Twitter-Facebook-Schwäche Ein neues Schulfach gegen Fake News

Was tun gegen Fake News? Schon bei den Kindern in der Schule ansetzen, mahnte jetzt Apple-Boss Tim Cook. Dazu ist hierzulande ein Umdenken nötig: Computer sind kein Unterrichtsmaterial - sondern Lehrstoff.
Grundschüler am Computer

Grundschüler am Computer

Foto: Marc Tirl/ dpa

Falschmeldungen mit manipulativer Absicht sind eine gefährliche Seuche. Sie kriechen durchs Netz und infizieren die Gehirne ihrer Leser. Kinder und Jugendliche sind besonders gefährdet. Wirksame Gegenmittel? Dringend gesucht.

Deshalb ist digitale Bildung das beherrschende Thema auf der heute beginnenden Bildungsmesse didacta in Stuttgart. Bildungsministerin Johanna Wanka will fünf Milliarden Euro in die Schulen in Deutschland investieren: Neue Tablets, schnellere Verbindungen. Doch die Initiative löst das Problem nicht. Nicht die Geräte, sondern die Inhalte bereiten den Schülern Schwierigkeiten. Ihnen fehlt die Medienkompetenz.

Anzeige oder Nachricht? Egal!

Genauso wichtig wie der Zugang zu Informationen ist die Fähigkeit zur Einordnung. Apple-Chef Tim Cook hat deshalb jetzt im "Daily Telegraph" eine internationale Kampagne an Schulen gefordert. "Sie muss massiv sein und möglichst alle Altersschichten erreichen."

Wie notwendig so eine Initiative wäre, zeigen Studien wie die der kalifornischen Stanford Universität . Fast 8000 Teilnehmer, Schüler aller Schularten und Studenten, wurden befragt, wie sie Informationen im Internet bewerten und auf Richtigkeit überprüfen. Das Ergebnis fassten die Wissenschaftler in einem Wort zusammen: "trostlos".

Realschüler konnten Anzeigen nicht von Nachrichten unterscheiden. Gymnasiasten merkten nicht, dass eine Geschichte über Waffengesetze von der politischen Lobby eines Waffenbesitzers kam. Studenten, die täglich stundenlang online arbeiteten, kamen nicht mal auf die Idee, die Herkunft einer Website zu überprüfen. Vergleichbare Untersuchungen, an der auch deutsche Schüler beteiligt waren, ergaben ähnliche Ergebnisse.

Wie funktioniert ein soziales Netzwerk? Welche Informationen erreichen welche Leute? Wie entsteht ein Algorithmus? Wie recherchiere und wie überprüfe ich eine Nachricht? "Solche Fragen muss eine gezielte Medienbildung beantworten", sagt Christa Gebel, Psychologin am Münchner JFF-Institut für Medienpädagogik, das gemeinsam mit dem Medienzentrum München bayernweit und bundesweit Kurse, Seminare und Workshops innerhalb und außerhalb von Schulen anbietet.

Jugendliche beziehen ihre Informationen überwiegend aus sozialen Netzwerken, nicht aus traditionellen Medien. Im Idealfall sollte Medienbildung sie lehren, zum Beispiel wie ein Journalist zu recherchieren oder zu twittern. "Das kann mit Informationen über den Lieblingspopstar anfangen und bis in die Politik führen", sagt Gebel. Fächer wie Sozial- und Gemeinschaftskunde könnten die Brücke schlagen.

Es sei durchaus nicht so, dass Jugendliche besonders desinteressiert seien an Politik, "wenn wir sie davon überzeugen, dass Politik sie ganz persönlich angeht". Warum gibt es in meinem Dorf keinen Jugendtreff, kein Schwimmbad, keinen Club? Solche Fragen.

Apple-Chef Tim Cook ist überzeugt: "So eine Kampagne kann man sehr schnell umsetzen, wenn man das will." Es sei eigentlich so, dass man in den Schulen ein neues Curriculum brauche: "Einen neuen Lehrplan für das moderne, digitale Kind."

Ein Drittel der Lehrer ist überfordert

Davon ist bisher kaum etwas zu sehen. "Es ist nicht in Ordnung, dass es heute in Deutschland - bei einer solchen technischen Revolution, die das Lernen maßgeblich verändert - nur in der Verantwortung des einzelnen Lehrers liegt, ob er sich damit auseinandersetzt", sagt der Berliner Bildungsforscher Klaus Hurrelmann.

Beim Blick auf die Kollegien in den Schulen, so Hurrelmann, gebe es eine Spaltung. Nur etwa ein Drittel der Lehrkräfte sei den neuen digitalen Herausforderungen für Lernprozesse wirklich gewachsen: "Ein weiteres Drittel dürfte sich einigermaßen zurechtfinden. Das letzte Drittel wird abgehängt und lehnt möglicherweise das digitale Lernen sogar ab und hält es für schädlich."

Die Folge: Ob und wie qualifiziert ein Kind in Sachen Netzrecherche unterrichtet wird, ist somit vom Zufall abhängig, moniert Wassilios Fthenakis, Erziehungswissenschaftler und Hausherr der didacta. "Heute ist die digitale Kompetenz neben den anderen Kompetenzen eine absolut notwendige Ergänzung für Kinder", sagt er - und wirbt für einen frühzeitigen Start: "Das kann und sollte von Anfang an erworben werden - bereits im vorschulischen Alter."

Eine Vorstellung, die Apple-Chef Cook gefallen dürfte.

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