Als Mädchen im Straßenbau "Nach einigen Wochen hören die Schmerzen auf"

Steine schleppen, Sand schaufeln, Rüttelmaschine schieben - Straßenbau ist für Mädchen eher keine Traumbranche. Rebecca Weber, 17, macht trotzdem die Ausbildung, allein unter Männern. Die Eltern waren zunächst geschockt. Auch ihr Chef musste sich erst an den neuen Lehrling gewöhnen.

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Ganz nach Plan laufen will es für Rebecca Weber am zweiten Ausbildungstag noch nicht: Energisch versucht die 17-Jährige eine Rüttelmaschine anzuschalten. Doch die gibt nicht einen einzigen Mucks von sich, um die Erde platt zu drücken. Als es nach ein paar Minuten immer noch nicht klappt, kommt ihr ein älterer Kollege zu Hilfe und bringt die Maschine zum Laufen.

"Die Kollegen helfen ihr gerne. Aber eine Sonderbehandlung gibt es nicht", sagt Rebeccas Chef Detlef Reck. Rebecca und ein anderes Mädchen aus Hannover sind derzeit die ersten weiblichen Auszubildenden im Straßenbau in Niedersachsen.

Vor ein paar Tagen hat Rebecca ihre Lehre in Langförden bei Vechta begonnen und will nun in den nächsten drei Jahren vor allem eines zeigen: dass auch Frauen in der Männerdomäne Straßenbau richtig gute Arbeit leisten können. "Natürlich muss ich wie jeder Lehrling viel lernen. Aber ich denke, ich kann das genauso gut wie ein Junge", sagt sie selbstbewusst.

Auch ihr Chef ist inzwischen von seiner weiblichen Auszubildenden angetan. "Am Anfang war ich sehr überrascht über ihre Bewerbung, weil das auch für uns eine ganz neue Situation ist. Aber ich denke, der Schritt war richtig", sagt er und lobt Rebeccas hervorragende Schulnoten. Im letzten Jahr hatte er zwei männliche Lehrlinge, die ihre Ausbildung abgebrochen hatten. "Das war ein großes Unglück. Da habe ich richtig schlechte Erfahrungen gemacht." Bei Rebecca war sich Reck am Anfang jedoch nicht sicher, ob sie der anstrengenden körperlichen Arbeit auch gewachsen ist.

Viel zu anstrengend, fanden die Eltern

Die 17-Jährige hingegen weiß schon seit Jahren, dass sie diesen Beruf kann und auch will: "Als ich klein war, wurde bei uns die Straße neu gemacht, und ich stand wochenlang am Zaun und habe zugeschaut", erzählt sie. "Seitdem hat mich dieser Beruf gefesselt."

Nach der Schule einigte sie sich mit Reck schließlich auf ein Praktikum in den Osterferien. Nachdem auch alle 15 Mitarbeiter des Betriebes der Entscheidung zugestimmt haben, war klar: Rebecca wird die neue Auszubildende. Inzwischen sieht Reck seinen weiblichen Lehrling sogar als besonderes Potenzial an: "Wer jetzt nicht reagiert auf solche Entwicklungen, der läuft später hinterher."

Das Praktikum war jedoch nicht die einzige Hürde, die Rebecca zu nehmen hatte, bevor sie in ihrem Traumberuf die Lehre beginnen konnte. Ihre Eltern, berichtet sie, seien erstmal geschockt gewesen, als sie von ihrem Berufswunsch erzählte. "Die haben zuerst gemeint, das sei viel zu anstrengend für mich."

"Die Mädchen haben wirklich Potenzial"

Freunde wollten sie sogar zu einer Lehre als Verkäuferin überreden. Doch Rebecca blieb standhaft und setzte sich durch. Ihre Eltern sprachen ihr nach der ersten Überraschung schließlich zu und entschieden, dass sie das machen solle, was ihr Spaß macht.

Aus Sicht von Annette Heseding, Beauftragte für Chancengleichheit am Arbeitsmarkt der Agentur für Arbeit Vechta, war es richtig, dass Rebecca an ihrem Wunsch festhielt - damit setze sie sogar einen Trend. Frauen seien heutzutage durchaus in der Lage, auch in typischen Männerberufen "ihren Mann zu stehen".

Vor einigen Jahren habe ein solcher Trend bereits bei der Ausbildung zum Maler begonnen. Nun seien eben auch Berufe wie der Straßenbau an der Reihe. "Und gerade hier im konservativen Münsterland ist es ein Top-Ereignis, wenn ein Mädchen so einen Schritt geht", ist sich Heseding sicher. Schwerer als etwa der Beruf einer Altenpflegerin oder Verkäuferin sei auch der Straßenbau nicht. "Die Mädchen haben da wirklich Potenzial."

"Man wird hier richtig schön braun"

Auch Rebecca hat keine Angst vor der körperlich belastenden Arbeit - auch wenn ihr an den ersten beiden Tagen die Muskeln vom Steine tragen und Sand schaufeln noch sehr weh tun. "Am Abend spürt man jeden Muskel. Da weiß man, was man getan hat." Irgendwann aber, nach ein paar Wochen, hören die Schmerzen auf, sagt sie.

Bis dahin werden Rebeccas Kollegen ihr aber auch noch mal hier und da helfen. "Ich will aber nicht wie ein Mädchen behandelt werden, nur weil ich eins bin", sagt die 17-Jährige über ihre Rolle. Und auch ihr Chef Reck weiß: "Wenn ich sie jetzt zu weich bette, dann hat sie nichts davon." Schließlich soll Rebecca den Job mit allen Vor- und Nachteilen kennenlernen, sagt er. Einen dieser Vorteile hat sie bereits auch schon kennengelernt: "Man wird hier richtig schön braun bei der Arbeit", sagt Rebecca lachend.

Von Julia Spurzem, ddp

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