Allez Enfants Französische Schüler bremsen Sarkozy

Steine, brennende Mülltonnen, zertrümmerte Autos: Nicht nur in Athen, auch in Frankreichs Städten toben Proteste. Jugendliche rebellieren gegen eine Schulreform - mit Erfolg. Aus Furcht vor weiteren Krawallen lenkten Präsident Sarkozy und sein Bildungsminister ein.


Im Vergleich zu dem, was gerade in Athen passiert, ging es in Frankreich in den letzten zwei Wochen noch ruhig zu. Aber weil die Stimmung zu kippen drohte, ruderte die Regierung von Präsident Nicolas Sarkozy zurück und verschob kurzerhand eine umstrittene Schulreform.

In Brest warfen demonstrierende Schüler in den letzten Tagen Schaufensterscheiben ein, zerkratzten und zerbeulten Autos, einige schmissen Steine. In Lille zündeten junge Leute Mülltonnen und ein Auto an und zertrümmerten eine Bushaltestelle. In Nantes stürmten sie Schulen und schäumten sie mit Feuerlöschern voll. In einem Pariser Vorort wurde ein Schulleiter durch einen Brandsatz leicht verletzt, wie die Behörden mitteilten.

Non, merci: Französische Schüler verdammen Sarkozys Reform
DPA

Non, merci: Französische Schüler verdammen Sarkozys Reform

Überall in Frankreich, in Städten wie Dörfern, ließen Schüler in den vergangenen Wochen den Unterricht ausfallen, besetzten Schulen und zogen mit Transparenten durch die Straßen. Ihr Ziel: eine umstrittene Oberstufenreform verhindern, durch die rund 25.000 Stellen gestrichen werden sollten. Ihre Gegner: Präsident SarKozy und sein Bildungsminister Xavier Darcos.

Erst demonstrierten die Schüler friedlich, dann immer energischer, mittlerweile ziemlich krawallig. Jetzt gaben Sarkozy und sein Minister klein bei und verschoben kurzerhand ihr umstrittenes Vorhaben. "Das Klima ist objektiv ungeeignet, gelassen voranzuschreiten", sagte Darcos.

Damit untertreibt er: Laut Medienberichten fürchtet die Regierung griechische Verhältnisse, die Zeitung Le Monde schreibt vom "griechischen Syndrom". Und auch die Krawalle in Frankreichs Vorstädten sind noch nicht lange her, ebenso wie das Aufbegehren französischer Studenten gegen eine Hochschulreform (2007) und die Lockerung des Kündigungsschutzes für Berufsanfänger (2006).

Eine Welle jugendlicher Wut schwappt durch Europa

Frankreich ist das jüngste Beispiel für die Wut der europäischen Jugend. Wahrscheinlich erwacht derzeit keine neue Bewegung, aber überall in Europa zeigt sich eine Haltung: Nehmt uns ernst! Kümmert euch um uns! Entscheidet nicht über unsere Köpfe hinweg, wenn es um Themen geht, die uns angehen - wie Schule, Uni, Bildung.

In Italien bekämpften Schüler und Studenten ein dratisches Spardiktat und das Abschieben von Einwandererkindern in Sonderklassen - mit wehenden Fahnen und nackter Haut marschierten sie nach Rom, besetzten Schulen und Bahnhöfe. In Deutschland streikten tausende Schüler, wetterten gegen das Turbo-Abitur nach zwölf Jahren, gegen überfüllte Klassen und Prüfungsstress.

In Athen entflammten die Proteste zwar wegen des Todes des Studenten Alexandros Grigoropoulos, niedergestreckt von einer Polizeikugel. Aber immer wieder betonen die Demonstranten: Das war nur der Auslöser, es geht gegen ein marodes Bildungssystem und eine Regierung, der man nicht mehr zutraut, die Zukunft zu gestalten. In Madrid, Barcelona, Kopenhagen, Rom und Bologna solidarisierten sich Jugendliche. Auch dort kam es zu Ausschreitungen.

Zumindest in Frankreich waren die Schüler erfolgreich: Eigentlich wollte Minister Darcos die Reform am Dienstag vorstellen. Nachdem er sich jedoch mit Sarkozy beraten hatte, machte er einen Rückzieher.

Noch am Wochenende hatte Darcos sich als harter Hund präsentiert. In Interviews mit Sonntagszeitungen tönte er, jetzt sei "die Zeit zum Handeln". Die protestierenden Schüler hätten inhaltlich "kein Wort zu sagen" und die Lehrer eingesehen, dass "Streiks unnütz" seien - demonstrative Resolutheit.

Der Minister präsentierte sich als harter Hund

Seine Oberstufenreform sieht unter anderem weniger Wahlmöglichkeiten für Schüler vor. Bisher können sie sich am französischen Lycée für einen literarischen, wirtschaftlichen oder naturwissenschaftlichen Zweig entscheiden.

Das will Darcos ändern, Wirtschaftslehre soll für alle Pflichtfach werden. Die Schüler sollen von 31,5 Stunden Unterricht pro Woche sechs Stunden Wahlfächer haben. Dazu sollen drei Stunden Förderunterricht für Lernschwache kommen. Außerdem sollen tausende Stellen gestrichen werden.

Französisch-Resolut: Sarkozy und sein Bildungsminister Darcos beim Schulbesuch
AFP

Französisch-Resolut: Sarkozy und sein Bildungsminister Darcos beim Schulbesuch

Darcos warf den Gegnern der Pläne vor, sie versuchten, die Öffentlichkeit durch "eine Mischung aus Lügen und falschen Informationen verrückt zu machen". Er sagte dem Sender Europe 1, er sei künftigen Generationen verpflichtet, und Frankreich brauche diese Reform. Im übrigen arbeite er schon lange genug im Bildungsbereich, um zu wissen, dass die Proteste "fast üblich" seien.

Warnung vor "persönlichen Vietnam"

Der ehemalige französische Kulturminister Jack Lang warnte Darcos dagegen vor einem "persönlichen Vietnam". Schüler und Lehrer hätten genug von den Sparplänen und seien wütend, "weil sie wissen, dass die Schule unserer Republik in Gefahr ist". Er rufe seine Landsleute auf, Vorschriften und Eigentum zu achten, sich aber massiv und entschlossen gegen die Bildungsreform zu wehren.

Die französische Vereinigung der Schulrektoren hatte von ungewöhnlichen harten und "sehr gewaltsamen" Protesten gesprochen. Die Rektoren fürchten, dass der Konflikt im neuen Jahr eskalieren könnte. Die Reform war für 2009 geplant. Dass die Regierung sie jetzt vertagt hat, werten Schüler und Bildungsgewerkschaften als Erfolg.

Doch aufgeschoben ist nicht aufgehoben: Sarkozy kündigte am Dienstag an, er werde sich persönlich darum kümmern, dass die Reform komme. Ein bisschen versöhnlich gab er sich allerdings auch: Zunächst brauche es erst einmal Zeit, "um zuzuhören und sich abzustimmen".

Es ist das erste Mal seit Sarkozys Amtsantritt vor eineinhalb Jahren, dass die konservative Regierung zumindest vorübergehend von einer ihrer Reformen abrückte. Schüler und Gewerkschaften wollen weiter demonstrieren, bis sie ganz vom Tisch ist.

otr/dpa/AFP



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