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14. Juni 2017, 17:50 Uhr

Angst vor Terror

Dürfen Eltern die Klassenfahrt nach London absagen?

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Nach den Terroranschlägen in London will eine Mutter aus Duisburg offenbar verhindern, dass ihre Tochter auf Klassenfahrt in die britische Hauptstadt fährt. Darf sie das?

Eine Duisburger Schule plant für diesen Sommer eine Klassenfahrt nach London. Etwa 160 Neuntklässler sollen teilnehmen. Eine Mutter hat jedoch offenbar Bedenken. Sie will nicht, dass ihr Kind mitfährt. Laut "WAZ" sei ihr die Terrorgefahr zu groß.

Schulleiter Karl Hußmann bestätigte gegenüber dem SPIEGEL: "Eine Mutter hat im Sekretariat der Schule angerufen. Sie sagte, sie wolle wegen der Terrorgefahr nicht, dass ihre Tochter mit nach London fährt." Er habe bisher allerdings nichts weiter von ihr gehört. Bislang habe auch kein Elternteil die Teilnahme eines Schülers abgesagt. Der Fall hatte für Aufsehen gesorgt, mehrere Medien berichteten.

Doch dürfen Eltern ihren Kindern aus Angst vor Terroranschlägen die Teilnahme an einer Klassenfahrt überhaupt verbieten?

Klassenfahrten sind meist Pflichtveranstaltungen. Fehlt ein Schüler ohne triftigen Grund, kann dies als Fehlzeit gewertet werden. Im Zweifel sollten sich Eltern an die Schulleitung wenden. Heike Meisen von der Landeselternkonferenz Nordrhein-Westfalen kann verstehen, dass manche Eltern in Anbetracht zunehmender Terrorgefahr Klassenfahrten am liebsten absagen wollen.

"Dass ein Schüler dafür Fehlzeiten angerechnet bekommen soll, ist meines Erachtens nicht gerechtfertigt", so Meisen zum SPIEGEL. Sie hält es für besser, wenn der betroffene Schüler stattdessen die Möglichkeit bekäme, am Unterricht in einer anderen Klasse teilzunehmen.

Die Richtlinien für Schulfahrten des Schulministeriums von Nordrhein-Westfalen sehen vor, dass Eltern in Ausnahmefällen eine Befreiung beantragen können. Diese kann erteilt werden, wenn gravierende erzieherische Gründe vorliegen. "Das hängt auch vom Einzelfall ab", sagte ein Sprecher vom Schulministerium NRW.

Was können Lehrer tun?

Ilka Hoffmann von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) meint, man könne Eltern in so einer Situation nur schwer überreden, ihr Kind auf Klassenfahrt zu schicken. Sie geht allerdings von einem Einzelfall aus. "Es ist das erste Mal, dass ich davon höre, dass ein Elternteil sein Kind wegen Terrorgefahr nicht auf Klassenfahrt schicken will", sagte Hoffmann zum SPIEGEL.

Generell könnten Lehrer in solchen Fällen den Eltern deutlich machen, dass es überall zu einem Terroranschlag kommen könnte. "Wenn es danach geht, müsste man zu Hause bleiben", so Hoffmann. Außerdem informierten sich Lehrkräfte auch beim Auswärtigen Amt.

Das bestätigt auch Schulleiter Hußmann. Das Auswärtige Amt hat zwar Sicherheitshinweise für Reisen nach Großbritannien herausgegeben, eine Reisewarnung besteht allerdings nicht. "Für uns ist ganz klar: Sobald das Auswärtige Amt eine Reisewarnung herausgibt, werden wir London nicht ansteuern", sagte der Schulleiter. Dies sei bisher jedoch nicht der Fall. Deshalb habe er keine Bedenken, was die Fahrt nach London betrifft.

Dürfen Lehrer eine Fahrt absagen, wenn sie selbst Angst vor Terror haben?

Dafür gibt es offenbar keine einheitliche Regelung. Die Entscheidung, Klassenfahrten nach Terroranschlägen abzusagen, liegt meist bei den Schulen. Nach den Anschlägen von Paris hatten mehrere Schulen Klassenfahrten nach Frankreich abgesagt. Andere sagten dagegen: "Jetzt erst recht."

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