Abwerbestopp für Lehrer Hessischer Jagdinstinkt erwacht neu

Kaum waren die Kultusminister einig, sich künftig gegenseitig keine Lehrer mehr während des Schuljahres abzuwerben, schert Hessen erneut aus. Auch künftig will das Land in fremden Revieren wildern.


Im Tauziehen um den Lehrernachwuchs an deutschen Schulen droht neuer Streit. Erst am Donnerstag hatte die Kultusministerkonferenz (KMK) sich gegen Abwerbeaktionen während des Schuljahres ausgesprochen. Jetzt gefährdet Hessen den mühsam festgezurrten Kompromiss. Kultusministerin Karin Wolff (CDU) sagte am Freitag, sie werde weiterhin Lehrer aus anderen Bundesländern abwerben: "Und zwar so viele wie irgend möglich."

Zunächst schien es so, als hätte Hessen klein beigegeben. "Erbarmen - zu spät! Die Hessen kommen" - diese Parole galt schon Ende des vergangenen Jahres. Das Land hatte sich den geschlossenen Groll aller anderen Länder zugezogen, weil es Berufsschullehrer und andere Pädagogen mit bundesweiten Zeitungsanzeigen auch während des Schuljahres zu einem Wechsel nach Hessen bewegen wollte. Sofortige Verbeamtung auf vollen Stellen, lautete das attraktive Angebot vor allem für Mangelfächer wie Informatik und Mathematik. Anschließend torpedierte Hessen monatelang jeden Einigungsversuch der Bundesländer. Hintergrund: Im Wahlkampf hatte die hessische Landesregierung eine "Garantie" gegen den Unterrichtsausfall an Schulen gegeben.

Im aktuellen KMK-Beschluss heißt es, der "legitime Anspruch" der Schüler auf "Unterrichtskontinuität im Schuljahr" müsse auch bei der gewünschten beruflichen Flexibilität der Pädagogen gewahrt werden. Diesen Passus interpretiert Karin Wolff nun recht eigenwillig: "Genau das ist mein Auftrag", so die Politikerin, "als hessische Kultusministerin muss ich die Unterrichtskontinuität im Schuljahr garantieren." Noch am Donnerstag hatte Wolff gesagt, das neue Abkommen bringe alle Bundesländer weiter. Immerhin will Hessen bei der Abwerbung von Lehrern aus anderen Ländern die üblichen Kündigungsfristen akzeptieren. Bei der Einstellung müssten die Lehrer Freistellungserklärungen ihrer bisherigen Dienstherren vorlegen, so ein Sprecher des Kultusministeriums.

Ohne Streit verständigten sich die Kultusminister auf eine große Werbe- und Imagekampagne für den Lehrerberuf. Denn in den nächsten zehn Jahren scheidet in den alten Bundesländern fast jeder zweite Lehrer aus Altersgründen aus; an den Hochschulen wird nicht genügend Pädagogen-Nachwuchs ausgebildet. In den ostdeutschen Ländern kommt es dagegen teilweise noch wegen des Geburtenrückganges zu einem Überangebot an ausgebildeten Lehrkräften.

Unterdessen kündigte die KMK-Präsidentin, Baden-Württembergs Kultusministerin Annette Schavan (CDU), einen Vorstoß beim Bundesinnenministerium an, um die Einkommenskürzungen der Berufsanfänger wieder rückgängig zu machen. Dieser erheblichen Absenkung der Referendarsbezüge hatten in der letzten Wahlperiode des Bundestages aller Länder zugestimmt. Künftig sollen sie Sonderzuschläge zahlen können, um den Lehrerberuf auch für Seiteneinsteiger attraktiver zu machen. Zudem sollen arbeitslose Lehrer mit einem Nachqualifizierungsprogramm wieder für die Schule fit gemacht oder für andere Fächer umgeschult werden.



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