SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

18. März 2016, 07:37 Uhr

Unterrichtsbeginn

Gymnasium testet Gleitzeit für Schüler

Ein Interview von

Die Schüler eines Gymnasiums in Nordrhein-Westfalen können selbst entscheiden, ob sie um 8 Uhr oder lieber erst um kurz vor neun zum Unterricht kommen. Ist das verrückt oder genial?

SPIEGEL ONLINE: Herr Bock, an Ihrer Schule gibt es Gleitzeit für die Schüler: Sie können selbst bestimmen, wann sie zwischen 8 und 8:50 Uhr mit dem Unterricht anfangen. Wie geht das?

Bock: Das funktioniert nur in der Oberstufe, dort ist die erste Stunde stets eine Dalton-Stunde, die die Schüler frei in eigener Verantwortung gestalten können. Wenn jemand in dieser Zeit lieber länger schlafen möchte, muss er den Stoff in einer der Freistunden nachholen, die es in allen gymnasialen Oberstufen gibt. Erst ab der zweiten Stunde gibt es Unterricht mit Anwesenheitspflicht.

SPIEGEL ONLINE: Was bitte schön ist eine Dalton-Stunde?

Bock: Alle Schüler unseres Gymnasiums lernen nach dem sogenannten Dalton-Plan der amerikanischen Pädagogin Helen Parkhurst. In diesem Konzept steht die Selbstständigkeit im Zentrum des Unterrichtens. So müssen unsere Schüler etwa ein Drittel der Unterrichtsinhalte selbst erarbeiten.

SPIEGEL ONLINE: Was heißt das konkret?

Bock: Bei einem dreistündigen Unterrichtsfach gibt es zum Beispiel zwei Stunden klassischen Unterricht in der Lerngruppe und in der restlichen Zeit bearbeiten die Schüler in eigener Regie Lernaufträge. In der Dalton-Stunde können sich die Schüler die Arbeitsweise, das Fach und die Lernpartner komplett frei aussuchen. Sie lesen in Schulbüchern, recherchieren im Internet, beratschlagen sich mit Mitschülern oder fragen verschiedene Lehrer. So führen nicht die Lehrer durch ihre Fragen zu den Lerninhalten, sondern die Schüler erfragen sich den Stoff selbst.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt ein bisschen wie Hausaufgabenbetreuung.

Bock: Das ist etwas völlig anderes! Hausaufgaben sollen ja erlernten Stoff durch Übung festigen. Hier geht es um eine Kernkompetenz: Die Schüler erschließen sich Inhalte selbst. Und es ist eine Binsenweisheit, dass man das, was man sich selbst erarbeitet hat, länger behält. Die Schüler erfahren dabei, welche Lernstrategien für sie persönlich am besten funktionieren. Schließlich müssen sie am Ende in den Prüfungen das Wissen parat haben und anwenden können. Außerdem lernen sie, sich selbst und ihre Arbeitsweise effizient zu organisieren.

SPIEGEL ONLINE: In der Oberstufe kommen sie nun mit der Gleitzeit den Schülern entgegen, die sich die Zeit nicht so gut einteilen können.

Bock: Natürlich freuen sich Langschläfer darüber, aber mit Schwächen bei der Zeiteinteilung hat das nichts zu tun. Es ist Stand der Wissenschaft, dass sich während der Pubertät bei Jugendlichen hormonell bedingt die innere Uhr um bis zu zwei Stunden in Richtung des Morgens verschiebt. Das frühe Aufstehen hat zur Folge, dass die für das Behalten und das Verknüpfen von Inhalten so wichtige letzte REM-Schlafphase oft einfach ausfällt. So, wie Schule traditionell organisiert wird, kann man darauf praktisch keine Rücksicht nehmen. Dank des Dalton-Modells können wir in Alsdorf das nun aber doch.

SPIEGEL ONLINE: Wie wirkt sich die Gleitzeit aus?

Bock: Wir testen den flexiblen Tageseinstieg seit dem 1. Februar, und der Eindruck im Unterrichtsalltag ist sehr positiv. Der Münchner Chronobiologe Till Roenneberg hat unser Projekt in seine Forschung integriert. Die ersten Untersuchungen wurden nach einer zehnwöchigen Laufzeit abgeschlossen und werden nun evaluiert, dann wissen wir mehr.

SPIEGEL ONLINE: Steht auch das Dalton-Modell bei Ihnen auf dem Prüfstand?

Bock: Überhaupt nicht. Wir unterrichten seit zehn Jahren im Sinne der Dalton-Pädagogik. Und da sind wir sehr erfolgreich. Wir fragen die Eltern regelmäßig, ob ihre Kinder damit zurechtkommen und ob sie wieder unsere Schule wählen würden. Beide Fragen werden zu über 95 Prozent mit Ja beantwortet.

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung