Arbeitsmarkt Härte und Fürsorge

Die Erfolge Dänemarks im Kampf gegen die Arbeitslosigkeit faszinieren auch deutsche Politiker. Doch ist das Modell zur Nachahmung geeignet?


Der dänische Arbeitsvermittler Poul Frank kennt die Deutschen gut - vor allem ihre Ängste. Fast täglich hat er es mit Leuten zu tun, die aus Husum, Niebüll oder Flensburg kommen und im boomenden Süden Dänemarks einen Job suchen. Sitzen sie dann in seinem Büro in Apenrade, rund 30 Kilometer nördlich der Grenze, hört er immer wieder die bange Frage nach dem Kündigungsschutz. Ob es denn wirklich wahr sei, wollen sie wissen, dass einen der Arbeitgeber praktisch von heute auf morgen feuern kann.

aus: DER SPIEGEL 46/2006
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aus: DER SPIEGEL 46/2006

Ja, das sei richtig, antwortet er darauf, "aber das ist keine Katastrophe". Und dann erklärt er ihnen das dänische System, diese eigentümliche Mischung aus Härte und Fürsorge, die so bemerkenswerte Ergebnisse hervorgebracht hat.

Seit sechs Jahren herrscht in Dänemark quasi Vollbeschäftigung, aktuell liegt die Arbeitslosenquote bei 3,5 Prozent, selbst Ältere finden leicht einen Job. Das Erstaunlichste aber: Die Dänen fürchten den Jobverlust weit weniger als die abstiegsverängstigten Deutschen - trotz des geringen Kündigungsschutzes. Dieses Phänomen findet Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) so faszinierend, dass er anregte, den Kündigungsschutz nach dänischem Vorbild zu verringern. "Das fördert die Einstellungsbereitschaft der Betriebe und auch gleichzeitig den Beschäftigungswillen", meint er. Glos ist längst nicht der erste deutsche Politiker, der von Dänen lernen will.

Schon 1998, zu Beginn der Regierung Schröder, machten sich Delegationen auf den Weg nach Norden; später folgten die Fachleute, die das Bündnis für Arbeit und die Hartz-Reformen vorbereiteten. Alle waren tief beeindruckt, doch bei genauerer Betrachtung stellten sie bald fest: Das Konzept, so überzeugend es wirkt, ist als Vorbild für Deutschland nur bedingt tauglich.

Auf den ersten Blick scheint die Strategie universell praktikabel zu sein: Dänische Mitarbeiter sind zwar leicht zu entlassen, doch dann haben sie Anspruch auf ein üppiges Arbeitslosengeld, bis zu 90 Prozent des letzten Gehalts, maximal rund 1900 Euro, die zu versteuern sind.

Dafür aber sind sie verpflichtet, jede Beschäftigung anzunehmen, die ihnen ihr Arbeitsvermittler anbietet, sonst wird ihnen die Unterstützung gestrichen. "Flexicurity" nennen dies die Arbeitsmarktforscher: die Verbindung von Flexibilität ("Flexibility") und Sicherheit ("Security").

Dieser Ansatz funktioniert jedoch nur deshalb in Dänemark so fabelhaft, weil sich die Mitarbeiter der einzelnen "Jobbutiken", der dänischen Arbeitsagenturen, ganz auf ihre Kunden konzentrieren können. Keiner muss hier Leistungsansprüche ausrechnen oder Arbeitslosengeld auszahlen, das ist seit fast hundert Jahren Sache der Arbeitslosenkassen, die oft eng verbunden sind mit den Gewerkschaften - ein Grund dafür, dass in Dänemark 82 Prozent der Beschäftigten organisiert sind.

So bleibt den Vermittlern mehr Zeit, individuelle Handlungspläne für die Arbeitssuchenden zu entwerfen oder mit den Arbeitgebern Kontakt zu halten. Jede Woche haben sich etwa die Mitarbeiter der Arbeitsvermittlung in Sønderjylland einen ganzen Tag für Betriebsbesuche reserviert. So wissen sie, welche Kräfte in den Büros und Fabriken überhaupt benötigt werden, und können Engpässen vorbeugen.

Das Ergebnis: In Dänemark findet ein Arbeitsloser im Schnitt nach etwa 17 Wochen eine neue Stelle, in Deutschland dauert es inzwischen fast 40 Wochen, 2002 waren es noch knapp 38 Wochen - obwohl gerade die schnellere Vermittlung ein Hauptziel der Hartz-Reform war.

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Den Dänen kommt zugute, dass ihr Land mit seinen gerade 5,4 Millionen Einwohnern so übersichtlich ist - im Gegensatz zum urbanen Deutschland. In der dänischen Provinz kennt jeder jeden, hier fällt keiner so schnell heraus aus dem gesellschaftlichen Verbund, die Gemeinschaft übt eine Art soziale Kontrolle aus.

Zudem besteht die Wirtschaft überwiegend aus Kleinbetrieben aus dem Servicesektor und dem Handwerk - ebenfalls anders als am Hochtechnologiestandort Deutschland. "Wegen der niedrigen Eingangsbarrieren ist es leichter, von einer Firma zur nächsten zu wechseln", erklärt der Aalborger Ökonom Per Madsen.

Wer keinen Job hat, wird in Dänemark kurzerhand umgeschult für einen Arbeitsplatz, der gerade verfügbar ist, selbst wenn die Stelle nicht dem bisherigen Status oder Einkommensniveau entspricht: Aus dem Maurer wird ein Kellner, aus dem Kellner ein Maurer. "Wir schaffen keine Arbeitsplätze", sagt Jobvermittler Frank, "wir schaffen nur Arbeitskräfte, die auf Jobbeschreibungen passen."

Zur besseren Abstimmung des regionalen Bedarfs treffen sich einmal im Monat Arbeitgeber, Gewerkschafter und Kommunenvertreter im sogenannten Arbeitsmarktrat, 14 dieser Räte gibt es im Land. Es sind gleichsam kleine Bündnisse für Arbeit, in denen die Teilnehmer entscheiden, für welche Schulungen oder Trainingsmaßnahmen sie Geld ausgeben wollen.

Dieser Korporatismus ist charakteristisch für das dänische Gemeinwesen - und tief verwurzelt. Im "September-Kompromiss" von 1899 verständigten sich Gewerkschaften und Arbeitgeber darauf, alle Fragen des Arbeitsmarkts unter sich zu regeln. Schon damals bekamen die Unternehmen das Recht, Mitarbeiter heuern wie feuern zu dürfen. Seitdem bestimmen die Sozialpartner die Arbeitsmarktpolitik.

Das geschieht selten mit großer Geste und nie im offenen Kampf. Gewerkschafter und Arbeitgeber in Dänemark sind dem Konsens verpflichtet, so ist es Tradition. "Man ist nicht so verbiestert hier", sagt Birgit Gärtner, 39. Die Husumerin fährt täglich gut eine Stunde nach Padborg, dort arbeitet sie in einem Call-Center. "Die Dänen sind mehr auf Ausgleich bedacht." In Deutschland hingegen scheiterte das Bündnis für Arbeit vor vier Jahren am Egoismus seiner Teilnehmer.

Auch zum Staat pflegen die Dänen ein besonderes Verhältnis, das vielen Deutschen befremdlich erscheinen mag. Sie sind es gewohnt, dass der Staat sich um einen kümmert, und vertrauen ihm beinahe bedingungslos. Sie sind bereit, mal weniger zu verdienen, für einen Job umzuziehen, sich flexibel anzupassen: Ein Viertel aller Dänen verliert einmal im Jahr seinen Arbeitsplatz - zumindest für wenige Tage. "Die Deutschen stellen Ansprüche an den Staat", hat der Arbeitsvermittler Frank beobachtet, "wir sehen auch die Pflichten."

Und die Dänen sind offenbar auch ehrlicher, wie eine Studie zweier französischer Ökonomen nahelegt: Demnach erliegen sie seltener als andere Nationen der Versuchung, die Arbeitslosenunterstützung zu missbrauchen und sich auf Kosten des Staats zu bereichern.

Vieles also ist anders im Staate Dänemark - die Tradition, die Unternehmenslandschaft, die Mentalität. Zwar ist der urdänische Gedanke des Förderns und Forderns Allgemeingut auch der deutschen Arbeitsmarktpolitik, aber als Ganzes ist das Modell nicht zu übertragen. Ein solches Vorhaben würde schon an der Finanzierung scheitern. In Dänemark wird der Sozialstaat seit 1891 überwiegend aus Steuern bezahlt. Damals wollten sich die Dänen ganz bewusst abgrenzen von dem Beitragssystem, das in Deutschland Reichskanzler Otto von Bismarck eingeführt hatte. Schließlich war der Preuße 1864 noch gegen sie in den Krieg gezogen.

Alexander Jung



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