Abschiebung eines Berliner Schülers Breakdance-Star soll in den Libanon

Der Realschüler Hassan Akkouch ist ein Prachtbeispiel für gelungene Integration: Der 17-Jährige ist Schülersprecher, erstklassiger Breakdancer, trainiert andere Jugendliche aus Problemvierteln, spielt in einer ZDF-Serie mit. Nun will der Berliner Senat ihn abschieben.


Berlin - Hassan Akkouch engagiert sich dort, wo sich in den letzten Wochen zeigte, dass Schulen und Politik versagen. Er trainiert mit den Jungs und Mädchen von der Berliner Rütli-Schule im Problemkiez Neukölln, mit Jugendlichen, die in der deutschen Gesellschaft nicht zurecht kommen. Dabei geht es nicht nur um Tanzschritte und Körperhaltung. Der 17-Jährige schreitet auch ein, wenn es um Probleme zwischen den Jugendlichen geht. Und er zeigt ihnen, dass man was erreichen kann im Leben - wenn man hart genug dafür arbeitet.

Als "ein gutes Vorbild für viele Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund" und "Respektsperson": So beschreibt ihn Eva Radlicki vom ZDF gegenüber SPIEGEL ONLINE. Genau deshalb spielt er auch in der Serie "King Style Kickers" der Sendung "Limit06" zur Fußball-WM mit, die diesen Samstag im ZDF anläuft (12.35 Uhr, insgesamt fünf Teile bis Anfang Juli). "Wenn Hassan Akkouch in unserer Dokuserie zu seinem jüngeren Bruder sagt: 'Wenn du gewinnen willst, musst du trainieren, und wenn du was werden willst, dann musst du lernen', dann entspricht das seiner tiefsten Überzeugung", erklärt Eva Radlicki, Leiterin der Redaktionsgruppe Information im Bereich Kinder und Jugend. "Hassan ist für uns ein Beispiel für bestmögliche Integration."

Die "taz" beschrieb Hassan Akkouch gerade in einem ausführlichen Porträt. Für einen 17-Jährigen hat er einen imposanten Aktionsradius: Er holt nicht nur andere Jugendliche von der Straße, er mischt auch bei Tanzfestivals mit, räumt Preise bei Breakdance-Wettbewerben ab, ist Schülersprecher an einer Berliner Realschule und will dort in diesem Sommer seinen Realschulabschluss machen. Doch wenn es nach dem Berliner Innensenator geht, wird ihm all dieses Engagement letztlich nichts nützen. Hassan Akkouch soll mit seiner Familie abgeschoben werden - zum zweiten Mal.

Im April 2003 wurde die Familie schon einmal in den Libanon ausgewiesen. Sechs Wochen später jedoch war die Mutter mit ihren fünf Kindern wieder in Deutschland. Denn der Libanon ist zumindest den Jüngeren gänzlich unbekannt. Zwar spricht Hassan Akkouch Arabisch, aber schreiben kann er es nicht. Er war erst zwei Jahre alt, als er mit seiner Familie vor dem Bürgerkrieg nach Deutschland flüchtete. Doch jetzt herrscht im Libanon offiziell Frieden, und als Schiiten werden seine Familie und er dort nicht verfolgt. Der deutsche Staat hingegen muss für sie bezahlen: Seine Mutter ist auf Sozialhilfe angewiesen, einen Beruf hat sie nicht gelernt. Zurzeit bemüht sie sich, ihren Hauptschulabschluss nachzumachen.

Traum vom Beruf Sozialarbeiter

"Im Dezember 2005 hatte sich die Härtefallkommission dafür ausgesprochen, dass Hassan Akkouch bleiben darf", erklärt Eva Radlicki, "jenseits juristischer Fragen ist für uns die jetzige Entscheidung, Hassan Akkouch doch abzuschieben, nicht nachvollziehbar." Doch dem Berliner Innensenator Ehrhart Körting (SPD) hat das laut "taz" nicht genügt; die Verwaltung erklärte Hassans Familie für "vollziehbar ausreisepflichtig".

Das Problem: Die Härtefallkommission kann nur Empfehlungen aussprechen, die für den Berliner Senat aber nicht bindend sind. Dem Votum des Gremiums mit Vertretern von Wohlfahrtsverbänden, Kirchen, des Flüchtlings- und Migrationsrates sowie des Senats folgt Körting in vielen Fällen nicht. Warum das auch bei Hassan Akkouch und seiner Familie so ist, wird aber nicht begründet. "Wir äußern uns nicht zu Einzelfällen", sagt Henrike Morgenstern, Pressesprecherin des Innensenators. Auch die Mitglieder der Härtefallkommission sind gesetzlich zum Schweigen verpflichtet.

Erhebliche Turbulenzen gab es in den letzten Monaten beispielsweise um die ebenfalls von Abschiebung bedrohte kurdischen Familie Aydin, die in die Türkei zurückkehren soll und derzeit um die Wiederaufnahme des Asylverfahrens käpmft. Die Familie lebt seit 17 Jahren in Deutschland, Ende Mai läuft die Duldung aus. Auch bei ihnen hatte sich die Härtefallkommission für ein Bleiberecht ausgesprochen, der Innensenator und die Mehrheit im Abgeordnetenhaus votierten indes dagegen: Die Eltern und vier Kinder sollen abgeschoben werden; vier weitere volljährige Kinder haben eine eigenständige Aufenthaltsgenehmigung; drei Kinder dürfen zumindest bis zum Abschluss ihrer Ausbildung bleiben.

Dazu zählt Hayriye Aydin, ebenso alt wie Hassan Akkouch und ebenfalls eine Vorzeige-Jugendliche: Weil sie in einer Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus mitmacht, wurde sie Ende März von Bundespräsident Horst Köhler ins Schloss Bellevue eingeladen - als Anerkennung für ihr Engagement. Die Familie der 17-Jährigen soll trotzdem auseinandergerissen werden.

Für Hassans Familie ist die Duldung bereits abgelaufen, es gibt keine Schonfrist mehr. Nun ist es nur eine Frage der Zeit, bis Hassan Akkouch ausgewiesen wird - heute, morgen oder in ein paar Wochen. In weite Ferne rückt sein Traum, erst das Abitur zu machen und anschließend Sozialarbeit zu studieren.

elo/jol



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