Antisemitismus Schüler wegen Nazi-Parolen nach Hause geschickt

Als ein Realschüler bei einer Klassenfahrt ins frühere Konzentrationslager Theresienstadt einen antisemitischen Spruch ins Gästebuch schrieb, schlossen erboste Lehrer den Achtklässler von der weiteren Teilnahme aus - völlig zu Recht, wie Göttinger Richter entschieden.


Mit seiner achten Klasse aus dem Kreis Northeim hatte ein 14-jähriger Schüler im Juni 2001 eine Klassenfahrt nach Tschechien unternommen und dabei auch das ehemalige Konzentrationslager Theresienstadt besucht. Gegen Ende der Besichtigung entdeckten die Lehrer, dass der Schüler einen antisemitischen Spruch ins Gästebuch des Ghettomuseums geschrieben hatte: "Es kam einmal ein Mann aus Österreich / der versprach dem Volk das 3. Reich / gab ihm zu essen, gab ihm Brot / heil Hitler, schlag die Juden tod".

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Für die Lehrer war die Konsequenz klar - sie schlossen den Schüler von der weiteren Teilnahme an der Klassenfahrt aus. Er wurde vom Vater einer Mitschülerin, die ebenfalls ausgeschlossen worden war, aus Prag abgeholt.

Kurz darauf legte der Achtklässler allerdings Widerspruch gegen den Ausschluss ein und forderte zugleich Erstattung der Rückreisekosten als Schadensersatz. Die Begründung: Die Ordnungsmaßnahme sei unangemessen gewesen, und nicht er selbst trage die Verantwortung für das Fehlverhalten, sondern die Lehrkräfte - sie hätten ihre Schüler im Unterricht nicht angemessen auf den Besuch eines solchen Lagers vorbereitet und somit pädagogisch versagt. Als die Bezirksregierung Braunschweig den Widerspruch zurückwies, klagte der Schüler.

"Schaden selbst verursacht"

Fast zwei Jahre später hat das Verwaltungsgericht Göttingen ein klares Urteil gefällt. Die Pädagogen hätten den Schüler völlig zu Recht nach Hause geschickt, entschieden die Richter. Solche Erziehungsmittel seien nach dem niedersächsischen Schulgesetz zulässig, wenn Schüler den Unterricht beeinträchtigten oder in anderer Weise ihre Pflichten verletzten. Zudem hätten die Lehrer ihren Schüler nicht vom Unterricht ausgeschlossen, sondern nur von der Klassenfahrt - zurück zu Hause habe er weiter die Schule besuchen und am Unterricht in einer anderen Klasse teilnehmen müssen. Und ob dem Kläger oder seinen Eltern tatsächlich ein finanzieller Schaden entstanden sei, habe nicht nachgewiesen werden können.

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In der Urteilsbegründung lassen die Göttinger Richter keinerlei Zweifel an der Rechtmäßigkeit des Ausschlusses von der Klassenfahrt: "Der Kläger hat sich darauf beschränkt, seinen Lehrkräften in pauschaler Form pädagogisches Versagen vorzuwerfen. Dies erscheint dem Gericht als untauglicher Versuch, eine Fehlentwicklung, die innerhalb der Familie des Klägers hätte korrigiert werden müssen und der seine Eltern offenbar nicht in ausreichender Weise begegnet sind, nunmehr der Schule zur Last zun legen", heißt es in der Entscheidung.

Zudem sei das Thema Nationalsozialismus zuvor im Unterricht behandelt worden, die Schüler hätten das ehemalige Lager keineswegs unvorbereitet besucht. Den Vorfall im Ghettomuseum selbst habe der Schüler nicht bestritten. "Sofern daher seine Ehre oder sein Ansehen bei den Lehrern oder den Mitschülern Schaden genommen haben sollte, hat er diesen selbst verursacht", so das Verwaltungsgericht (Aktenzeichen 4 A 4139/01).




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