Arm und reich Mit Rap und Tanz Barrieren brechen

Der Geldbeutel der Eltern entscheidet oft mehr über Erfolg als Talent und Fleiß. Die Hamburger AJ, 19, und Can, 20, haben einen Ort gefunden, wo niemand danach fragt, woher sie kommen. Dort träumen sie von Rap-Karrieren und einem Tanz mit Justin Timberlake.

Simone Viere

Respekt - darum geht es im HipHop. Um Anerkennung. Für das was einer drauf hat, egal woher einer kommt. Darum geht es auch in AJs, 19, und Cans, 20, Freundschaft. Wenn die beiden zusammen sind, reden sie über ihre Idole, über den Wu-Tang-Clan und Michael Jackson, über fette Rhymes und coole Moves.

Sie reden nicht darüber, dass AJs Mutter als PR-Agentin Geld verdient oder Cans Mutter Hausfrau ist und Hartz IV bezieht, dass der eine zwei Zimmer plus Balkon für sich allein hat und der andere nur einen kleinen Raum, weil er sich eine 4-Zimmer-Mietswohnung mit seinen drei Geschwistern teilt.

Vielleicht hätten sich die beiden unter anderen Umständen nie kennen gelernt. Doch vor knapp zwei Jahren begegneten sie sich an der Hamburger HipHop Academy, einem Projekt, das junge Musik- und Tanztalente aus ganz Hamburg und Umgebung fördert.

AJ aus Rissen, einem beschaulichen Elbvorort im Westen der Stadt, der mit seiner Rapmusik die Bühnen erobern will, traf Can aus Billstedt: Ein Stadtteil in Hamburgs Osten, geprägt von mehrstöckigen Sozialbauten. Die beiden leben nur 20 Minuten mit der Bahn voneinander entfernt. In einer Stadt. Und doch stammen sie aus zwei Welten.

Manche verheimlichen ihren Wohnort

"Den meisten ist es ist nicht egal, woher einer kommt", sagt Can. "Wenn ich sage, ich komme aus Billstedt, ernte ich schiefe Blicke." Denn wer an Billstedt denkt, denkt an Hochhausburgen und Hartz IV. Der Stadtteil gilt als eines der Problemviertel Hamburgs. Viele der Bewohner sind hier ohne Job, schlimmer ist die Situation nur noch im angrenzenden Billbrook.

An wem das Image des Armenghettos klebt, der hat es schwer, einen Job zu finden - und sei es nur einen Nebenjob. Das musste auch Can feststellen. Als er sich als Tanztrainer in einem Fitness-Center bewarb, lächelten seine Mitbewerber schon siegesgewiss, als sie hörten, wo er wohnt. "Ich muss mich immer ein bisschen mehr als andere beweisen", sagt er. Manche verheimlichen daher bei einer Bewerbung lieber ihren Wohnort.

Verheimlichen muss AJ nichts. Er lebt in Rissen. "Die Grüne Oase Hamburgs" nennt man den Elbvorort direkt neben dem Villenviertel von Blankenese wegen seiner Naturschutzgebiete. In ein paar Minuten ist AJ am Elbufer oder im Wald. Zusammen mit seiner Schwester und seiner Mutter wohnt er auf rund 100 Quadratmetern im beinahe einzigen mehrstöckigen Haus inmitten des kleinen Ortes, rundherum reiht sich ein Einfamilienhaus ans nächste.

Idylle, das fällt den meisten ein, wenn sie an Rissen denken. Eigentlich nicht etwas, das zu einem Rapper-Image passt. Doch auch AJ erntet schiefe Blicke, wenn er erzählt, woher er kommt: "Die meisten schauen überrascht", sagt er. "Sie haben ihre Klischees im Kopf und einen Farbigen, den vermuten sie doch eher woanders."

Ohne Geld keine Bildung

"Es ist nicht egal, woher man kommt", sagt Michael Hartmann. Der Soziologe von der TU Darmstadt hat sich in seinen Büchern mit den deutschen Chefetagen von Wirtschaft und Politik beschäftigt und ist zu dem Schluss gekommen: Die soziale Herkunft entscheidet über die Zukunft. Denn dort dominieren Sprösslinge der oberen Schichten. "Wer in Armut aufwächst, hat sehr viel geringere Chancen auf einen guten Bildungsabschluss als Kinder aus den Mittelschichten oder gar den wohlhabenden Kreisen der Bevölkerung", sagt Hartmann.

Can hat es dennoch geschafft. Als Einziger von seinen Freunden hat er das Gymnasium besucht. Als Einziger in seiner Familie schaffte er das Abitur. Ganz ohne Nachhilfelehrer - für den war sowieso kein Geld da. Viele Nachmittage verbrachte er mit den Hausaufgaben, während sich seine Freunde schon draußen im Viertel die Zeit vertrieben. "Aber die Schule hat mich festgehalten, sonst wäre ich raus gegangen und vielleicht auf blöde Gedanken gekommen", sagt er.

So wie einige seiner Freunde, die mit 14 Jahren anfingen zu kiffen. Es gab ja sonst nichts zu tun. Hobbys? Viel zu teuer! Nur durch Zufall kam Can zum Tanzen. Ein Freund nahm ihn mit zu Kinderpartys ins Kulturzentrum Schilleroper nach St. Pauli. Dort lernte er die ersten Tanzschritte. "Es war ein tolles Gefühl, wenn die Blicke auf mich gerichtet waren, weil ich einen coolen Step gemacht habe", sagt er. Und es kostete nichts. "Das hätte meine Mutter sich nie leisten können! Sie musste sehen, dass der Kühlschrank voll ist".

Einmal mit Justin Timberlake tanzen

AJ dagegen konnten weder Schule noch seine Hobbys davon abhalten, auf dumme Gedanken zu kommen. Zuerst versuchte er es mit Judo, dann bekam er zu Weihnachten ein Keyboard, später einen Plattenspieler. Weil er sich schon damals für Musik interessierte. Er kannte jedes Lied, das bei MTV gespielt wurde, konnte jeden Text mitsingen.

Doch mit 15 Jahren hing er lieber mit Freunden herum, probierte zum ersten Mal Alkohol, skatete statt Schulaufgaben zu machen. Und blieb sitzen. Erst als er für ein Schuljahr in die USA ging, beschäftigte er sich wieder mehr mit Schule und Rapmusik. Sein Englisch war inzwischen so gut geworden, dass er eigene Raptexte schrieb. Zurück in Deutschland fing er sogar an, sich mit anderen Rappern in so genannten Battles zu messen - mit Erfolg. Durch einen dieser Wettstreite qualifizierte AJ sich für das Sommercamp der HipHop Academy. Und erhielt Unterricht von bekannten HipHop-Größen wie dem deutschen Rapper Spax.

Inzwischen nimmt AJ im Studio der HipHop Academy sogar seine eigenen Stücke auf. Eines davon durfte er vor ein paar Wochen Smudo von den Fanta Vier vorspielen. Jetzt hat er einen Fan mehr. Nach dem Abi will er als Rapper durchstarten. Daran arbeitet er. Jeden Tag, viele Stunden. Mehr als jemals für die Schule. "Eigentlich mache ich mein Abitur ja nur, weil ich es meiner Mutter versprochen habe", sagt er. Und Studieren? Sei der Plan B, falls es mit der Karriere nicht klappt.

Auch Can träumt vom großen Erfolg. Einmal mit Justin Timberlake oder Janet Jackson auf Tour gehen, das ist sein Ziel. Vielleicht klappt es, vielleicht wird er entdeckt, wenn er im nächsten Monat in Los Angeles in einem der bekanntesten Tanzstudios der Welt trainieren darf. Wenn nicht, will er Event-Management studieren. Doch die Chance ist da, davon ist er überzeugt. "Was zählt, ist was du drauf hast, nicht woher du kommst."

Von Katrin Brinkmann für die Jugendzeitschrift YAEZ



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