Reaktionen zur Pisa-Studie "Mittelmaß kann nicht unser Anspruch sein"

Besser als der Durchschnitt, aber schlechter als vorher: Mit Blick auf die neue Pisa-Studie ärgert sich Bildungsministerin Karliczek über Deutschlands Platz im Mittelfeld - und aus Hamburg kommt ein Verbesserungsvorschlag.
"Andere Staaten ziehen an uns vorbei": Karliczek bei der Vorstellung der Pisa-Studie

"Andere Staaten ziehen an uns vorbei": Karliczek bei der Vorstellung der Pisa-Studie

Foto: Wolfgang Kumm/ DPA

Bildungsministerin Anja Karliczek reagiert mit Sorge auf die Leistungen der deutschen Schüler in der neuen Pisa-Studie der OECD. "Mittelmaß kann nicht unser Anspruch sein", sagte die CDU-Politikerin nach der Vorstellung der Ergebnisse . Sie hob zwar hervor, Deutschland liege erneut leicht über dem OECD-Durchschnitt. "Damit können wir aber nicht zufrieden sein. Ein Land ohne Rohstoffe kann sich nicht im Mittelfeld bewegen. Andere Staaten ziehen an uns vorbei."

Die Pisa-Studie untersucht alle drei Jahre die Leistungen von 15-Jährigen in den Bereichen Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften. An den Tests im vergangenen Jahr nahmen rund 600.000 Schülerinnen und Schüler in 79 Ländern teil, mehr als je zuvor. Die deutschen Jugendlichen schnitten etwas schlechter ab als zuletzt.

Die abflachende, zunehmend negative Entwicklung besorge sie sehr, sagte Karliczek, und auch dass die Gruppe der leistungsschwachen Schüler wachse und gleichzeitig die Gruppe der leistungsstarken Schüler stagniere. Besonders alarmierend sei, dass jeder fünfte Jugendliche nicht einmal auf Grundschulniveau lesen könne.

"Wir wollen in die Spitze aufsteigen"

Die Ministerin forderte: "Wir brauchen einen Aufbruch in der Bildungspolitik." Deutschland scheue nicht den Vergleich mit den ganz leistungsstarken Ländern. "Wir wollen in die Spitze der Pisa-Studie aufsteigen."

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Der Präsident der Kultusministerkonferenz, der hessische Ressortchef Alexander Lorz (CDU) dagegen las die Ergebnisse positiver. Obwohl die Schülerschaft deutlich heterogener geworden sei, gelinge es den Schulen, weiterhin gute Ergebnisse im internationalen Vergleich zu erzielen, sagte er.

Zudem hätten sich Schüler mit Zuwanderungshintergrund in der zweiten Generation gegenüber früheren Pisa-Studien deutlich verbessert. "Es belegt, dass die Schulen einen wichtigen Beitrag zur langfristigen Integration in unsere Gesellschaft leisten."

Als die OECD vor knapp 20 Jahren das erste Mal den internationalen Vergleichstest angestellt hatte, schnitt Deutschland allenfalls mittelmäßig ab. Nach diesem "Pisa-Schock" holten die deutschen Jugendlichen zumindest zwischenzeitlich auf, wie der stellvertretende OECD-Generalsekretär Ludger Schuknecht lobte. Er äußerte sich aber auch kritisch: "Deutschland hat ein beeindruckendes Tempo an Verbesserungen gezeigt, aber die Verbesserungen sind zum Stillstand gekommen."

Die nachlassenden Leistungen der Schüler treiben auch die Wirtschaft um. Der stellvertretende DIHK-Hauptgeschäftsführer Achim Dercks verwies auf die nötigen Kenntnisse in Naturwissenschaften, Mathematik und Lesen, um "einen guten Start ins Berufsleben zu finden". Dercks forderte mehr Zusammenarbeit von Bund und Ländern.

Hamburg fordert mehr Bildungszeit

Hamburgs Schulsenator Ties Rabe und Koordinator der SPD-geführten Kultusministerien der Länder, kommentierte die Ergebnisse mit einem konkreten Vorschlag zur Verbesserung des deutschen Schulsystems: Es falle auf, dass Deutschland im internationalen Vergleich eine relativ geringe Schulzeit und eine höhere Zahl von Schülerinnen und Schülern hat, die zu Hause kaum Deutsch sprechen.

"Wenn wir vorankommen wollen, dann brauchen wir deshalb mehr Bildungszeit und müssen insbesondere früher mit Bildung beginnen", teilte Rabe mit. "Zudem müssen wir die Schulzeit stärker auf die Kernkompetenzen Lesen, Schreiben und Rechnen konzentrieren."

Das Bund-Länder-Programm "Bildung in Sprache und Schrift" (BISS) habe gezeigt, dass Kinder nach bestimmten Methoden besser lesen und schreiben lernen. "Diese Erkenntnisse müssen wir jetzt umsetzen", forderte Rabe.

Der bayerische Kultusminister Michael Piazolo sagte zu den Pisa-Ergebnissen: "Für die bayerischen Schulen bringt Pisa keine wesentlichen neuen Erkenntnisse. Wir wissen aus Vergleichsstudien, wie stark sich die Ergebnisse zwischen den Bundesländern in Deutschland unterscheiden." Bayern liege hier traditionell in Deutschland in der Spitzengruppe. "Wir werden die internationalen Ergebnisse nun sorgfältig analysieren und hieraus bei Bedarf Rückschlüsse für unsere Bildungspolitik ziehen. Wir ruhen uns nicht auf den Ergebnissen aus. Man kann alles immer noch besser machen."

"Achillesferse des deutschen Schulsystems"

Lehrerverbände kritisieren angesichts der Pisa-Ergebnisse vor allem, dass Deutschland beim Thema Chancengerechtigkeit erneut schlecht abschneidet. Der Schulerfolg ist hier deutlich stärker vom Elternhaus abhängig als in anderen Industrienationen, ein Dauerbefund auch in früheren Pisa-Studien.

Die Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) sprach von der "Achillesferse des deutschen Schulsystems." Auch fast 20 Jahre nach dem Pisa-Schock schaffe es die Schule nicht entscheidend, Nachteile abzubauen, die Kinder aus dem Elternhaus mitbringen, sagte Ilka Hoffmann, GEW-Vorstandsmitglied. Im Gegenteil: Der Lehrkräftemangel verstärke das Problem.

"Die Herausforderungen für deutsche Schulen in den letzten Jahren waren riesig", kritisierte auch Heinz-Peter Meidinger vom Deutschen Lehrerverband. Er sei deshalb "überrascht", dass Deutschland beim aktuellen Pisa-Test nicht schlechter abgeschnitten habe, sagte er gegenüber der "Neuen Osnabrücker Zeitung" (NOZ).

Als Beispiele hoher Mehrbelastung nannte er 200.000 zusätzliche Kinder mit Migrationshintergrund, die 2015 bis 2017 an deutsche Schulen gekommen seien, massiven Lehrermangel und hohen Unterrichtsausfall. Falls man diese Probleme nicht in den Griff kriege, sehe er "pechschwarz" für die nächste Pisa-Studie und damit für die Zukunft der Schüler, so Meidinger.

Die GEW fordert "einen Schulterschluss, um länderübergreifende Anstrengungen für mehr Chancengleichheit zu stemmen". Udo Beckmann, Vorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE), moniert: "Was fehlt, ist vor allem ein gemeinsames Bildungsverständnis und eine Vorstellung davon, was überhaupt vermittelt werden soll." Die Kultusministerien wirkten "zunehmend ratlos", welche Maßnahmen helfen könnten.

faq/fok/AFP/Reuters/dpa