Anti-Gewalt-Training für Lehrer Was tun, wenn's knallt?

Messer und Pistole im Schulranzen: An manchen Berliner Schulen erpressen die Schüler einander, sie klauen Telefone, Jacken, Mp3-Player. Die Lehrer sind von der Gewaltwelle überfordert. Ein Spezialtraining soll Pädagogen auf aggressive Jugendliche besser vorbereiten.

Ein jugendlicher Türke, ein Kerl wie ein Schrank, lässt sich wieder und wieder von seinem deutlich schmächtigeren Vater verprügeln. Er wehrt sich nicht. Draußen, auf der Straße, und vor allem in der Schule, tut er aber so, als sei er ein Preisboxer.

Genau "diese Hintergründe gewalttätiger Jugendlicher" müssten Lehrer erkennen, sagt Rebecca Friedmann von "Denkzeit", einem Projekt der FU Berlin für die Arbeit mit "delinquenten" Jugendlichen. Also mit jungen Menschen, die Probleme machen, aggressiv sind, zuschlagen, klauen, andere "abziehen".

Rebecca Friedmann stellte heute gemeinsam mit Jürgen Körner von der FU und der Senatsverwaltung für Bildung ihr Schulungsprogramm vor. Es soll Lehrern helfen, "mit solchen Jugendlichen richtig umzugehen". 400 Pädagogen können bei "Denkzeit" in den nächsten Monaten den richtigen Umgang mit gewalttätigen Schülern lernen.

"Viele Jugendliche sind psychisch krank", sagt Körner, "wir kommen eigentlich zu spät." Die meisten Jugendlichen seien bereits beschädigt, wenn sie als Kinder mit der Schule anfangen. Zwei Drittel der regelmäßig auffallenden jugendlichen Gewalttäter gehörten im Grunde in eine Therapie, so Körner. "Wir sind manchmal die ersten 'guten' Erwachsenen im Leben dieser Schüler", sagt Rebecca Friedmann.

"Wir brauchen kein Karate für Lehrer"

Aber was macht man nun, wenn ein Schüler mit Gewalt droht? Wenn er einem Mitschüler das Telefon wegnimmt? Oder ständig mit Stühlen schmeißt?

Gegensteuern? Abstrafen? Defensive und Deeskalation?

Angemessen kann nur reagieren, wer viel über die Ursache der Aggression weiß, sagt Jürgen Körner. Das Projekt solle die "oft schlecht vorbereiteten Lehrer" dabei unterstützen. Schließlich sind sie es, die korrigieren sollen, was in Elternhäusern versäumt wurde", so Jürgen Körner. Die ethnische Herkunft der Schüler spiele dabei keine Rolle. "Aber die Lehrer sollen lernen, Unterscheidungen zu treffen". Es gebe unterschiedliche Typen von Gewalttätern - und nach diesen Typen müsse sich auch die Reaktion richten.

Natürlich hilft alle Theorie wenig, wenn ein Schüler schon mit dem geöffneten Klappmesser vor seinem Lehrer steht. "Aber solches Wissen hilft, um es gar nicht so weit kommen zu lassen", sagt Rebecca Friedmann. "Wir brauchen kein Karate für Lehrer, sondern Wissensvermittlung."

Eine allgemeine gleiche Bestrafung aller Gewalttaten sei schlicht sinnlos, und Wachschutz vor Schulen, wie er an der Neuköllner Rütlli-Schule aufgestellt wurde, schrecke auch nur einen Teil von gewaltbereiten Jugendlichen ab.

"Im neuen Programm erklären wir den Lehrern drei Typen auffälliger Schüler", sagt Rebecca Friedmann. "Den Täter gibt es nämlich nicht". Diese drei Typen beschreiben die Forscher so:

  • Der "instrumentell" Aggressive verprügelt seinen Mitschüler, weil er dessen Handy haben will - ohne besonders wütend zu sein, ohne Unrechtsbewusstsein, ohne schlechtes Gewissen. Dieser Typ muss lernen, sich in andere Menschen hineinzuversetzen und deren Interessen zu berücksichtigen, so Rebecca Friedmann. Hier seien konsequente Strafen und Kontrolle angesagt: "Er muss bestraft werden, muss fühlen, dass er sofort an eine Grenze stößt." Würde dieser Handy-Räuber vielleicht zurückschrecken, wenn ein Polizist in der Nähe ist, wäre das dem zweiten Typ völlig gleichgültig:
  • Der "reaktiv" Aggressive, der sich leicht provoziert fühlt und dann in die Luft geht. Er könne nicht anders, als zuzuschlagen, obwohl es ihm nachher oft Leid tue. Hier hätten Strafen keine große Wirkung, vielmehr müsse der Jugendliche Strategien entwickeln, seine Wut unter Kontrolle zu bringen. So erzählt Rebecca Friedmann von einem Jungen, der auf Sticheleien der Klassenkameraden hin nicht mehr mit Stühlen um sich warf, sondern in Absprache mit der Lehrerin kurz vor die Tür ging, um Luft zu holen und sich zu beruhigen. "Mit Strafen wäre das nur noch schwieriger geworden."
  • Ein ganz anderes Problem hat der schwierigste Typ, der "Frusttäter": Der schleppt, vielleicht seit Jahren, einen dumpfen Groll mit sich herum, der von Zeit zu Zeit unkontrolliert ausbricht. Diese Jugendlichen suchen sich ein beliebiges Opfer, um mit Schlägen ihre aufgestaute Wut los zu werden und sich danach vielleicht besser zu fühlen. "Strafen helfen hier nicht", sagt Friedmann. Notwendig sei eine langfristige Strategie, damit der Betreffende sein Selbstwertgefühl erhöhen und die innere Spannung abbauen könne, die zu den unkontrollierbaren Ausbrüchen führe.

Gefördert wird das Fortbildungsprogramm "Denkzeit" vom Land, vom Europäischen Sozialfonds und von der Denkzeit-Gesellschaft. Lehrer können sich ab sofort im Internet anmelden . Die Kursteilnahme ist kostenlos.

maf/dpa, AFP, AP, ddp