Proteste gegen Mathe-Abi Die zweifelhafte Macht der Masse

Abiturienten beschweren sich über angeblich zu schwere Prüfungen in Mathematik. Es ist fraglich, ob der Aufstand gerechtfertigt ist - oder ob deutsche Schüler nur ihre Leidenschaft am Protest entdeckt haben.

Schüler bei einer Prüfung
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Schüler bei einer Prüfung

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Finden Sie nicht, dass Sie längst eine Gehaltserhöhung verdient hätten? Dass ihr Arbeitgeber Sie und ihre Kollegen wirklich unterirdisch bezahlt? Vielleicht sollten Sie dann eine Onlinepetition starten. Verbreiten Sie den Link unter Ihren Facebook- und WhatsApp-Kontakten. Bitten Sie unbedingt auch die Nachbarn um Unterstützung!

Klingt absurd?

Nach diesem Muster protestieren Abiturienten in Bayern und Hamburg, in Thüringen, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt, in Berlin und Bremen gerade gegen zu schwere Abiturprüfungen. Die Schüler sammeln im Internet Unterschriften, um vermeintliche Ungerechtigkeit zu beseitigen - mit beachtlicher Resonanz.

Knapp 5000 unterstützen bisher etwa den Hamburger Protest auf der Plattform openpetition.de, gut 11.000 die niedersächsische Initiative. Mehr als 60.000 Menschen unterschrieben die Petition "Bewertung des Mathe Abiturs in Bayern anpassen" auf Change.org - was allein schon deshalb merkwürdig ist, weil 2019 in Bayern nur rund 39.000 Prüflinge zum Abitur antraten.

Dass die Reifeprüfungen in all diesen Bundesländern zu kompliziert, zu lang oder zu schwer waren, ist zwar theoretisch möglich - aber doch sehr unwahrscheinlich.

Generation Greta droht Respekt zu verspielen

In diesem Frühjahr haben Schüler in ganz Deutschland ihre Leidenschaft für den öffentlichen Protest entdeckt. Bei den "Fridays for Future" marschierten junge Menschen mit bunt bemalten Schildern durch die Straßen, um gegen den Klimawandel zu demonstrieren - und wurden dabei von der Elterngeneration erstmals als verantwortungsvolle, politisch denkende Menschen wahrgenommen. Es liegt nahe, dieses Instrument nun auch für die eigene Sache zu nutzen.

Die Gefahr ist groß, dass die Generation Greta den mühevoll erworbenen Respekt mit Aktionen wie diesen wieder verspielt. Denn die Abi-Aktivisten argumentieren im Gegensatz zu den Anführern der "Fridays for Future"-Märsche komplett ohne wissenschaftliche Grundlage.

Die Petition aus Bayern beginnt mit den Worten "In den vergangenen Jahren sank das Leistungsniveau der Abiturprüfungen in Mathematik. 2016 war es anspruchsvoll, 2017 war es machbar, 2018 war es nahezu leicht und 2019 enthielt es plötzlich Aufgabenstellungen, die vorher kaum einer gesehen hatte."

Ob die Abituraufgaben nun wirklich anspruchsvoller waren als in vergangenen Jahren, müssen nun Fachleute entscheiden. Die Antwort ist komplex - und sie wird von Fach zu Fach, von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich ausfallen. Denn auch wenn die Kultusministerkonferenz seit Jahren ankündigt, die Prüfungen zur Allgemeinen Hochschulreife vergleichbarer und damit gerechter gestalten zu wollen - weit ist sie mit diesem Vorhaben bisher nicht gekommen.

Nur ein Bruchteil der Schüler hat die Aufgaben gesehen

Seit 2017 stellt das Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) der Berliner Humboldt-Universität einen sogenannten Gemeinsamen Aufgabenpool zusammen: Abituraufgaben für die Fächer Mathematik, Deutsch, Englisch und Französisch. Aus dieser Sammlung können sich die Länder bedienen, wenn sie die Prüfungen für ihre Schüler konzipieren.

Die Betonung liegt hier auf dem Wort "können": Bis auf Hamburg bezogen die Länder nur einige wenige Aufgaben aus dem zentralen Pool. Alle weiteren stellten die föderalen Prüfungskommissionen selbst. Die Schulen können in der Regel noch einmal aus mehreren Aufgabenvorschlägen wählen. Die als zu schwer beanstandeten Aufgaben hat also nur ein Bruchteil der Schüler überhaupt gesehen.

Möglich ist aber, dass Schüler die Prüfungen vielerorts als zu schwer wahrgenommen haben - gemessen an ihrem Kenntnisstand. Nahezu alle Bundesländer beklagen seit Jahren einen eklatanten Lehrermangel. Vielerorts füllen Quereinsteiger die Lücken, die Fachkollegen auf dem Weg in den Ruhestand hinterlassen haben. Immer wieder müssen Stunden trotz aller Bemühungen ausfallen.

Es wäre keine Überraschung, wenn Schüler nun schlechter auf die Abiturprüfungen vorbereitet wären als frühere Jahrgänge. Dann wäre öffentlicher Protest absolut gerechtfertigt - allerdings nicht gegen die Prüfungen, sondern gegen den mangelhaften Unterricht.



insgesamt 153 Beiträge
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Seite 1
erzengel1987 07.05.2019
1. Gut ich bin der letzte G9 Schüler gewesen
Aber ich finde die Aufgaben die hier veröffentlicht worden sind noch machbar. Hätte mich da als Schüler auch nicht beschwert. Aber gut als Schüler beschwert man sich doch eh gern gegen Prüfungen ist doch normal. Problem ist nur folgendes. An der Uni oder Hochschule ist das wirklich Mathe auf unterem Niveau... da gehts eigentlich direkt los. Nicht umsonst müssen Aufbaukurse angeboten werden.... Daher macht das Abitur ruhig wieder etwas schwerer. Aber am besten auch wieder mit 13 oder sogar 14 Jahren Schule. Abi mit 12 Jahren Schule ist quasi nur ein billiges Fachabi... mehr nicht. Und die Reife fehlt... durch den Wegfall der Wehrpflicht wirkliche in Problem. Da wird sogar jetzt wertvolle Zeit durch das beliebte 1 Jahr nichts machen geopfert... Das bringts ja auch nicht.
Phil2302 07.05.2019
2. Einfache Mathematik
Machten früher 25 % eines Jahrgangs Abitur und heute 50 %, so müssten die unteren 50 % des heutigen Jahrganges konsequent mangelhaft stehen. Da sie dies nicht tun, muss das Abitur leichter geworden sein. Wer also heutzutage nur ein ausreichend schafft sollte sich freuen, weil er vor 15 Jahren nicht einmal zugelassen worden wäre. Die Rechnung kommt eh noch an der Uni, wenn man merkt, dass ein gut in Mathematik (zumeist) null Komma nichts wert ist.
fatherted98 07.05.2019
3. Bisher...
....haben solche Proteste nie zu etwas geführt. Warum auch? Aufgaben die gestellt wurden, wurden nicht gelöst....daraus zu folgern, dass sie zu schwer waren ist nicht folgerichtig. Wenn man böswillig wäre, könnte man anmerken, dass die Schüler an statt bei Fridays for Future zu demonstrieren, lieber mal gelernt hätten....nur waren wahrscheinlich nur ein Bruchteil derer da. Der Rest war in der Schule und hat nicht zugehört oder zu Hause im Bett, mit der Decke über dem Kopf. Beides nicht zuträglich für eine gute Abi Note.
estark 07.05.2019
4. Wer Arzneimittelstudien
später selber bewerten will, muss diese Aufgaben lösen können. Also zumindestens der Matheteil qualifiziert für das Medizinstudium
b.w.s 07.05.2019
5.
Wenn man freitags demonstriert und nicht in die Schule geht, darf man sich nicht wundern, wenn Prüfungen schwerer erscheinen und man schlechter abschneidet. Wir brauchen für die Zukunft gute Ingenieure und Wissenschaftler und nicht Leute, die gut demonstrieren können!
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