Als Schülerin schwanger Wenn Töchter Mütter werden

Mit Babybauch in die Schule? Für die meisten ein Alptraum. Weniger als die Hälfte der schwangeren Mädchen unter 18 entscheiden sich in Deutschland für das Kind, wie Silvia und Lisa. Das Jugendmagazin "Yaez" über die Erfahrungen zweier Schülerinnen zwischen Mutterglück und Depression.

Junge Eltern: Silvia mit ihrem Sohn Marvin und ihrem neuen Freund Florian
Daniela Kurtz

Junge Eltern: Silvia mit ihrem Sohn Marvin und ihrem neuen Freund Florian


Für Silvia war die 11. Klasse der absolute Horror. Sie hatte überhaupt keine Lust mehr auf Bücher und Klausuren. Viel wichtiger war ihr damaliger Freund, ihre erste große Liebe. Mit ihm verbrachte sie jede freie Minute, und die Schule war ihr einfach egal - genau wie die 150 Fehlstunden.

Nach den Sommerferien saß Silvia wieder in der 11. Klasse - noch unmotivierter als zuvor: "Das war mein absoluter Tiefpunkt, und ich hatte auch keinen Plan, wie ich das hätte ändern können." Dass sie schon ein paar Tage später anders denken würde, hätte sie nie für möglich gehalten: Silvia erfuhr, dass sie schwanger war. "Es war ein unvorstellbarer Schock, denn geplant war das natürlich nicht. Aber schnell entwickelte sich daraus ein riesiger Ansporn. Plötzlich wusste ich, für wen ich jeden Tag zur Schule gehe."

Es habe sehr viel Mut gekostet, sich ihren Lehrern und Mitschülern anzuvertrauen, aber den Babybauch konnte sie irgendwann eben nicht mehr verstecken. "Die Schule hat mich toll unterstützt. Ich konnte ein Ersatzfach für den Sportunterricht wählen, und wenn ich mal morgens etwas später kam, war das auch okay."

"Allein hätte ich es nicht geschafft"

Im Winter darauf kam Silvias Sohn Marvin zur Welt. Den Alltag zwischen Büchern und Windelwechseln meisterte Silvia ohne die Hilfe seines Vaters, denn bereits kurz nach der Geburt hatten sich die beiden getrennt. "Es hat einfach nicht mehr funktioniert, wir waren einfach zu verschieden und hatten ganz unterschiedliche Vorstellungen", erzählt sie.

Große Hilfe bekam sie von ihren Eltern: Silvias Mutter kam jeden Tag in der großen Pause mit Marvin vorbei, damit er gestillt werden konnte. Mit der Unterstützung der beiden schaffte sie sogar das Abitur. "Ein Kind zu bekommen verändert das Leben komplett, von einem auf den anderen Tag. Man braucht sehr viel Zeit und Kraft, um für den kleinen Menschen zu sorgen. Es ist wunderschön, Mama zu sein, aber allein schafft man das nicht", sagt Silvia.

Die Abiturfeier ist Silvia gleich doppelt in guter Erinnerung geblieben. Denn sie hielt nicht nur das Zeugnis in der Hand, das ihr ermöglichte, ihren Wunsch wahrzumachen, ein Lehramtsstudium aufzunehmen, sondern lernte dort auch ihren heutigen Freund Florian kennen. "Ich hätte nie geglaubt, dass ich so bald jemanden finde, der Marvin und mich als Doppelpack akzeptiert. Flo kümmert sich rührend um den Kleinen. Gerade suchen wir eine gemeinsame Wohnung, und im nächsten Sommer werden wir heiraten", erzählt sie glücklich.

"Ich war völlig schockiert"

Dass Silvia ihre Motivation, die Schule zu beenden, erst durch die Schwangerschaft erfahren hat, ist nichts Ungewöhnliches bei jungen Eltern - ob sie nun ein Gymnasium besuchen oder sich in einer Berufsausbildung befinden. "Gerade für Jungs kann die Vaterschaft ein zusätzlicher Anreiz sein, eine Ausbildung zu beginnen oder gut abzuschließen, wenn sie sich für das Kind und die Mutter verantwortlich fühlen", sagt Gisela Hilgefort von der pro-familia-Beratungsstelle in Mainz. Dafür müssten aber auch die Rahmenbedingungen stimmen: "Eine gute Kinderbetreuung, finanzielle Hilfen und auch Verständnis, wenn sie mal später kommen oder fehlen, weil das Kind z. B. krank ist, sind wichtige Voraussetzungen."

Doch auch wenn das Drumherum stimmt, kann es sehr schwierig sein, die Pflichten einer jungen Mutter und die einer Schülerin unter einen Hut zu bringen. Die damals 17-jährige Lisa* war gerade auf eine neue Schule gewechselt, als sie erfuhr, dass sie in der sechsten Woche schwanger ist. "Als mir die Frauenärztin sagte, dass ich ein Kind bekomme, war ich völlig schockiert."

Schon nach ein paar Tagen aber verdrängte die Vorfreude die anfänglichen Bedenken, auch bei ihrem damaligen Freund. Geplant sei es zwar nicht gewesen, "aber doch irgendwie ein Wunschkind", berichtet die junge Mutter. Beide Familien haben die zwei unterstützt, bei einer pro-familia-Beratungsstelle wurde dem jungen Vater zusätzlich finanzielle Unterstützung vermittelt. Alles schien perfekt.

"Die Herztöne wurden immer schwächer"

Doch schon in den ersten Wochen kam es zu Komplikationen: Die Ärzte stellten bei Lisa eine Infektion fest. Um das Kind nicht zu gefährden, wurde sie für die gesamte Dauer der Schwangerschaft vom Schulunterricht befreit. Die Infektion hatte sie letztlich gut überstanden und Lisa plante, den Realschulabschluss direkt nach der Geburt nachholen.

Lisa freute sich darauf, Mutter zu werden. Als sie dann zum regulären Geburtstermin mit Wehen ins Krankenhaus eingeliefert wurde, hätte niemand gedacht, dass es zu erneuten Schwierigkeiten kommen würde. "Die Herztöne meiner Tochter wurden immer schwächer. Außerdem hatte ich unglaubliche Schmerzen und spürte, dass irgendetwas nicht in Ordnung ist. Dann kam ein Blackout", erzählt Lisa.

Die Geburt überstanden Lisa und ihre Tochter ohne körperliche Schäden, aber als die junge Mutter zu sich kam, fühlte sie sich völlig anders als vor der Entbindung. Ihre Vorfreude auf das Kind war verschwunden. Auch in den folgenden Wochen konnte sie keine Bindung zu ihrer Tochter aufbauen. Lisa war traurig und ängstlich. "Heute weiß ich, dass ich eine sogenannte Wochenbettdepression erlitten habe. Vermutlich ausgelöst durch die traumatische Geburt", erzählt sie.

Ihre Tochter wird bei den Eltern des Vaters untergebracht. Wieder zur Schule zu gehen, war für Lisa unmöglich, sie begab sich in verschiedene Therapien. Im Moment möchte sie versuchen, durch eine Mutter-Kind-Kur und die Hilfe einer Familienpflegerin wieder zu ihrer Tochter zu finden und mit ihr zusammenzuleben. "Es ist nicht einfach, eine junge Mutter zu sein. Ohne die Hilfe meiner Familie und meiner Freunde hätte ich nie geschafft, so viel Verantwortung zu übernehmen und mich wieder hochzuziehen. Mit ihnen zusammen geht es jetzt wieder bergauf."

*Name von der Redaktion geändert

Von Daniela Kurtz für das Jugendmagazin "Yaez"



insgesamt 21 Beiträge
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Seite 1
inci 18.10.2010
1. oooo
Zitat von sysopMit Babybauch in die Schule? Für die meisten*ein Alptraum. Weniger als die Hälfte der schwangeren Mädchen unter 18*entscheiden sich in Deutschland*für das Kind, wie*Silvia und Lisa. Das Jugendmagazin "Yaez" über die Erfahrungen zweier Schülerinnen zwischen Mutterglück und Depression. http://www.spiegel.de/schulspiegel/leben/0,1518,720658,00.html
Als Schülerin schwanger: Wenn Töchter Mütter werden -------------------------------------------------------------------------------- was für ein schwachsinniger titel. 1. nur töchter können mütter werden 2. sollte es heißen "wenn mädchen/kinder/teenager mütter werden.
Knütterer, 18.10.2010
2. Ich 20, meine Freundin 17...
Zitat von sysopMit Babybauch in die Schule? Für die meisten*ein Alptraum. Weniger als die Hälfte der schwangeren Mädchen unter 18*entscheiden sich in Deutschland*für das Kind, wie*Silvia und Lisa. Das Jugendmagazin "Yaez" über die Erfahrungen zweier Schülerinnen zwischen Mutterglück und Depression. http://www.spiegel.de/schulspiegel/leben/0,1518,720658,00.html
... damals 1966 im Sauerland ein Skandal und nachdem wir geheiratet hatten, kamen fast 25% unsers Jahrgangs auch in den Stand der Ehe! Harte Zeiten, und wir sind noch heute verheiratet ;-))
felix_bach 18.10.2010
3. Lebenskrise
Das arme Kind muss eine Lebenskrise wie Verliebtsein loesen.
nzz 18.10.2010
4. Jeder Mensch hat eine Mutter
@inci: Jupp, jeder Mensch hat eine Mutter. :-) @marypastor: Wusste nicht, dass Ihnen oder sonstwem das Mädchen gehört.
Holledauer, 18.10.2010
5. Die Geschichte geht ja meistens leider noch weiter:
Bei sehr vielen zu jungen Müttern geht doch die Reise ziemlich unterbrechnungsfrei in die Verarmung, sprich HartzIV. Irgendwie ist das nicht verständlich: Es gibt heute sehr sichere Methoden der Verhütung. Oder sind womöglich die jungen Mädchen genauso rattengeil wie ihre männlichen gleichaltrigen Zeitgenossen? Der Mann zahlt im schlimmstenfall Alimente. Die Verantwortung für das Kind hat die Frau!
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