Film über US-Jugendproteste "Mein ganzes Leben besteht aus Waffengewalt"

Es ist still geworden um die jungen US-amerikanischen Aktivisten, die sich gegen Waffengewalt einsetzen. Eine Dokumentation zeigt: Erreicht haben sie viel - doch der Kampf ist noch lange nicht vorbei.

Sebastian Bellwinkel

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Emma Gonzalez wirkt klein auf dieser großen Bühne, Hunderttausende jubeln ihr zu. Doch die junge Frau mit den kurzgeschorenen Haaren senkt ihren Blick nicht, sie spricht mit klarer Stimme. Sie nennt die Namen der Opfer des Massakers an der Marjory Stoneman Douglas High School in Florida, dann schweigt sie genau 6 Minuten und 20 Sekunden, so lange, wie der Attentäter um sich schoss. Gonzalez laufen Tränen über das Gesicht.

Etwas über ein Jahr ist es her, dass die heute 19-Jährige in der US-amerikanischen Hauptstadt Washington sprach, 800.000 Menschen demonstrierten beim "March for Our Lives" mit ihr. Wer heute das Video von ihrem Auftritt anschaut, kann nicht umhin, an eine andere Aktivistin zu denken, die - ganz klein - ganz große Proteste auf der anderen Seite des Ozeans anführt. Die Parallelen zur Klimakämpferin Greta Thunberg sind nicht zu übersehen.

Damals herrschte die gleiche Aufbruchstimmung, die Hoffnung, nun tatsächlich etwas verändern zu können. Auch damals waren es Jugendliche, die zu Aktivisten wurden. Der Film "Never Again - Amerikas Jugend gegen den Waffenwahn", der am 11. Juni bei dem Sender Arte ausgestrahlt wird, lässt diese Stimmung wieder aufleben. Doch er stellt auch die kritische Frage: Was hat sich seitdem tatsächlich verändert?

20 Bundesstaaten verschärfen Gesetze

Sicher, es gibt da diesen Erfolg: 20 US-Staaten haben ihre Waffengesetze seit den Protesten verschärft - und das unter einem Präsidenten, der von der Waffenlobby NRA gern Wahlkampfunterstützung in Höhe von mehreren Millionen Dollar annahm.

Doch da ist auch die andere Wahrheit: Noch immer sind in den USA 265 Millionen Waffen im Umlauf, im vergangenen Jahr starben durch ihren Missbrauch knapp 40.000 Menschen - der höchste Stand seit 50 Jahren. In Florida dürfen Lehrer inzwischen bewaffnet zum Unterricht erscheinen, eine Regelung, gegen die sich die Aktivisten um Gonzalez vehement ausgesprochen hatten.

"Nichts ändert sich"

"Immer nur heißt es: Wir beten für euch. Aber nichts ändert sich", sagt Jammal Lemy im Film. Er ist einer der Organisatoren des "March for Our Lives" - und er ist wütend. Denn er weiß: Durch seine Hautfarbe ist er einem noch größeren Risiko ausgesetzt, durch einen Schuss zu sterben. Etwa 15 Mal wahrscheinlicher ist es, dass ein schwarzer Jugendlicher durch Waffengewalt umkommt als ein weißer.

Auch Audrey Wright kämpft gegen die Gewalt, die sie und ihre Mitschüler jeden Tag erleben, auch sie kommt in der Dokumentation zu Wort. Wright lebt im Westen Chicagos, einer der gefährlichsten Gegenden der USA. Jeden Tag werden hier Menschen auf offener Straße erschossen. Die Schülerin hat sich deshalb der Gruppe "Peace Warriors" angeschlossen - tödliche Schüsse auf ihre Mutter, ihren Vater und ihren Bruder haben sie zur Waise gemacht. "Mein ganzes Leben besteht aus Waffengewalt," sagt Wright.

Es ist ein Kampf im Kleinen, den Wright und Lemy führen - ein Kampf dafür, ihr direktes Umfeld zu verändern und es ein bisschen sicherer zu machen.

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Arte-Doku: US-Jugend gegen Waffengewalt

Zu Besuch im Waffenladen

Skurril sind die Szenen, in denen der Macher des Films, Sebastian Bellwinkel, Waffenläden besucht - und ihm dort ein stolzer Verkäufer eine neue Waffe mit Schalldämpfer präsentiert. Wozu aber braucht man so eine Waffe? Ein Kunde erklärt es so: "Wenn ich mich mal nachts verteidigen muss, würde ich wenigstens niemanden aufwecken."

In einem anderen Geschäft ist der kugelsichere Schulranzen ein echter Verkaufshit. "Man muss ihn wie ein Schutzschild einsetzen", erklärt der Ladenbesitzer. Das zeige er auch seinen jungen Kunden. Als nächstes sei ein kugelsicheres Hochzeitskleid in Planung.

Ein Fazit erwartet man vergebens in der Dokumentation "Never Again". Doch sie zeigt eindrucksvoll, wie vielschichtig das Problem der Waffengewalt ist - und wie tief es in der amerikanischen Gesellschaft verankert ist.

Sendetermin: 11. Juni 2019, 20.15 Uhr - "Never Again - Amerikas Jugend gegen den Waffenwahn"

insgesamt 34 Beiträge
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Trittschall 10.06.2019
1. Hautfarbe
Was genau hat seine Hautfarbe damit zu tun, dass der genannte Jammal Lemy ein höheres Risiko hat, durch Waffengewalt zu sterben? Die Hautfarbe ist der Grund? Da macht ihr es euch aber leicht , lieber SPIEGEL. Ist das nicht genau die Art von Simplifizierung die wir (ihr) nicht mehr machen wollen?
textwerker 10.06.2019
2. Über den Tellerrand...
Um es gleich zu sagen: Je weniger Waffen, desto besser! Trotzdem finde ich einen Blick in die ebenso übermäßig mit privaten Waffen ausgestattete Schweiz interessant: Von einem schweizerischen Massaker habe ich noch nie gehört. Vielleicht geht es um Kern doch eher um die krassen Unterschiede in der Lebenswirklichkeit. Will sagen: Je höher der Lebensstandard, desto geringer ist das Risiko von Gewalt. Oder: Weniger Waffen und mehr Einkommen könnte helfen.
gt1961 10.06.2019
3. so ist das
....wenn der Profit weniger über die Interessen vieler steht. Etwas mehr Bildung in der Breite, würde vielleicht auch dazu beitragen das perfide System der NRA zu durchschauen. Waffen sind halt kein Ausdruck von Freiheit.
sirraucheinviel 10.06.2019
4. @1
Ja, es ist so einfach. Die Statistik lügt nicht und bewertet nicht. Ein sie lieber hören, dass die schwarzen Amerikaner eher straffällig werden und die soziale Benachteiligung, vielleicht ja sogar selbst verschuldet, der Grund ist, und damit ja die Gefahr erschossen zu werden ja auch dann wohl gerecht ist, ist das ihre Sache. Ändert nichts an der von ihnen als "simplifiziert" geschmähten Wahrheit. Ich persönlich empfinde den Versuch das zu relativieren eher misanthropisch und irgendwie schräg ...
manicmecanic 10.06.2019
5. Zahlen
Es ist reißerisch wie SPON hier alle Toten durch Schußwaffen auf eine Stufe stellt.Schaut man in offizielle Statistiken kann man erfahren daß ein großer Teil der Toten,je nach Quelle um die 60-70% Selbstmorde sind!Wenn man dann noch den Fakt dazu nimmt daß viele der restlichen Opfer mit illegalen Waffen erschossen wurden bleibt nicht mehr viel Substanz in Sachen antiUS Waffenrecht.
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