Abschied vom Abi-Sommer Bye, bye Sorglosigkeit

Ausschlafen, chatten, Bier im Park: Nach dem Abi scheint die Zeit stillzustehen. Aber was dann - wo wohnen, was studieren, wen lieben? Ein Jahr lang hat Buchautorin Lara Fritzsche, 25, Abiturienten begleitet und ihr Lebensgefühl eingefangen. Ein Nachruf auf den Sommer, der alles verändert.

Jugendliche am Lagerfeuer: Abschied vom leichten Leben
dpa

Jugendliche am Lagerfeuer: Abschied vom leichten Leben


Das soll er also gewesen sein, der beste Sommer des Lebens? Die ersten Wochen nach der letzten Abiturprüfung schien die Realität das Versprechen von einer sorgenfreien, geilen Zeit noch zu halten. Der Wind war warm, durchsetzt mit Blütenpollen und roch nach Grillfleisch. Auch noch spät abends streichelte er über ihre Arme, so lau, dass man Gänsehaut bekommen konnte.

Sie saßen zusammen, aneinander gelehnt, lagen, den Kopf im Schoß der Freundin abgelegt. Neben ihnen im Rasen brannten ein paar rote Friedhofskerzen. Sie hatten sich Entspannung verdient nach neun harten Jahren Schule - das war ihr Gefühl in diesen Wochen.

Jeder Tag war gleich und verging so richtig schön langsam. Mittags aufstehen, chatten und im Internet surfen, dann um halb drei ein Bier aus dem Kühlschrank holen, weiter chatten. Dann duschen, anziehen und in den Park gehen. Jeden Tag kamen sie hier an derselben Stelle zusammen, am Rand des Hügels, mit Blick auf die gesamte Rasenfläche, den Teich und den Spielplatz. Das war ihr Treffpunkt.

Irgendjemand war immer da

Ganz selbstverständlich tauchte man hier auf, manchmal sogar ohne vorher mit dem Handy zu überprüfen, wer da ist. Irgendjemand war immer da. Küsschen recht, Küsschen links, Decke ausbreiten, Bier aufmachen. An manchen Tagen waren sie so viele, dass die vielen verschieden farbigen Quadrate von oben ausgesehen haben müssen wie ein großer Fleckenteppich.

Sie lagen in der Sonne, schwiegen, quatschten, lachten, grillten. Im Kreis sitzend erzählten sie sich dann die besten Szenen aus der Schulzeit immer und immer wieder, witzelten über die Lehrer und lästerten nochmal über die Prüfungsfragen. Irgendwann eröffnete immer irgendeiner die Debatte, wer aus der Stufe wohl als erstes Kinder bekommen würde. Und am späten Abend, wenn alle Hemmungen gefallen waren, musste jeder aufzählen, in wen aus der Stufe er schon mal verliebt war.

Nie vorher waren sie sich so nah gewesen. Hier entwickelten sich Konstellationen, die vorher gar nicht möglich gewesen wären. Die Cliquen waren plötzlich nicht mehr so streng definiert. Alle saßen wild durcheinander, der Sprücheklopfer neben der Weltretterin, der Leadsänger neben dem Stufenbesten, das Topmodel neben dem Nachwuchs-Comedian. Hier im Park waren sie plötzlich eine Stufe, eine Gruppe, die etwas verbindet.

Aber schon ein paar Wochen nach der letzten Abiturprüfung war das nicht mehr Sorglosigkeit, sondern nackte Panik. Denn was ihnen vorher keiner gesagt hatte: Die Zeit zwischen Abitur und "echtem" Leben ist die Zeit der großen Entscheidungen. Auf einmal wird von ihnen verlangt, erwachsen zu sein und sich auch so zu verhalten. Nun wollen alle von ihnen wissen, was sie denn jetzt vor hätten - außer jeden Tag im Park rumzuhängen, nachts feiern zu gehen und bis mittags zu schlafen.

Hilfe, Entscheidungen haben Konsequenzen

Gute Frage. Klar hatten sie mal darüber nachgedacht, sich eine große Karriere zusammen gesponnen. Aber jetzt, wo es gilt, ist das nicht mehr so einfach. Die Angst, etwas falsch zu machen, ist groß - aber nicht neu: Sie begleitet sie, seit sie bewusst mitentscheiden. Die richtige Schule musste gefunden werden, das richtige Wahlpflichtfach in der neunten Klasse, die Kurswahl in der Oberstufe, schließlich die Wahl der Abiturfächer.

Diese Entscheidungen waren auch schon wichtig, aber betrafen immer nur die Schule. Selbst wenn man sich mal falsch entschied, man hatte sich noch nichts verbaut. Auch mit einem Abitur ohne Mathe als Leistungskurs kann man Ingenieur werden, und auch wer seine Schullaufbahn in Deutsch nicht mit Eins beendet hat, kann später Romane schreiben.

Aber die Wahl, die Abiturienten jetzt treffen, die ist endgültig.

Auf die Eltern hören sie nicht. Sie wollen direkt richtig liegen und glauben, dass ihr Lebenslauf eine Richtung aufzeigen muss. Je früher sich diese abzeichnet, desto besser. Einen falschen Weg gehen, sich verzetteln, womöglich umentscheiden müssen und dabei Zeit verlieren - das kommt nicht in Frage.

Wenn sie ein Studium wählen, dann muss es nicht nur Spaß bringen, sondern auch einen Job - daran denken sie schon jetzt. Ihr Gefühl ist ein anderes als das ihrer Eltern und Großeltern. Es kann auch abwärts gehen, nicht nur aufwärts - und in diesem Sommer wird die prekäre Lage im Land plötzlich real und betrifft potenziell auch sie. Als sie noch die Schule besuchten, war es egal, was draußen für ein Sturm tobte. Sie befanden sich in einem geschützten Raum. Aber jetzt stehen sie auf freiem Feld. Und es ist nicht mehr die Wiese im Park mit den vielen bunten Decken.

Die Autorin Lara Fritzsche hat ein Jahr lang eine Kölner Klasse durchs Abitur begleitet. Der SchulSPIEGEL präsentiert Auszüge aus ihrem Buch "Das Leben ist kein Ponyhof. Die unbekannte Welt der Abiturienten", Kiepenheuer & Witsch, 2009.

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