Analyse der Pisa-Ergebnisse Besser, aber ungerechter

Eine Analyse der jüngsten Pisa-Ergebnisse zeigt: Deutschlands Schulen haben sich im internationalen Vergleich verbessert. Gleichzeitig ist das Bildungssystem jedoch sozial ungerechter geworden.

Lernen für die Welt von morgen" heißt die aktuelle Pisa-Studie der OECD, und genau diese Fähigkeit 15-jähriger Schüler wurde in 40 Staaten untersucht. Wie sicher können die Nachwachsenden am Ende der Pflichtschulzeit lesen und rechnen? Wie weit reicht ihr naturwissenschaftliches Grundverständnis? Mit anderen Worten: Wie gut wurden sie von ihrer Schule für eine globalisierte, in ständigem Wandel begriffene Arbeitswelt präpariert?

Mit "Pisa 2003" liegt der mit Spannung erwartete zweite Teil des "Programme for International Student Assessment" vor. Denn nun können nicht nur die Schülerleistungen der Länder miteinander verglichen werden. Jetzt lässt sich auch erkennen, wie sich diese Leistungen im Gefolge des Pisa-Schocks verändert haben.

Foto: DER SPIEGEL
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Pisa-Studie der OECD 2003
Bei Pisa 2000 erreichte Deutschland im Fach Mathematik Rang 20. Unter den damals vertretenen Ländern würde Deutschland heute Rang 16 belegen. Im Fach Lesen damals Rang 21, heute Rang 18. In den Naturwissenschaften damals Rang 20, heute Rang 15.

Mathematik

Lesen

Naturwissenschaften

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Als strahlender Sieger im Schwerpunktfach Mathematik erweist sich indes ein Teilnehmer, der bei der ersten Pisa-Untersuchung gar nicht dabei war: Die Neueinsteiger aus Hongkong lassen die vormaligen Spitzenreiter Japan und Südkorea hinter sich, mehr als die Hälfte der Schüler aus der Ex-Kronkolonie rechnet auf hohen Kompetenzstufen. In den Naturwissenschaften belegt Hongkong den dritten, im Lesen immerhin den zehnten Platz.

Das Ergebnis der deutschen Schüler fällt diesmal nicht ganz so schlecht aus wie vor drei Jahren. Zwar hat sich ihr Platz in der Rangliste der Nationen nur unmerklich verändert: Im Lesen bleibt Deutschland auf dem 21. Platz, in Mathematik kletterte es auf den 19., in den Naturwissenschaften auf den 18. Rang. In beiden Disziplinen lag Deutschland zuvor auf Platz 20.

Doch mit dem Pisa-Ranking, das im Jahr 2001 die deutsche Bildungslandschaft in Aufruhr versetzte, ist der neue Länderwettstreit nur bedingt zu vergleichen. Denn damals wurden nur 31 Staaten bewertet, unter den zehn Kandidaten, die nun neu dabei sind, befinden sich auch Aufsteiger wie Hongkong und Macau; die durchgängig im oberen Viertel platzierten Niederländer konnten bei Pisa 2000 nicht eingerechnet werden.

So fällt beim vordergründigen Blick auf die Platzierung kaum auf, dass die Deutschen an einigen Staaten vorbeiziehen konnten: Überholt haben die Schüler im Fach Mathematik die USA, Irland und Norwegen, im Lesen Österreich, Tschechien und Italien; in den Naturwissenschaften zogen die Deutschen sogar gleich an fünf Konkurrenten vorbei: den USA, Island, Österreich, Norwegen und Spanien.

Ein Grund zum Jubeln? Dem Kieler Bildungsforscher Manfred Prenzel, der die Untersuchung in Deutschland ausgewertet hat, kommt es mehr auf die Punktwerte an als auf die Platzierung im Länder-Ranking: "Wir vergleichen nicht die Positionen, die Deutschland auf den Rängen erzielt hat."

Gerade bei den Punktwerten aber, so geht aus dem 480 Seiten starken Pisa-Bericht hervor, haben sich die deutschen Schüler leicht nach vorn gearbeitet. In Mathematik etwa, dem Schwerpunktfach des aktuellen Pisa-Zyklus, lagen die Deutschen mit ihren Leistungen im Jahr 2000 noch merklich unter dem OECD-Durchschnitt, diesmal schafften sie es knapp darüber.

Auch in den Naturwissenschaften liegen die Deutschen nun über dem Mittel - eine signifikante Leistungssteigerung, die allerdings vor allem der Spitzengruppe zu verdanken ist: Die ohnehin guten Schüler wurden im Vergleich zur letzten Pisa-Studie noch besser. Einzig im Bereich der Lesekompetenz ist die Leistung weiterhin unterdurchschnittlich: Hier bleibt Deutschland immer noch 9 Zähler unter den als Mittelwert festgelegten 500 Leistungspunkten.

Anlass zum Aufatmen ist das alles noch nicht - zumal das Urteil der OECD über das deutsche Schulsystem, wie schon vor drei Jahren, streckenweise vernichtend ausfällt:

  • Trotz der leichten Verbesserung deutscher Schüler beträgt ihr Leistungsrückstand gegenüber den Siegerländern in Mathematik ein ganzes Schuljahr.


  • Chancengleichheit und Integration kommen im deutschen Bildungssystem weiterhin zu kurz: Nur in Ungarn, Belgien und Portugal haben Ausländerkinder und Kinder aus sozial schwachen Familien schlechtere Bildungsaussichten als in Deutschland. Die Autoren sprechen von einem "beunruhigenden" Befund. Erfolgreichen Pisa-Ländern gelingt es erheblich besser, Zuwandererkindern den Weg zu höherer Bildung zu ebnen. In Hongkong etwa, aber auch im Einwanderungsland Kanada erzielen Kinder von Ausländern ähnlich gute Leistungen wie einheimische.


  • Noch immer gelingt es in Deutschland kaum, die schwachen Schüler zu fördern. Im Schwerpunktfach Mathematik zeigt sich, dass die Leistungen starker und schwacher Schüler extrem weit auseinander klaffen. "Deutschland und Irland sind beide um den Mittelwert herum platziert", heißt es in der OECD-Studie. "Doch während Irland eine der geringsten Leistungsstreuungen hat, zeigt sich in Deutschland eine der größten."


  • Bei der Lesefähigkeit ergibt sich ein ähnliches Bild. Einzig in Belgien öffnet sich die Schere zwischen guten und schlechten Schülern ähnlich weit wie in Deutschland. Dagegen liegen bei den Lese-Siegern Finnland und Südkorea die durchschnittlichen Leistungen der Schüler sehr eng beieinander.


  • Deutsche Schüler fühlen sich nicht ausreichend von ihren Lehrern unterstützt. In den Fragebögen zum Mathematikunterricht gaben nur 43 Prozent an, ihr Lehrer interessiere sich für ihren individuellen Lernfortschritt (OECD-Durchschnitt: 58 Prozent). Weit besser betreut fühlen sich etwa die jungen Australier, Dänen und Kanadier.


  • Auch zwischen den einzelnen Schulen sind die Leistungsunterschiede gewaltig. In Kanada, Island oder Macau - allesamt bei Mathe im oberen Bereich - können Eltern darauf vertrauen, dass die Schule um die Ecke genauso gute Arbeit leistet wie jede andere. Die Matheleistungen von Lehranstalten, die in unterschiedlichen sozialen Milieus angesiedelt sind, klaffen nur in der Türkei und in Ungarn noch weiter auseinander als in Deutschland.
An Selbstvertrauen zumindest mangelt es den Deutschen trotzdem nicht. Denn auch das haben die Pisa-Prüfer erkundet. Fast 60 Prozent der deutschen Schüler sind demnach davon überzeugt, dass sie "schnell Mathematik lernen". Immerhin 42 Prozent gaben an, dass sie selbst schwierigste Aufgaben meistern. Ganz anders dagegen die erfolgreichen Asiaten. Nur jeder vierte Japaner zum Beispiel hält sich für einen schnellen Rechner, wirklich schwierige Aufgaben zu lösen, traut sich gerade einmal jeder zehnte zu.

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