Fotostrecke

Nach Newtown-Amoklauf: Viele Lehrer greifen zur Waffe

Foto: George Frey/ Getty Images

Nach Newtown-Massaker US-Lehrer strömen in Waffenkurse

Nach jedem Amoklauf drängen sich die gleichen Fragen auf: Hätte er sich verhindern lassen? Wie hätten mehr Menschen überlebt? In den USA reagieren Hunderte Lehrer und Erzieher darauf auf recht bedenkliche Weise - und besuchen Waffenkurse.

Natürlich wollen Lehrer Amokläufe verhindern, natürlich wollen sie ihre Schüler schützen. Nur wie? In den USA haben seit dem Massaker in Newtown Hunderte Lehrer und Erzieher Waffenkurse belegt. Viele wollten vorbereitet sein, sagt der Waffenverband Buckeye, sollte es in ihren Klassenzimmern zu ähnlichen Ereignissen kommen. Sie seien entschlossen, ihre Schüler mit Waffen zu schützen - selbst wenn sie das den Job kosten könnte. "Jeder Lehrer, der eine Lizenz hat und bewaffnet sein möchte, sollte auch bewaffnet sein können", sagt der Mitbegründer der Gruppe, Gerald Valentino. "Jeder Lehrer sollte die Wahl haben."

Mitte Dezember hatte ein 20-Jähriger bewaffnet mit einem Sturmgewehr in Newtown im Bundesstaat Connecticut 20 Grundschüler und sechs Erwachsene getötet, bevor er sich selbst erschoss. Präsident Barack Obama kündigte daraufhin an, die Waffenregeln verschärfen zu wollen. Das stößt jedoch auf erheblichen Widerstand: Waffenlobbyisten argumentieren, ein bewaffneter Lehrer hätte das Massaker in Newtown stoppen können.

Die Logik der Waffenlobby National Rifle Association: Nicht die frei verfügbaren Waffen seien für Amokläufe wie den von Newtown verantwortlich, nicht die laschen Kontrollen, die Waffenmessen oder die Besessenheit vieler, militärische Sturmgewehre zu horten. Nein: Die Schuld liege bei blutigen Videospielen, Hollywood, milden Richtern, linken Politikern, Obama, den Medien.

Im Bundesstaat Ohio bietet der Waffenverband Buckeye seit kurzem einen kostenfreien, extra neu geschaffenen dreitägigen Intensivkurs an, auf dem man lerne, wie man sich im Ernstfall zu verhalten habe. 900 Bewerbungen lägen bereits vor. In Texas wird für Lehrer ein Kurs kostenlos angeboten, auf dem man einen Schein zum versteckten Tragen von Waffen erwerben kann. Normalerweise kostet er 85 Dollar. Die 400 verfügbaren Plätze waren rasch ausgebucht, weshalb es in Kürze eine weitere Auflage geben soll.

Einer der Ausbilder ist Josh Felker, der die Kurse in einer Vorstadt von San Antonio unterrichtet. Viele der Teilnehmer hätten ihm gesagt, sie hätten vor, Waffen in ihren Klassenzimmern zu tragen, auch wenn dies verboten sein sollte - und sie deshalb entlassen werden könnten. "Sie sind bestürzt über das, was passiert ist. Niemand wird ihren Kindern wehtun."

Erzieher lernen von der Polizei, auf "aktive Schützen" zu reagieren

Die Buckeye Firearms Association hat sich 2004 erfolgreich dafür eingesetzt, dass Waffen verborgen getragen werden dürfen. Lehrer, die eine entsprechende Lizenz haben, dürfen dies auch in Klassenzimmern öffentlicher Schulen - sofern dies von der zuständigen Bezirksschulbehörde gestattet ist. David Thweatt leitet eine solche Behörde, die für einen ländlich geprägten Schulbezirk 280 Kilometer nordwestlich von Dallas zuständig ist. Er hat seinen Lehrern die Erlaubnis erteilt mit dem Argument, dass die Polizei es im Ernstfall "hier niemals rechtzeitig her schaffen würde".

In Ohio obliegt es jeder einzelnen Schulaufsicht zu entscheiden, ob Lehrer Waffen tragen dürfen. Der Generalstaatsanwalt des Bundesstaats, Mike DeWine, erklärte nach dem Massaker in Newtown, Lehrer seien als "first responders" die ersten am Tatort, die reagieren könnten. Deshalb sollten sie zusätzliche Sicherheitstrainings bekommen. Ab jetzt bietet deshalb eine Polizeiakademie in Ohio erstmals einen Kurs für Erzieher an, in dem es darum geht, wie auf "aktive Schützen" zu reagieren sei. Bislang war dieser Kurs Polizisten vorbehalten. Auch in anderen Staaten haben Erzieher nach den Ereignissen in Connecticut Waffenkurse belegt. So ließen sich in Utah 200 Lehrer kostenlos von Waffenaktivisten ausbilden.

Kritiker befürchten, dass durch solche Aktionen die Klassenzimmer nur noch unsicherer werden und Lehrer von ihrem eigentlichen Job, nämlich Kinder zu unterrichten, abgelenkt werden.

Viele versuchen, nach dem Massaker in Newtown außerdem genau das Gegenteil zu erreichen: Sie plädieren für schärfere Waffenregeln. Darunter Präsident Obama und auch auch New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg. Zu den prominenten Vertretern gehört auch die Ex-Kongressabgeordnete Gabrielle Giffords. Sie wurde bei einem Attentat vor zwei Jahren durch einen Kopfschuss schwer verletzt. Sie stellte am Dienstag mit ihrem Ehemann, dem ehemaligen Astronauten Mark Kelly, eine Initiative zur Eindämmung der Waffengewalt vor.

Sie besitzen selbst eine Waffe, doch die anhaltende Serie von Massakern habe sie überzeugt, etwas gegen die ausufernde Waffengewalt unternehmen zu müssen, sagte Giffords dem Sender ABC. Ziel ihrer Aktion ist es, die Politiker in Washington zu schärferen Regeln zu bewegen. Sie wollen so ein Gegengewicht zu der einflussreichsten Waffenlobby-Organisation zu schaffen, der National Rifle Association.

Kim Palmer/Jim Forsyth/Reuters/fln
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.