Abiturienten Für die Schule, nicht für das Leben lernen sie

Zumindest kritische Selbsteinschätzung scheinen deutsche Schüler auf den Gymnasien zu lernen: Nur ein Drittel der Abiturienten fühlt sich gut auf Studium und Beruf vorbereitet. Defizite beklagen sie vor allem bei praktischen Computerkenntnissen und wissenschaftlicher Arbeitsweise.


Eine deutliche Mehrheit der Studienanfänger gibt zu, sie seien trotz jahrelangen Paukens mit "ernsthaften Wissens- und Fähigkeitsdefiziten" in das Studium gestartet, wie eine neue Untersuchung ergab. Das Hannoveraner Hochschul-Informations-System (HIS) hatte im Auftrag des Bildungsministeriums 8000 Erstsemester befragt. Im Wintersemester vor einem Jahr stuften nur 35 Prozent ihre Vorbereitung auf das Studium oder die Berufsausbildung als "sehr gut" oder "gut" ein.

Vor allem angehende Mediziner, Mathematiker, Naturwissenschaftler und Ingenieure stellen ihren Schulen ein schlechtes Zeugnis aus. In diesen Bereichen beklagen neun von zehn Studienanfängern fachliche Defizite. Abiturientinnen gehen mit ihren Lehrern etwas härter ins Gericht als ihre ehemaligen männlichen Klassenkameraden; Fachgymnasiasten und ostdeutsche Abiturienten zeigen sich mit ihrem Rüstzeug zufriedener als der Schüler-Durchschnitt.

Hochschulreife: Nur ein Drittel fühlt sich gut vorbereitet
Institut der deutschen Wirtschaft

Hochschulreife: Nur ein Drittel fühlt sich gut vorbereitet

Mit dem Studienbeginn zeigten sich vor allem Wissenslücken beim wissenschaftlichen Arbeiten und im Umgang mit dem Computer, heißt es in der Studie. Bei jungen Frauen hapere es nach ihrer eigenen Einschätzung besonders an praktischen PC-Kenntnissen. Ein Drittel der Abiturienten sieht Nachholbedarf bei wissenschaftlichen Arbeitstechniken, viele schätzen auch ihr Können in Mathematik und der zweiten Fremdsprache neben Englisch als unzureichend ein.

Die HIS-Forscher finden die Defizite der Erstsemester "alarmierend". Der Befund deckt sich weitgehend mit einer Umfrage unter 1400 Professoren, die kürzlich vom Kölner Institut der deutschen Wirtschaft veröffentlicht wurde: Nur jeder zehnte Hochschullehrer hält das Abitur noch für einen sicheren Nachweis der Studierfähigkeit. Um das Grundwissen der Studenten stehe es in vielen natur- und geisteswissenschaftlichen Fächern schlecht.

Klaus Landfried: Studium auf Probe statt Fallbeil der Prüfung
DPA

Klaus Landfried: Studium auf Probe statt Fallbeil der Prüfung

Seit Jahren schon debattieren Bildungspolitiker, Hochschulrektoren und Wirtschaftsvertreter über die Qualität des Abiturs. Inzwischen haben die Hochschulen das Recht erhalten, einen Teil ihrer Studenten selbst auszuwählen, machen davon allerdings nur zögernd Gebrauch. Ob flächendeckende Hochschuleingangsprüfungen die Lösung sind, ist stark umstritten.

Manche Experten plädieren unterdessen für ein Probestudium, um "biographische Sackgassen zu vermeiden", so Klaus Landfried. Der Präsident der Hochschulrektorenkonferenz hält mehrere Tests im Laufe des ersten Studienjahres für besser als das "Fallbeil einer punktuellen Eingangsprüfung".



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