Behinderte Menschen in Äthiopien "Wenn sie mich sehen, war's das"

Mohammed Abdo, 27, hatte Polio und braucht deshalb Krücken. Er musste einiges durchmachen, bis er einen guten Job fand. Dieses Glück haben in Äthiopien nur wenige Behinderte.

Heike Klovert/ SPIEGEL ONLINE

Aus Addis Abeba berichtet


Mohammed Abdo wuchs mit zwei Geschichten auf, die ihm erklären sollten, warum er behindert ist. Seine Mutter, so erzählt er, glaubte an die Kraft des bösen Blicks. Eine Nachbarin habe diesen gehabt und damit den Jungen krank gemacht. Sein Vater sagte: Du hattest Polio, als du zwei Jahre alt warst.

Abdo, 27, Absolvent der Soziologie an der Addis Ababa University in Äthiopien, sagt, dass es ihm egal sei, wer von beiden recht hat. Es würde nichts ändern.

Die Zukunft beschäftigt den jungen Äthiopier außerdem derzeit mehr als die Vergangenheit. Er ist gerade mit seinem Studium fertig geworden. Er hatte großes Glück, dass es nur zwei Monate gedauert hat, bis er eine Anstellung als Dozent an der Jimma University südöstlich von Addis Abeba fand. Denn das Stigma, das die Krücken und seine verkümmerten Beine mit sich bringen, ist groß.

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Studieren mit Behinderung in Äthiopien: Barrierefreiheit mangelhaft

80 Millionen Menschen in Afrika, so schätzen es die Vereinten Nationen, leben mit einer Behinderung. Das hat auch mit Armut zu tun: Erst seit diesem Jahr gilt das Virus, das Kinderlähmung verursacht, auf dem Kontinent nahezu als ausgerottet, weil genug afrikanische Kinder eine Schluckimpfung bekommen haben.

Eine andere Behinderung, die aus Armut resultiert, ist jedoch weiterhin verbreitet: Augenkrankheiten wie grauer oder grüner Star und Bindehautentzündungen müssten nicht zu dauerhaften Sehproblemen führen - wenn Fachärzte nicht so rar und teuer wären.

Menschen mit Behinderung sind oft schlecht in Afrikas Gesellschaften integriert. Nur wenige gehen zur Schule und finden später einen Arbeitsplatz. Mohammed Abdos Fall zeigt, dass ein abgeschlossenes Studium daran etwas ändern kann. Doch der Weg dorthin war für ihn nicht leicht.

Mohammed Abdo
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Mohammed Abdo

Abdo sitzt auf dem Hauptcampus der Universität auf einem Plastikstuhl unter Zedernbäumen. Er nippt an einer heißen Milch mit Zucker und erzählt von seiner Kindheit.

Früher, sagt er, habe seine Lähmung ihn kaum behindert. Abdo wuchs in Shashemene auf, einer Stadt fünf Fahrtstunden südlich von Addis Abeba. Die Schule war nah, seine Zensuren hervorragend. "Die anderen Kinder brauchten mich, um ihnen bei den Hausaufgaben zu helfen, deshalb ärgerte mich niemand." Er konnte zwar nicht so schnell laufen, aber im Armdrücken war er gut. Eine Hilfsorganisation gab jeden Monat etwas Geld für das behinderte Kind. Abdo war das älteste von sechs Geschwistern.

Die Probleme begannen, so erinnert sich Abdo, an der Universität. Vor sechs Jahren bestand er den nationalen Aufnahmetest und schrieb sich für ein Studium ein. Er begann mit Bauingenieurwesen, doch auf dem Campus fühlte er sich nicht willkommen. Eine Dozentin habe ihn gemobbt, erzählt er. Im folgenden Studienjahr wechselte er in den Fachbereich Soziologie.

Die staatliche Addis Ababa University, an der mehr als 47.000 Menschen studieren, wirbt damit, Studierende mit Behinderung besonders zu unterstützen. Vor drei Jahren eröffnete sie ein Lernzentrum mit 40 Computern, die mit Spracherkennungssoftware ausgerüstet sind. Keine andere Hochschule in Ostafrika habe so viele behinderte Studierende aufgenommen, erklärte der Präsident auf der Eröffnungsfeier. Es waren damals 400. Das sind weniger als ein Prozent der Studentenschaft.

Addis Abeba
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Sie sind bei Weitem nicht gleichmäßig über die 15 Standorte der Universität verteilt. Auf dem parkähnlichen Hauptcampus, wo die Fakultäten für Soziologie, Sprach- und Erziehungswissenschaften sowie mehrere Bibliotheken und Studentenunterkünfte angesiedelt sind, ist geschätzt jeder vierte junge Mensch auf einen Blindenstock, Krücken oder einen Rollstuhl angewiesen.

Abdo ist aufgestanden, um sein Studentenwohnheim zu zeigen. Die Behindertentoilette im Männerwohnheim ist eine enge Kammer aus Beton. Das Klo hat weder Brille noch Deckel. Von der Decke baumelt ein Seil, an der Wand hängt eine Stange zum Festhalten. Doch das Türschloss ist kaputt und der Boden so nass, dass Abdo manchmal mit den Krücken wegrutscht. "Ich wische immer den fremden Urin mit einem Feuchttuch weg, bevor ich die Toilette benutze", sagt er. Die einzige Dusche für Behinderte ist in keinem besseren Zustand.

"Mehr Barrierefreiheit gibt es an keiner Hochschule im Land", sagt Abdo und lächelt gequält. Das habe er von anderen Studierenden gehört. Vier bis acht junge Männer teilen sich an der Addis Ababa University ein Zimmer. Abdo schlief im vergangenen Jahr auf einer Matratze auf dem Boden zwischen schmutzig-gelben Wänden. Die Fenster unter der Decke sind zu hoch, um hinauszuschauen. Aus den Sperrholzschränken ragen Nägel.

Fünf Interviews, keine Zusage

Für Menschen mit Behinderung, die nicht ohne Weiteres in ein Stockbett klettern, im Stehen pinkeln oder sich auf eine Toilettenschüssel setzen können, sind solche Bedingungen besonders entwürdigend. Trotzdem hat Abdo sich entschieden, auch noch einen Master zu machen.

Denn als er mit dem Bachelor fertig war, kehrte er nach Shashemene zurück und bewarb sich auf alle freien Stellen, die für ihn infrage kamen und die er im Netz und in Zeitungen finden konnte. Er hätte gern in einer Behörde, für eine NGO, an einer Schule oder Hochschule gearbeitet. Doch er bekam keine Zusage.

Dass er immerhin fünfmal zu Vorstellungsgesprächen eingeladen wurde, schiebt Abdo darauf, dass er seine Behinderung in den Anschreiben nicht erwähnte. "Doch wenn sie mich dann sehen, war's das", sagt er. Dann sei er nur noch ein Lahmer, der Almosen nimmt und nichts geben kann. "Die meisten Menschen urteilen über mich, bevor sie mich kennenlernen", sagt Abdo. Jeder Neuanfang, jede erste Begegnung stresse ihn deshalb sehr.

Melaku Tekle, Leiter des ECDD, hatte als Kind ebenfalls Polio
Heike Klovert/ SPIEGEL ONLINE

Melaku Tekle, Leiter des ECDD, hatte als Kind ebenfalls Polio

Melaku Tekle, 32, leitet das Ethiopian Center for Disability and Development, kurz ECDD, in Addis und kennt viele solcher Geschichten. "Eine Behinderung gilt hier als Strafe Gottes", sagt er. "Manche Eltern schämen sich so sehr für ihre behinderten Kinder, dass sie sie zu Hause verstecken."

Tekle und seine rund 70 Mitarbeiter versuchen, äthiopische Behörden, Ministerien, Bildungseinrichtungen und Firmen für die Bedürfnisse Behinderter zu sensibilisieren - und auch für das, was sie zur Gesellschaft beitragen könnten. "Es lohnt sich für Arbeitgeber, in sie zu investieren", sagt Tekle. Menschen mit Behinderung seien oft sehr motiviert, wenn sie einmal in den Arbeitsmarkt integriert seien.

Tekle wünscht sich Quoten wie in Deutschland, wo Arbeitgeber fünf Prozent ihrer Jobs mit schwerbehinderten Menschen besetzen oder eine Abgabe zahlen müssen. Allerdings sind auch hierzulande Behinderte deutlich häufiger und länger arbeitslos als Menschen ohne Einschränkung - und auch in Äthiopien gibt es mittlerweile gesetzliche Vorgaben, die die Gleichstellung fördern sollen.

Bettler mit Behinderung in Addis Abeba: Kaum Job- und Bildungschancen
Per-Anders Pettersson/ Getty Images

Bettler mit Behinderung in Addis Abeba: Kaum Job- und Bildungschancen

In einer Regierungserklärung von 2008 heißt es: "Jeder Arbeitgeber soll verantwortlich dafür sein, geeignete Arbeits- und Ausbildungsbedingungen für Personen mit Behinderung zu schaffen." Dazu gehöre auch, einen Assistenten für den behinderten Mitarbeiter abzustellen. Wer sich bei der Jobvergabe oder am Arbeitsplatz diskriminiert fühlt, kann klagen. Die Beweislast liegt bei den Chefs.

Für Schulen und Hochschulen gilt Ähnliches: 2012 legte das Bildungsministerium in einer Richtlinie fest, dass ein "inklusives System" aufzubauen sei, das allen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit besonderem Förderbedarf "qualitätsvolle, relevante und gerechte" Bildungs- und Ausbildungschancen bietet.

In der Praxis ist die äthiopische Gesellschaft von Inklusion jedoch sehr weit entfernt. "Schätzungsweise acht Prozent der äthiopischen Kinder mit Behinderung werden eingeschult", sagt Tekle. "Der Rest bleibt zu Hause." Im Firmennetzwerk, das ECDD gegründet hat, machen bisher landesweit nur 40 Unternehmen mit. Und: "Von der Regierung bekommen wir überhaupt kein Geld." Es gebe dort keinen Topf, sagt Tekle, aus dem Bemühungen um mehr Diversität unterstützt werden könnten.

Nigeria wird poliofrei - und damit ganz Afrika

Mohammed Abdo spricht fließend Englisch. Er wirkt aufgeschlossen und selbstbewusst. Eigentlich würde er seiner Behinderung gern weniger Raum in seinem Leben zugestehen. Doch im Studium ließ ihn das Thema nicht los - zu groß sind das Leid der Betroffenen und der Aufklärungsbedarf.

Abdo schrieb seine Masterarbeit über die Herausforderungen, taubblinde Kinder großzuziehen. Er interviewte dafür acht Mütter. Eine war so überfordert, dass sie ihren Sohn am Bett festband. Nur drei Mütter hatten Familien, die sie unterstützten. Alle mussten weitere Kinder versorgen. Alle fühlten sich sozial ausgegrenzt und schuldig und fürchteten sich vor der Zukunft, wenn ihre taubblinden Kinder erwachsen sind.

"Ich habe auch Angst vor der Zukunft", sagt Abdo. Einen Job hat er jetzt. Aber er hat gehört, dass es schwer für ihn werden könnte, eine Freundin zu finden. Ein Kommilitone mit Sehbehinderung hat kürzlich geheiratet. Er erzählt, dass Verwandte seiner Verlobten zugesetzt hätten: Sie solle sich lieber einen gesunden Mann suchen.

Um sich nicht entmutigen zu lassen, ermahnt sich Abdo in solchen Momenten, dass er dankbar sein sollte: Er kann sehen und sprechen und braucht keinen Rollstuhl. Meistens hilft das.

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insgesamt 7 Beiträge
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maneater 09.11.2019
1. Humanitaet
Die Humanitaet einer Gesellschaft ist daran zu messen, wie sie mit ihren schwaechsten Buergern umgeht. Kindern, Alten, Behinderten, Migranten, Gefaengnisinsassen. Dies gilt fuer alle Gesellschaften rund um die Erdkugel. Der aktuelle Praesident Aethiopiens hat ja gerade den Friedensnobelpreis zugesprochen bekommen, vielleicht sollte zukuenftig auch diesbezuegliche Aktivitaeten miteinbezogen werden bei solch einem prestigioesen Preis.
bernhard.geisser 09.11.2019
2.
Häuser, Brunnen, Strassen, Kliniken und Schulen, das gab alles viel schönere Bilder her für die Gelder der Entwicklungshilfe. Von verabreichten Medikamenten und Impfungen sieht man nicht viel, erst Jahre später bessere Zahlen in der Statistik. Verhindert die Medizin Tote, insbesondere tote Kinder, so ist es gut, glaubte man.
biba_123 09.11.2019
3. So traurig die Probleme Behinderter in Äthiopien auch sind..
... so sind es doch Probleme, die in der dortigen Gesellschaft zu lösen sind und mich nicht wirklich interessieren. Mich interessiert es, wie mit der Rente und der zu erwartenden Altersarmutswelle hier umgegangen wird. Nur ein Beispiel.
osvanrhein 09.11.2019
4. Ethozentrismus, leider!
Klos ohne Brille sind hier Luxus, oft findet sich nicht mal eine Schaufel. Schul- und Universitätsabschlüsse erreichen hier nur wenige Menschen, in den Ballungszentren. 50 Prozent der Menschen leben weiter als einen Tagesmarsch von einer befahrbaren Straße entfernt. Landwirtschaft funktioniert nach dem Subsidiaritätsprinzip, die Säuglingssterblichkeit ist hoch, die Alphabetisierungsquote niedrig. Abdos Geschichte hätte eine Heldengeschichte werden können. So ist sie leider nur ein weiteres Zeugnis unseres Ethnozentrismus.
pfeiffffer 09.11.2019
5. Das Problem ist das mittelalterliche Denken in der Gesellschaft
Krankheit wird nicht als Krankheit, sondern als Magie, Strafe Gottes oder ähnliches wahrgenomen. Demzufolge werden Kranke nicht medizinisch behandelt, sondern versteckt, ausgestoßen, sich selbst überlassen. Man denke z.B. an das Schicksal von Albinos in den dortigen Gesellschaften. Solange dieses finstere Denken nicht aus den Gesellschaften da unten verschwindet, wird sich nicht allzuviel ändern.
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