Ahnungslose Schüler DDR - ein Sozialparadies, keine Diktatur

Die DDR war keine Diktatur, einer ihrer Politiker hieß Willy Brandt, und die Mauer haben die Alliierten gebaut. Oder? Eine Untersuchung Berliner Forscher zeigt, wie wenig Schüler über die DDR wissen - vor allem im Osten. Jetzt gibt es Streit um die Studie.

Es klingt so banal wie plausibel: "Je mehr die Schüler wissen", sagt Klaus Schroeder, "desto kritischer sehen sie die DDR." Der Forscher hat am Freitag eine armdicke Studie veröffentlicht. "Soziales Paradies oder Stasi-Staat? Das DDR-Bild von Schülern - ein Ost-West-Vergleich" lautet der Titel der 760 Seiten, die für Irritationen und auch für politische Querelen sorgen.

Die Schüler nämlich erhalten ein übles Zeugnis, die Schulen und auch die Eltern gleich mit. Das Wissen von 16 und 17 Jahre alten Jugendlichen ist erschreckend gering, wirkt wirr und verdreht: Viele Schüler glauben, dass Willy Brandt und Konrad Adenauer DDR-Politiker waren. Dass es unter Erich Honecker demokratische Wahlen gab. Dass die Stasi ein harmloser Geheimdienst war. Die Mehrheit aller Schüler wusste auch nicht, wer die Mauer gebaut hat - viele tippten auf die Bundesrepublik oder die Alliierten.

Teilergebnisse aus einzelnen Bundesländern wurden bereits in den letzten Monaten vorgestellt, nun die Gesamtauswertung. Der Politologe Schroeder hatte mit seinem Team 5219 Schüler in vier Bundesländern befragt: in Brandenburg, Nordrhein-Westfalen, Bayern sowie in Ost- und West-Berlin. In erster Linie wurden Gymnasiasten und Gesamtschüler nach ihrem DDR-Bild gefragt, in Bayern auch Real- und Hauptschüler. Zusätzlich führten die Forscher mit Hunderten von Schülern Einzel- und Gruppengespräche.

Bayerische Schüler wussten am besten Bescheid

Fast überall wussten die Schüler sehr wenig über die DDR. "Wir waren erschrocken, als wir die ersten Ergebnis sahen", sagte Schroeder SPIEGEL ONLINE. Eigentlich hatte er vermutet, dass sich fast 20 Jahre nach dem Fall der Mauer auch das Geschichtsbild der Schüler in Ost und West ein wenig angenähert hat - und überall zumindest ein kleines Wissensfundament vorhanden ist.

Von wegen. Die Ergebnisse bei den Schülern, die allesamt erst nach dem Zusammenbruch der DDR geboren wurden, sind ernüchternd: weitgehende Ahnungslosigkeit plus ein kurioses Geschichtsbild, und das vor allem in Ostdeutschland. Insgesamt wussten die West-Schüler mehr über die DDR und sahen den Staat zugleich deutlich kritischer als die ostdeutschen Jugendlichen. Am wenigsten wussten ausgerechnet Schüler in Brandenburg und Ost-Berlin über den Staat, in dem ihre eigenen Eltern und Großeltern wohnten. Umso positiver beurteilten sie ihn. "Hauptschüler in Bayern wissen mehr über die DDR als Gymnasiasten aus Brandenburg", so Schroeder.

Umwelt sauber, Stasi wie BND

Die Schüler ignorieren nicht etwa, was sie lernen - sie haben einfach zu wenig DDR im Geschichtsunterricht. Einige zentrale Resultate der Studie:

  • 64 Prozent der Schüler im Westen, 71 im Osten sagen, das Thema DDR komme im Unterricht "zu wenig" oder "überhaupt nicht" vor.
  • Viele Schüler kennen keine klare Trennlinie zwischen Demokratie und Diktatur: Nur 38 Prozent in Brandenburg und Ost-Berlin wussten, dass die DDR-Regierung nicht durch demokratische Wahlen legitimiert war.
  • Ostdeutsche Schüler loben mit breiter Mehrheit die "soziale Seite" der DDR, westdeutsche Schüler auch, aber weniger - sie sehen die DDR mehrheitlich als Diktatur.
  • Von zehn Schülern scheiterten im Wissensteil fünf aus dem Westen, sieben von zehn Schüler aus dem Osten an mehr als der Hälfte der Fragen.
  • Jeweils über 40 Prozent der Ost-Berliner und Brandenburger Schüler gaben an, die Umwelt in der DDR sei sauberer gewesen als in der alten Bundesrepublik.
  • Nur rund 45 Prozent der Ost-Schüler sagten nein zur Aussage: "Die Staatssicherheit war ein normaler Geheimdienst, wie ihn jeder Staat hat." Im Westen waren es zwischen 56 und 62 Prozent.
  • Viele Schulbücher befassen sich nur am Rande mit der DDR und beleuchten kaum ihre repressive Seite.
  • Durchweg fällt das Urteil über die DDR umso kritischer aus, je höher der Kenntnisstand ist - bei Schüler im Osten wie im Westen.
  • Das DDR-Bild der Ost-Schüler prägen vor allem Familie und Freunde, in Westdeutschland eher der Unterricht.

"Die Schüler sind nur das letzte Glied in der Kette der Verklärung und Verharmlosung", sagt Schroeder. Sie bekämen ihre Ansichten schließlich von Eltern, Lehrern und Medien vermittelt. Diese Rolle der älteren Generation in Ostdeutschland sei noch deutlich problematischer als die mangelnde Schulbildung der Schüler. Schroeder sieht vor allem die Schule in der Pflicht, jungen Deutschen das Wissen an die Hand zu geben, die DDR realistisch einzuschätzen.

Seit Monaten schon prasseln auf Schroeder Briefe und E-Mails ein, vor allem von empörten Ex-DDR-Bürgern. Auch von Politik und aus der Wissenschaft wird Schröder und seinem Team vorgeworfen, die Fragen würden die Schüler in eine Ecke drängen, die Studie sei handwerklich problematisch. Berlins Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) gab gar ein Gutachten zur Überprüfung der Berliner Ergebnisse in Auftrag.

Streit der Gelehrten: "Die Studie weiß immer schon, was richtig ist"

Den Auftrag bekam der Hamburger Geschichtsprofessor Bodo von Borries. "Diese Studie weiß immer schon vorher, was richtig ist", sagt er SPIEGEL ONLINE; sie habe einen "Hang zur Eindeutigkeit" und tue so, als müsse man nur "das Richtige unterrichten", und dann würden die Schüler danach die richtige Meinung haben. Das sei "wahnsinnig selbstsicher".

Klaus Schroeder lässt das nicht gelten: "Wir hatten vorher keine Haltung dazu - gerade deswegen haben uns die Ergebnisse ja so überrascht", sagte er SPIEGEL ONLINE.

In den Fragebögen sollten die Schüler Aussagen über die DDR zustimmen oder ablehnen, etwa: "Die Stasi war ein Geheimdienst, wie ihn jeder Staat hat." Und im zweiten Teil sollten sie zeigen, was sie über die DDR wissen: "Wann wurde die Berliner Mauer gebaut?" Oder: "Die Todesstrafe gab es bis 1987 in der ..."

Der mangelhafte Wissensstand der Schüler sei zwar völlig richtig beschrieben, so Borries - es sei aber ein alter Hut, dass Schüler zu wenig über alle möglichen geschichtlichen Themen wüssten. Aus seiner Sicht gehört die Geschichte der DDR auch nicht zu den drei wichtigsten Themen für den Geschichtsunterricht, "eher zu den 15 bis 20 wichtigsten".

Nach Auffassung von Borries kommen die Schulen auch bei mehr und anderem Unterricht nur sehr bedingt gegen das Geschichtsbild an, das ostdeutschen Schülern im Alltag durch Familie und Freunde vermittelt werde. "Die Möglichkeiten der Schule sind da begrenzt", so Borries, man müsse sich hüten vor "pädagogischem Allmachtswahn".

"Keine Konflikte in die Familien treiben"

Der Berliner Bildungssenat lud Klaus Schroeder und Bodo von Borries am 3. Juli zu einer Sitzung des Bildungsausschusses - die CDU hatte den Antrag gestellt, die DDR-Geschichte stärker in die Rahmenrichtlinien für den Unterricht zu integrieren. Dagegen wandte sich Borries: Denn so würde man Schüler eventuell in "Konflikte mit ihren Familien treiben".

Gerade darum, konterte Schroeder, müssten die Schüler aber zentrale Dinge über die DDR lernen und wissen. Nur so erhielten sie die Kompetenz zu beurteilen, was ihnen jene erzählen, die selbst die DDR erlebt haben. Dass der Berliner Bildungssenat überhaupt einen Gutachter bestellt hat, um seine Studie zu bewerten, hat Klaus Schroeder sehr geärgert: "Die versuchen, das Thema jetzt wegzudrücken", sagt er. Von der Berliner Senatsverwaltung war am Freitag dazu keine Stellungnahme zu bekommen.

Am Donnerstag schlug Rolf Hilke, Generalsekretär der brandenburgischen CDU, vor, dass alle Mittelstufenschüler mindestens einmal in ihrer Schulzeit eine Gedenkstätte zur SED-Diktatur besuchen sollen. Das ehemalige Stasi-Gefängnis in Berlin-Hohenschönhausen etwa verbucht zwar mit 60.000 Schülern und Studenten seit Januar einen Rekord junger Besucher - 85 Prozent kommen aber aus den alten Bundesländern. Der Anteil der jungen Gäste aus den neuen Bundesländern stagniert dagegen; 2008 waren es nach Angaben der Gedenkstätte bisher rund 5700.

Hier würden "Illusionen über die DDR schmelzen wie Eis in der Sommersonne", sagte Siegfried Reiprich aus der Leitung der Gedenkstätte. Wie kaum ein anderer Ort in Deutschland habe man hier "die repressive Atmosphäre der SED-Diktatur bewahrt", die Führungen machen in der Regel ehemalige Häftlinge. Die Schüler könnten sich so "von den Opfern der SED-Diktatur ihr Schicksal und die Auswirkungen auf ihr späteres Leben schildern lassen", so Reiprich.

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