtigkeit des deutschen Abiturs bemängeln. Aufgrund der unterschiedlichen Anforderungen und Berechnungsmethoden in den einzelnen Bundesländern seien Abiturnoten nicht miteinander vergleichbar, so die Kritiker.

Natürlich wäre ein bundesweites Zentralabitur eine Lösung für das Problem. Doch die Bildungspolitiker der Länder sträuben sich: Sie verweisen auf die Tradition einer regional differenzierten Ausbildung und auf den Aufwand, der mit einem solchen Projekt verbunden wäre. Damit ist die Einführung eines Zentralabiturs nicht realistisch.

Rang statt Note

Doch es gibt noch eine Möglichkeit: Die durchschnittliche Abiturnote sollte als Maßstab abgeschafft und durch eine relative Größe ersetzt werden, nämlich die Leistung des Abiturienten im Vergleich zu seinen Mitschülern. Dazu könnte in das Abiturzeugnis neben der Note und den bis zu 900 Punkten noch eine dritte Größe aufgenommen werden, die man als Rang bezeichnen könnte: Die Platzierung des Abiturienten in seinem Bundesland geteilt durch die Gesamtzahl aller Abiturienten seines Bundeslandes mal 1000; das Ergebnis wäre auf eine ganze Zahl (zwischen 0 und 1000) zu runden. Je niedriger also diese Zahl, desto besser.

Der Rang wäre über die Landesgrenzen und Jahrgänge hinweg vergleichbar. Schüler würden künftig zunächst nur mit jenen verglichen, deren Noten unter vergleichbaren Bedingungen entstanden. Dass ein Einser-Abitur in einem Bundesland oder Jahrgang leichter zu erreichen ist als in einem anderen, hätte dann auf die Studienzulassung keine Auswirkung mehr. Ein Beispiel: Tom erhält in seinem Bundesland die Abiturnote 1,9, Nadja in ihrem Bundesland die Note 2,3. Tom hat in seinem Bundesland Platz 5.802 von 15.328 erreicht, Nadja Platz 12.374 von 34.320. Tom ist also unter den besten 37,9 Prozent seines Jahrgangs und hätte einen Rang von 379, Nadja ist unter den besten 36,1 Prozent mit einem Rang von 361. Obwohl sie die schlechtere Durchschnittsnote erzielte, hat Nadja relativ gesehen besser abgeschnitten als Tom.

Das wäre gerechter als der Vergleich der Durchschnittsnoten. Denn Nadja hat in dem ihr gesetzten Rahmen ebenso viel geleistet wie Tom, wenn sie im Verlauf von zwei Schuljahren die annähernd gleiche Anzahl an Mitschülern hinter sich gelassen hat.

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Das Rang-System hat bereits internationale Vorbilder. In vielen Disziplinen, Ländern und Auswahlverfahren werden Kandidaten nach dem Rang in ihrer Referenzgruppe eingeordnet. Die EU-Kommission empfiehlt etwa zur besseren Vergleichbarkeit von europäischen Hochschulen die standardisierte Erhebung von Notenverteilungsskalen. Auch viele internationale Universitäten ordnen Bewerber nach ihrer relativen Platzierung ein: Wie sonst sollte eine amerikanische Uni BWL-Noten aus Dutzenden Ländern und Bewertungssystemen miteinander vergleichen?

Ein Rang auf den Abiturzeugnissen könnte mit ein paar zusätzlichen Excel-Tabellen leicht eingeführt werden. Das 840-Punkte-System des Abiturs gewährleistet eine vernünftige Differenzierung, und auch wenn mehrere Abiturienten auf einem Rang landeten, würde das System noch funktionieren. Alle Auswahlsysteme, die auf Durchschnittsnoten basieren, müssten auf den Rang umgestellt werden - ebenfalls ein vertretbarer Aufwand. Auch für bundesweite Begabtenförderungswerke oder Unternehmen, die nach Abiturnote auswählen, könnte ein bundesweiter Rang nützlich sein.

Auch wenn die Einführung des Rangs ein Zentralabitur nicht ersetzen kann: Die Welt der Abiturienten würde mit seiner Einführung ein wenig gerechter.

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