Angst vor Amokläufen an US-Schulen Was, wenn doch?

Nie wurden an US-amerikanischen Schulen so viele Menschen Opfer von Schüssen und Amokläufen wie 2018. Wie gehen Schüler damit um, wenn sie ständig Szenen akuter Bedrohung im Kopf haben?

SHAWN THEW/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Der Alarm geht los. An der Richard-Montgomery-Highschool und anderen Schulen in der Gegend nahe Washington D.C. summt und blinkt auf Tausenden Smartphones der "Code Red" auf.

Polizei, Schulen und Eltern sind via Handy vernetzt. Alle wissen: Es gibt eine Bedrohung. Ein Mann rast im Auto wenige Kilometer entfernt herum und erschießt Menschen. Die Schulen müssen reagieren.

Einige entscheiden sich für die "Shelter in Place"-Reaktion: Alle Schüler werden vom Flur in die Klassen geholt, Türen und Fenster verschlossen, die kleine Luke in der Tür abgedeckt. Andere Schulen rufen den kompletten "Lock Down" aus. Schüler von der Vorschule bis zur Highschool hocken die nächsten zwei Stunden unter ihren Tischen am Boden und warten ab.

Zwei Jahre ist das her. Aber das Gefühl der Bedrohung ist bei den Schülern der Richard-Montgomery-Highschool geblieben - auch weil es danach zu etlichen weiteren Gewalttaten an US-amerikanischen Schulen kam. 54 Tote und 105 Verletzte gab es laut einer Hochschulstatistik von Januar bis Mitte November. 2018 war das bislang tödlichste Jahr an US-Schulen.

Wie wirkt sich so viel Gewalt auf Schulen - und auf deren Schüler - aus?

Regelmäßige Trainings zum Schutz bei Amok-Situationen gehören in US-Schulen zum Alltag. An der Richard-Montgomery-Schule werden sie alle drei Monate absolviert, ebenso wie Tornado- oder Feueralarm. Die 16-jährige Tanya Kibyi hat neben solchen Trainings auch schon einen Ernstfall erlebt.

Tanya: "In der 5. Klasse passierte tatsächlich ein Shooting, fünf Minuten von unserer Grundschule entfernt. Wir saßen zwei Stunden im Lock Down, und ich erinnere mich, dass ich furchtbare Angst hatte. Ich mache mir Sorgen wegen der Schulschießereien. Ich weiß einfach nicht, was in den nächsten Wochen oder Monaten passieren wird."

"Nicht das Land, in dem ich auf Dauer leben möchte"

Tanya Kibyi
DPA

Tanya Kibyi

Tanya war im Alter von acht Jahren aus Kenia in die Vereinigten Staaten gekommen und ist mittlerweile amerikanische Staatsbürgerin:

"Die USA sind nicht das Land, das ich mir vorgestellt hatte. Ich dachte, die USA seien ein Land voller Hoffnung. Aber hier passieren ständig unschuldigen Menschen schlimme Dinge. Wenn sich das ändert, ändert sich vielleicht auch meine Einstellung zu Amerika wieder. Im Moment ist es nicht das Land, in dem ich auf Dauer leben möchte."

Noah Mack, ebenfalls 16 Jahre alt, wird als Home-Schooler von seiner Mutter zu Hause unterrichtet. Trotzdem spürt auch er die zunehmende Bedrohung durch Amokläufe an Schulen:

Noah: "Die Schulgewalt ist nicht nur fürchterlich durch den Tod, den emotionalen Stress und die Hoffnungslosigkeit, die sie verbreitet. Wie sollen Kinder überhaupt lernen, wenn sie sich nicht sicher fühlen?"

Trauriger Höhepunkt der Gewalt an US-Schulen in 2018: der Amoklauf von Parkland im US-Bundesstaat Florida. Am 14. Februar hatte der 19-jährige Nikolas Cruz an der Marjory Stoneman Douglas Highschool 17 Menschen erschossen, darunter 14 Schülerinnen und Schüler.

Lauren Bushey, 17 Jahre, erzählt, dass sie kurz danach richtig Angst hatte. "Es kursierten Gerüchte, dass auf Instagram jemand etwas Ähnliches an unserer Schule angekündigt hätte. Anders als andere hatten wir Glück - es war nur ein Gerücht."

"Ich glaube nicht, dass es eine gute Idee ist, Lehrer mit Waffen auszustatten"

Das Parkland-Massaker hatte nicht nur Folgen für Schüler, sondern auch Auswirkungen auf den politischen Diskurs in den USA. Präsident Donald Trump brachte die Bewaffnung von Lehrkräften und Schießtrainings für Lehrerinnen und Lehrer als Schutzmaßnahmen gegen Amokläufe ins Spiel. Dementgegen standen Forderungen der Überlebenden nach schärferen Waffengesetzen.

"March for Our Lives"-Demo in Washington in 2018
REUTERS

"March for Our Lives"-Demo in Washington in 2018

Hunderttausende Jugendliche im ganzen Land schlossen sich diesen Forderungen an. Es entstand die Schülerinitiative "March for Our Lives", die Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu am Dienstag in Kapstadt mit dem Internationalen Kinder-Friedenspreis ausgezeichnet hat. "Ich empfinde Ehrfurcht vor diesen Kindern, deren kraftvolle Botschaft noch verstärkt wird durch ihren unerschütterlichen Glauben daran, dass Kinder ihre Zukunft nicht nur verändern können, sondern verändern müssen", sagte er.

Lauren Bushey meint, nach dem Parkland-Massaker sei bei vielen Schülern die Politik in den Vordergrund gerückt:

Lauren: "Klar, ich bin auch mit anderen Schülern nach D.C. gegangen, um gegen Waffengewalt zu protestieren. Aber ernsthaft: Was bringt das wirklich? Ich selbst kann noch nicht wählen. Sobald ich wählen kann, möchte ich mir deshalb genau anschauen, wem ich meine Stimme gebe. Ich glaube nicht, dass es eine gute Idee ist, Lehrer mit Waffen auszustatten.

Unsere Verfassung ist vor langer Zeit gemacht worden, und zwar von weißen Männern. Damals gab es noch Sklaverei und keinerlei Frauenrechte. All das konnte man ändern. Warum dann nicht das Second Amendment zum Waffenbesitz? Das Alkoholverbot wieder aufzuheben, war doch auch kein Problem."

"Was, wenn doch?"

Auch der 15-jährige Neuntklässler Anand Chitnis glaubt, dass Veränderung möglich ist:

Anand: "An unserer Schule und auch im ganzen Bezirk haben sich viele junge Leute zusammengetan, um aktiv zu werden. Wir organisieren Walk Outs, Telefonaktionen, wenden uns an die Abgeordneten im Kongress. Eine Freundin von mir glaubt nicht, dass diese Aktionen irgendetwas nützen. Aber wir müssen doch wenigstens ein Bewusstsein dafür schaffen, dass die Politiker diese Veränderungen bewirken müssen."

Anand Chitnis
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Anand Chitnis

Mittlerweile hätten die Schüler immerhin den Schulleiter auf ihrer Seite.

"Am Anfang war er sehr zögerlich - und ich weiß, dass Lehrer sich nicht politisch äußern dürfen oder Position beziehen. Aber er ist schließlich auch Vater von Kindern. Und irgendwann hat er angefangen, uns zu unterstützen und vieles zu ermöglichen - so auch die Aktion mit den weißen T-Shirts."

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Amokläufe an US-Schulen: "Nicht das Land, in dem ich leben möchte"

Schüler der Richard-Montgomery Highschool hatten im Mai 2018 Dutzende weiße T-Shirts in langer Reihe am Zaun des Footballfeldes aufgehängt - wie in einer Waschmittelreklame. Auf ihnen standen die Namen all der Schüler, die bis zu der Aktion in den USA Opfer von Waffengewalt an Schulen wurden.

Wenige Wochen zuvor war an einer benachbarten Highschool ein Teenager mit einer halbautomatischen 9-Millimeter-Pistole im Schulrucksack erwischt worden. Der 18-Jährige lebte in einem Haushalt mit zahlreichen Waffen. Passiert war letztlich nichts. Trotzdem gehen solche Vorfälle nicht spurlos an den Jugendlichen vorbei.

"Ich glaube eigentlich nicht, dass an unserer Schule so ein Shooting passieren wird", sagt Anand. "Aber da ist doch immer dieses Schild im Kopf, auf dem steht: was, wenn doch?"

mmm/fok/Andrea Barthelemy, dpa

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Fuxx81 22.11.2018
1. Umparken im Kopf
Wenn ich mir die amerikanische Gesellschaft so angucke, der offen zelebrierte Sozialneid, die hysterischen Medien, die irrationale Waffenverliebtheit, dann wundert es mich, dass es nicht noch öfter zu Amokläufen kommt. Am die zu verhindern, müsste mal nachhaltig Druck aus dem Kessel gelassen werden.
swandue 22.11.2018
2.
Wenn die Regeln zum Waffenbesitz geändert werden würden, dann würde sich vielleicht erst mal gar nicht viel ändern, weil so viele Schusswaffen im Umlauf sind.
madameping 23.11.2018
3. Verankert in der Verfassung
Der Waffenbesitz ist in der amerikanischen Verfassung verankert (2. Zusatzartikel). Er stammt aus den Zeiten, in der die Siedler durch das Land gezogen sind und sich Existenzen aufgebaut haben. Das hat sich in so in den Köpfen verfestigt, dass es Bestandteil der Mentalität vieler Amerikaner geworden ist. Man muss sich das vorstellen: diese Menschen sind zutiefst geschockt, wenn ein 5-Jähriger einen nackten Busen sieht, finden aber nichts daran, dem gleichen Kind eine gefährliche Schusswaffe in die Hand zu drücken und ballern zu lassen... Nun sieht es im Augenblick danach aus, als würden die Amerikaner etwas kritischer damit umgehen - aber auch erst, nachdem so viel Leid passiert ist...
spon-facebook-10000523851 23.11.2018
4. Waehrend wir
jede Gelegenheit nutzen, die amerikanische Verliebtheit mit Waffen zu kritisieren vergessen wir die Zunahme der Gewaltbereitschaft in nahezu allen "fortgeschrittenen" Gesellschaften. In Abwesenheit von "Knarren" bedient man sich dann anderer "Werkzeuge" . Das sind keine Waffen- sondern Gesellschaftsprobleme!!!
sirraucheinviel 24.11.2018
5. @4
Richtig. Es gibt ja auch viele Gesellschaften mit vielen Schusswaffe. Zeigt eigentlich nur, dass die USA da leider das gestörteste Land sind und mentalitätsmässig nicht zum Schusswaffenbesitz geeignet sind.
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