Arbeitsagentur-Chef Weise "Viele junge Leute sind ziemlich orientierungslos"

In manchen Branchen fehlen Azubis, doch Firmen klagen über zu schlechte Bewerber. Frank-Jürgen Weise, Chef der Bundesagentur für Arbeit, erwartet von Schulen bessere Berufsvorbereitung - aber auch Unterricht, der Menschen "weniger berechenbar, dafür glücklicher macht".


Frage: Herr Weise, wer hat Ihnen damals geholfen, den richtigen Beruf zu finden?

Frank-Jürgen Weise: Ich habe viel mit meinem Vater geredet, der in diesen Dingen ein guter Ratgeber war. Allerdings habe mich im Nachhinein für einen Beruf entschlossen, den mein Vater gar nicht empfohlen hatte.

Frage: Nämlich?

Weise: Er wollte, dass ich Betriebswirtschaftslehre studiere. Ich habe mich für ein kaufmännisches Studium bei der Bundeswehr entschieden, weil da das ganze Studium finanziert wurde.

Frage: Heute gibt es in manchen Branchen Lehrstellen, die nicht besetzt werden können. Unternehmen kämpfen um Azubis. Das klingt nach einer rosigen Zukunft für Schulabgänger.

Weise: Spätestens ab 2015 werden junge Leute, die arbeiten wollen und können, in einem Maße, in dem es noch nicht der Fall war, umworben. Und das geht die folgenden Jahre aufgrund der Demographie so weiter, selbst wenn der Arbeitsmarkt sich nicht so gut entwickeln würde.

Frage: Jetzt gibt es also freie Ausbildungsstellen, da klagen die Unternehmen, dass viele Schüler zu dumm für eine Ausbildung sind.

Weise: Es gibt viele Menschen, die nicht gut qualifiziert sind. Sehr oft haben sie einen Migrationshintergrund und bekommen in der Familie keine Unterstützung, oder es fehlen Sprachkenntnisse. Ich verstehe jeden Unternehmer sehr gut, der sagt, er kann nur jemanden einstellen, der ausreichend rechnen, schreiben und lesen kann.

Frage: Wie vielen Jugendlichen fehlen diese Qualifikationen?

Weise: Wir wissen, dass etwa sieben oder acht Prozent keinen Hauptschulabschluss haben und damit Ausbildung und Beruf ganz schwer erreichen können. Die Wirtschaftsverbände sagen, dass 20 Prozent der Schulabgänger die nötigen Grundkenntnisse für eine Ausbildung fehlen. Der Prozentsatz ist meiner Meinung nach viel zu hoch angesetzt.

Frage: Was kann ein Schüler denn tun, um die Maßstäbe der Unternehmen zu erfüllen?

Weise: Eigentlich ist das eine blöde Empfehlung - aber man sollte doch ein bisschen fleißig in der Schule sein. Denn wer den Hauptschulabschluss nicht schafft, der wird es auch bei bester Konjunktur und bei günstiger Demographie sehr schwer haben.

Frage: Wenn Sie sagen, dass sieben oder acht Prozent nicht reif für eine Berufsausbildung sind, ist das auch eine Kritik an den Schulen und Lehrern.

Weise: Es ist keine Kritik an den Schulen, weil ich weiß, dass sich viele Lehrer unendlich viel Mühe geben. Ich beschreibe nur einen Zustand.

Frage: Sich Mühe geben - auf dem Zeugnis ist das eine Vier. Klingt doch nach Kritik.

Weise: Es gibt Spitzenleistungen von hochengagierten Lehrern, die ihre Schüler bis zur Ausbildungsplatzsuche betreuen. Und es gibt leider auch welche, die an diesen Themen keine Freude und selber gar keine Erfahrung haben. Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass man Lehrer ist, ohne selber mal ein Praktikum in einer Behörde oder in einem Unternehmen gemacht zu haben - vielleicht sogar während der Ferienzeit.

Frage: Lehrer sagen oft, dass sie überlastet sind und keine Zeit haben.

Weise: Ich glaube, dass Lehrer psychisch wirklich überlastet sein können. Ich weiß, dass in Großstädten, wo an manchen Schulen 90 Prozent der Schüler Migrationshintergrund haben, die Kulturunterschiede unglaublich anspruchsvoll sind. Insgesamt betrachtet gilt das aber nicht. Wenn ein Lehrer keine Freude mehr daran hat, Erfolg zu haben, würde ich das nicht akzeptieren. Dann muss er den Beruf quittieren. Das gilt für jeden Beruf.

Frage: Wie finden Sie die Ausbildung an deutschen Schulen?

Weise: Ich persönlich würde mir in den Schulen mehr musische Themen wünschen, die Menschen weniger berechenbar, dafür aber reicher und glücklicher machen. Ich würde mir mehr Sport und Sprachen wünschen.

Frage: Von Unternehmern hört man selten den Ruf nach mehr Kunst- und Musikunterricht ...

Weise: Die Basis ist sicherlich Rechnen, Schreiben, Lesen, aber die Persönlichkeitsentwicklung wird von anderen Themen getrieben.

Frage: Herr Weise, Sie sitzen ja sozusagen an der Quelle. Verraten Sie uns doch: Was sind die Zukunftsbranchen?

Weise: Kaufmännische Berufe und Dienstleistungen, wie beispielsweise in der Gesundheitsbranche, aber auch handwerkliche Berufe haben Zukunft. Darüber sollte man sich, wenn man unschlüssig ist, zumindest informieren.

Frage: Sollen sich Jugendliche, die sich für diese Bereiche überhaupt nicht begeistern können, trotzdem bewerben?

Weise: Grundsätzlich sollte man immer versuchen zu bekommen, was man wirklich mag. Denn wer etwas gern macht, macht das auch gut. Trotzdem gibt es die zweite entscheidende Regel: Niemals bewusst arbeitslos werden, sondern lieber die zweite oder dritte Variante wählen.

Frage: Nach Besuchen im Berufsinformationszentrum (BIZ) kritisieren Schüler oft, dass sie nicht viel schlauer sind als vorher ...

Weise: Das ist ein subjektiver Eindruck. Die Informationen sind alle vorhanden, aber nicht immer im Alleingang zu finden. Daher würde ich in jedem Fall auch einen Termin mit einem der Berater empfehlen. Denn im Dialog kommt erst die Klärung. Durch Fragen und Antworten bekommt man Klarheit, was man will und was nicht. Das kann man sich am PC allein kaum erarbeiten.

Frage: Haben Sie den PC-Berufswahltest im BIZ selbst schon gemacht?

Weise: Ja, habe ich.

Frage: Wissen Sie noch Ihr Ergebnis?

Weise: Nein. Ich vermute auch, dass meine Kollegen so höflich waren, ihrem Vorstand nichts zu zeigen, das ihn enttäuschen könnte.

Frage: Kommt die Berufswahl in der Schule zu kurz, fehlt etwa das Fach "Berufsorientierung"?

Weise: Ich weiß nicht, ob das ein eigenes Fach sein sollte. Aber wir sehen, wie viele junge Leute ziemlich orientierungslos vor unseren Beratern stehen. Die Berufsorientierung an der Schule ist notwendig. Und da wird zu wenig gemacht. Schüler wissen zu wenig über Firmen, Schüler haben Vorbehalte gegen Wirtschaft, sie kennen manche Bereiche überhaupt nicht. Ich finde, Schule müsste natürlich an erster Stelle Talente entwickeln, Kreativität und Persönlichkeit bilden. Aber da wir dann doch von unserer Hände Arbeit leben, sollte sie mehr Informationen und Anleitungen zu den Berufen geben.

Frage: Was wünschen Sie sich von den Kultusministern?

Weise: Dass sie die Erkenntnisse, die sie seit 15 Jahren haben, in praktische Politik umsetzen. Denn es ist für mich unerträglich, dass ich noch so viele Menschen aus der Schule bekomme, die nicht reif für Ausbildung und Beruf sind. Und ich werfe das nicht den Lehrern und all den Menschen selbst vor. Ich werfe das einem System vor, das einen Mangel erkennt, ihn aber nicht abstellt. Die Schule muss Basics vermitteln: Rechnen, Schreiben, Lesen, so dass jemand in einem Beruf arbeiten kann. Und ich bleibe dabei - um einen Menschen reif zu machen, braucht man viel mehr musische Themen, Sport und Freude an dem Ganzen. Wieso lassen wir zu, dass so viele junge Menschen die Lust verlieren? Das ist unsere Verantwortung. Und das ist meine Erwartung an die Schule. Schule sollte den Übergang in den Beruf besser begleiten. Da gibt es praktisch alle Möglichkeiten, man muss es nur machen.

Frage: Wie engagiert sich die Bundesagentur für Arbeit konkret an Schulen?

Weise: Wir investieren viele Millionen in Schulprojekte und sorgen dafür, dass in Großstädten wie Frankfurt junge Menschen mit Migrationshintergrund schon in der Schule unterstützt werden. Wir bezahlen sogenannte Berufsbegleiter. In einem Pilotprojekt stellen wir jungen Schülern einen Paten zur Seite, der sie führt, ihnen Berufe und Unternehmen zeigt. Wir organisieren Sommercamps. Ich bin zutiefst überzeugt, dass wir Arbeitslosigkeit vermeiden, wenn wir frühzeitig helfen. All diese Projekte, die wir unter dem Stichwort Prävention machen, sind sehr erfolgreich. Da habe ich sehr viel angestoßen. Auch zum Entsetzen mancher Kultusminister.

Frage: Nehmen Sie den Bildungspolitikern jetzt die Arbeit ab?

Weise: Nein, ich möchte nur von hinten ein bisschen schieben.

Das Interview führten Jörg Flachowsky und Anastasia Bass
vom Jugendmagazin "Spiesser"



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