Anti-Anti-Raucher an Schulen Asche auf eure Häupter!

Seit Beginn des Schuljahres darf an Berlins Schulen nicht mehr geraucht werden. Doch viele Schüler umgehen das Verbot, bemängelt Bildungssenator Böger. Mancherorts finden sich die Widerspenstigen in trauter Gemeinschaft mit ihren Lehrern wieder - qualmenderweise vor dem Schultor.


Qualmen aus Trotz: Raucher an Schulen halten sich nicht an Verbote
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Qualmen aus Trotz: Raucher an Schulen halten sich nicht an Verbote

Gut einen Monat nach Inkrafttreten des Rauchverbotes an Berliner Schulen rüffelt Bildungssenator Klaus Böger (SPD) Schüler und Lehrer: Auf das Verbot geben die Raucher offenbar nicht viel, sie verziehen sich eben in den Kellerraum oder vor das Schultor. Der gemeinsame Widerstand der Anti-Anti-Raucher schafft neue Allianzen: "Es gab sogar Fälle, dass Lehrer in einer Trotzreaktion zusammen mit Schülern außerhalb des Schulgeländes rauchten", sagte Böger. Das seien "ganz schlechte Beispiele und schon gar keine Vorbilder", meinte Böger. An manchen Orten blieben Kippen liegen, und Nachbarn beschwerten sich über Unruhe. Ein weiteres Problem sei, so berichten Schulleiter, dass die Lehrer draußen keinen Zugriff auf Schüler hätten, etwa wenn sie von Dealern angesprochen würden.

Seit Beginn des neuen Schuljahres am 9. August gilt an rund 800 Schulen für etwa 31.000 Lehrer und 321.000 Schüler ein uneingeschränktes Rauchverbot. Und die Berliner Politiker wollen den Glimmstengel jetzt auch aus Kindertagesstätten verbannen. Das Bezirksparlament Steglitz-Zehlendorf beschloss, dass ein solches Verbot vom 1. November an gelten soll. Hintergrund des Beschlusses ist eine Umfrage, wonach in zwei Dritteln aller Einrichtungen die Erzieherinnen rauchen, in jeder fünften Kita können die Kinder den Erwachsenen beim Rauchen zusehen.

"Von zwei Seiten Feuer"

Der Bildungssenator sieht sich in der Raucherdebatte zwischen den Fronten: "Ich bekomme von zwei Seiten Feuer." Die Nichtraucher würden sich beschweren, er handele zu lax, die Raucher hielten ihm "Strafaktionen auf den Schulhöfen" vor. Besonders in den Oberstufenzentren, die von älteren Schülern besucht werden, fühlen sich nach Angaben Bögers viele bevormundet. "Die sagen mir, die Regeln seien lebensfremd." Aber sie müssten nun einmal eingehalten werden.

Zigarettenschachtel: "Be Smart - Don't Start"
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Zigarettenschachtel: "Be Smart - Don't Start"

Trotz der gemischten Berliner Erfahrungen arbeitet auch das Bundesland Hamburg auf ein absolutes Rauchverbot an Schulen hin. Spätestens zum Beginn des zweiten Schulhalbjahres am 1. Februar 2005 sollen alle Schulen der Hansestadt qualmfrei sein, teilte die Bildungsbehörde mit. "Das absolute Rauchverbot wird für Schüler und Lehrer gleichermaßen gelten", so Bildungssenatorin Alexandra Dinges Dierig zum Auftakt des bundesweiten Nichtraucherwettbewerbs "Be Smart - Don't Start".

Wenig begeistert von der Kampagne zeigten sich Eltern- und Lehrervertreter. "Diskussionsprozesse an den Schulen sind besser als kontraproduktive Verbote", sagte GEW-Sprecherin Ilona Wilhelm in der "tageszeitung". Verbote weckten bei Jugendlichen den Reiz, sie zu übertreten. "Pädagogisch ist das ausgesprochen unklug."

Er habe sich gewünscht, dass die Eigenverantwortung in den Schulen selbst ausgeübt und nicht verordnet werde, betont Berlins Bildungssenator Böger. Das Verbot sei jedoch beschlossen worden, jetzt verlange er von den Schulleitern, dass die Anweisung durchgesetzt wird. "Ich selbst werde aber nicht über Schulhöfe rennen und in den Ecken schnüffeln", versicherte Böger. Seine erste Zwischenbilanz zum Rauchverbot an Berliner Schulen: "Die Zahlen machen Hoffnung. Aber wir brauchen in der Raucherfrage einen sehr langen rauchfreien Atem."



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