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29. Juni 2011, 09:10 Uhr

Atomunfall von Fukushima

Schüler erforschen ihre verstrahlte Schule

Wissenschaftsunterricht hautnah: In Fukushima ziehen Jugendliche als Strahlenmesser los - im Auftrag ihres Lehrers. Auf ihrem Schulgelände wiesen sie teils hohe Strahlungswerte nach und widerlegten damit offizielle Werte. Bis September soll jedes Kind sein eigenes Strahlen-Messgerät bekommen.

Japanische Schüler in Fukushima verlassen sich lieber auf sich selbst als auf ihre Regierung: Neun Schüler einer örtlichen High School haben als Schulprojekt die Strahlung in ihrer Umgebung gemessen, um ihre Mitschüler und die Einwohner vor radioaktiven Strahlen zu schützen.

Mitte April, nur einen Monat nach dem schweren Erdbeben, dem darauf folgenden Tsunami und der Nuklearkatastrophe in Fukushima, hatte die Bezirksregierung eigene Messungen durchgeführt und auch in Teilen des Schulgeländes erhöhte Strahlenwerte festgestellt. Allerdings blieb unklar, wer kontrolliert hat und wann kontrolliert wurde.

Den Schülern waren die Angaben zu ungenau, berichtet die japanische Zeitung "The Mainichi Daily News". Sie begannen zunächst im Mai damit über 700 Orte in ihrer Schule zu untersuchen und erstellten danach ihre eigene Strahlungskarte. So entdeckten sie beispielsweise in Senken auf dem Gelände erhöhte Strahlungswerte. Die Schule reagierte schnell und begann, die betroffenen Stellen zu dekontaminieren.

Anfang Juni weiteten die Schüler ihre Messungen aus und untersuchten gemeinsam mit ihrem Lehrer auch eine Wohnanlage in der Stadt. Sie verwendeten dafür einen Strahlenzähler und eine Webcam, die sie an einem vier Meter langen Stab befestigten. Mit selbst gesammelten Bodenproben prüften die Schüler, ob sich die Strahlungsintensität veränderte, wenn die Erde mit frischen oder salzigem Wasser gemischt, gefiltert und und getrocknet wurde.

Messgerät für alle Kinder zwischen vier und 15 Jahren

Einige Japaner kritisierten, dass die Schule in einer Art wissenschaftlichen Versuch ihre Schüler als Strahlenexperten losziehen ließ. Der verantwortliche Lehrer allerdings verteidigt die Idee: "Sie können so angemessen reagieren und Orte meiden, an denen die Strahlenbelastungen sehr hoch ist."

Zudem gehört das Engagement zum Konzept der Lehranstalt: Das japanische Bildungsministerium hat die Schule als eine sogenannten "Super Science High School" ausgewählt, die einen Schwerpunkt auf Wissenschaft legen soll. Ein Schüler sagte der japanischen Zeitung: "Wir wollen unser Wissen mit den Bewohnern teilen, indem wir eigene Studien durchführen." Zudem werden sie ihre Ergebnisse im August bei einer Konferenz der "Super Science High Schools" präsentieren.

Weil sich auch die Behörden zunehmend um ihre Schüler sorgen, sollen im September alle 4- bis 15-jährigen Einwohner Fukushimas mit Strahlenzähler, sogenannten Dosimetern, ausgestattet werden. Die Geräte waren schon zuvor an Schulen verteilt worden, allerdings nicht für jeden Schüler.

Eltern drängen unterdessen darauf, die Kinder besser zu schützen. In einer Petition forderten Eltern unlängst, den Strahlengrenzwert für Schüler deutlich zu senken. Die maximale Strahlendosis, denen Kinder in japanischen Schulen und Kindergärten ausgesetzt sein dürfen, liegt momentan bei 20 Millisievert im Jahr - in Deutschland ist das die jährliche Höchstdosis für einen Atomkraftwerksmitarbeiter. Als das Erziehungsministerium den Wert im April festgesetzt hatte, waren Experten bestürzt. In der aktuellen Petition fordern die Eltern, den Grenzwert auf einen Millisievert zu senken.

Vorerst dürfen die Schüler nicht mehr so viel draußen spielen, Schulsport findet nur noch in überdachten Hallen statt. Die Maßnahmen reichen vielen Eltern nicht und auch die versprochenen Strahlenmesser tragen wenig zur Beruhigung bei. "Die Geräte schützen die Schüler nicht vor Strahlung", sagt ein Unterstützer der Petition. "Sie messen sie nur."

fln/AP/dapd

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