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11. April 2016, 12:59 Uhr

Unterrichtsbeginn in Alsdorf

Gleitzeit für Schüler bleibt

Erst war es nur ein Test, jetzt wird die Gleitzeit zur Dauerregelung: Am Gymnasium Alsdorf entscheiden die Schüler selbst, wann der Unterricht beginnt.

Oberstufenschüler des Gymnasiums in Alsdorf bei Aachen dürfen länger schlafen, wenn sie wollen. Sie können wählen, ob sie direkt zur ersten Stunde um acht Uhr kommen oder erst zur zweiten gegen neun Uhr. Nach Ablauf einer Probephase hat sich die Schule entschieden, am Gleitzeit-Modell für den morgendlichen Schulbeginn festzuhalten. Schulsprecher Lars Meyer ist begeistert: "Super cool, wir können ausschlafen."

Als erste Schule in Deutschland gehe das Alsdorfer Gymnasium auf die innere Uhr von Jugendlichen ein, sagt Chronobiologe Till Roenneberg. Die ticke nämlich anders als bei Erwachsenen: Bei der Synchronisation mit dem Tag-Nacht-Rhythmus gehe die innere Uhr der meisten Jugendlichen etwa bis zum 20. Lebensjahr nach, so der Professor der Ludwig-Maximilians-Universität München. Jugendliche könnten erst später einschlafen. Müssen sie entgegen ihrer biologischen Uhr schon um acht in der Schule sein, entstehe ein "sozialer Jetlag".

Wissenschaftler für späteren Unterrichtsbeginn

Drei Viertel der Jugendlichen hätten damit zu kämpfen, sagt Roenneberg: Die Schüler säßen halb schlafend im Unterricht. Außerdem falle der wichtige Anteil des Schlafes weg, der das erlernte Wissen vom Vortag konsolidieren soll. Die Wissenschaft fordert deshalb schon seit Jahren einen späteren Unterrichtsbeginn.

Auch Politiker haben das Thema für sich entdeckt. Für einen späteren Unterrichtsbeginn müsse es einen Wandel in der Wirtschaft geben, hatte Familienministerin Manuela Schwesig (SPD) bereits im vergangenen Jahr dem SPIEGEL gesagt. "Viele Familien wünschen sich die Entschleunigung morgens", so Schwesig - doch dem stehe die Alltagsrealität entgegen: Nach Einschätzung der meisten Eltern passe ein späterer Schulbeginn nicht zur Arbeitswelt.

Dafür aber umso mehr in die Lebenswelt der Jugendlichen: "Die erste Stunde war immer eine Quälerei für mich. Ich war noch nicht richtig wach", sagt der 17 Jahre alte Luca Diehr in Alsdorf. Jetzt kommt er meistens erst zur zweiten Stunde und fühlt sich fit. Natürlich gibt es auch Schüler wie Milena Kandetzki, 17: "Ich habe kein Problem früh aufzustehen und komme immer zur ersten Stunde." Geht natürlich auch, ist aber die Minderheit.

Schüler sind selbst verantwortlich

Dass die "Gleitzeit" in Alsdorf organisatorisch möglich ist, hängt mit dem besonderen Unterrichtskonzept zusammen. "Das funktioniert nur in der Oberstufe, dort ist die erste Stunde stets eine Dalton-Stunde, die die Schüler frei in eigener Verantwortung gestalten können", so Schulleiter Wilfried Bock im Interview mit SPIEGEL ONLINE. "Wenn jemand in dieser Zeit lieber länger schlafen möchte, muss er den Stoff in einer der Freistunden nachholen, die es in allen gymnasialen Oberstufen gibt. Erst ab der zweiten Stunde gibt es Unterricht mit Anwesenheitspflicht."

Unterrichtet wird nach dem Dalton-Plan der amerikanischen Pädagogin Helen Parkhurst. Neben den herkömmlichen Stunden können sich die Schüler pro Woche zehn Unterrichtsstunden selbst einteilen, um gestellte Aufgaben eigenständig zu lösen.

Joelle und Julia, beide 16, sind an dem Morgen schon zur ersten Stunde gekommen und machen zusammen Bio, andere machen im selben Klassenraum Englisch oder Mathe. Wenn die Stunde rum ist, bekommen sie dafür vom Lehrer einen Stempel. Luca Diehr schläft lieber aus und holt den Unterricht in Freistunden nach: "Früher haben wir in den Freistunden Karten gespielt, jetzt arbeitet man und kann dafür länger schlafen."

Wie sich der Schlaf der Schüler durch die Umstellung verändert, will Wissenschaftler Roenneberg herausfinden. Er hat die Einführung der "Gleitzeit" wissenschaftlich begleitet, Daten vorher und nachher erhoben. Seit Ende März wertet er diese Daten jetzt aus. Das Ergebnis wird im Sommer erwartet.

him/Elke Silberer/dpa

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