Auf Tour mit Schülerband Artig Die 48-Stunden-Popstars

Eine Schülerband auf dem Weg zu 55 Minuten Ruhm: Die Nachwuchsmusiker von Artig eröffneten das Southside-Festival, sie verloren ihre Garderobe an die Arctic Monkeys - und bekämpften auf 1606 Kilometern Autobahn den Sekundenschlaf. Jonas Leppin ging mit auf eine bemerkenswerte Tour.

SPIEGEL ONLINE

Es ist Samstag, 2.13 Uhr nachts, als Dave bei Tempo 130 auf der Autobahn seinen Kopf aus dem Fahrerfenster hält. "Ich kann noch 15 Minuten", sagt er. Eben, als ihm die Augen zufielen, hat er versucht, sich mit Schlägen ins Gesicht wach zu halten.

Seine Bandkollegen Chris, Marten und Max schlafen, seit ihr Kleinbus das Southside-Festival in Neuhausen ob Eck verlassen hat. Sie haben gelost. Dave schaut auf das Navi. Bis zur Ankunft auf dem Hurricane-Gelände sind es noch sechs Stunden.

Dave ist Gitarrist bei Artig, der "besten Schülerband Deutschlands", den Gewinnern des SchoolJam-Musikturniers 2011. Als Sieger dürfen sie nun in diesem Sommer beim zweitgrößten Doppel-Festival Deutschlands spielen: am Freitag auf dem Southside, am Samstag auf dem Hurricane. Ein Mini-Tour für die Newcomer, 1606 Kilometer Fahrt, 48-Stunden Popstar.

Fotostrecke

17  Bilder
48 Stunden Popstar: Let There Be Rock
"Alter, wenn du nicht mehr fahren kannst, dann wechseln wir", sagt Schlagzeuger Chris von der Rückbank. Dave hat bei einer Umleitung die Orientierung verloren und fährt Landstraße, während das Navi Warnungen spricht. Als Chris das Steuer übernimmt, beschleunigt er auf 170 Stundenkilometer und trommelt auf das Lenkrad. Es sind noch fünf Stunden bis zum Hurricane.

"Mit Artig fängt die Party an"

Schon am Vortag sind Artig viel gefahren, auf dem Hinweg zum Southside auf einem ausgedienten Flugfeld, 90 Kilometer hinter Stuttgart. Eine Lokalzeitung titelte über einem Festival-Bericht: "Mit Artig fängt die Party an". Artig sind drei Berufsschüler und ein BWL-Student, alle Anfang 20, in Bochum bekannt, hier kennt sie niemand - aber sie stehen in einem Line-up mit etablierten Popstars und sollen am Nachmittag das Festival eröffnen.

Sie parken im abgezäunten Backstagebereich zwischen Zeltplatz und Konzertbühne, gegenüber einer Wand aus Nightlinern. Es sind die Luxusbusse von Clueso, den Arctic Monkeys, den Wombats und den Subways. Dave, 22, Chris, 21, Marten, 20, und Max, 21, betreten mit bunten Artist-Pässen nun eine überdimensionale VIP-Wohngemeinschaft - vollgestellt mit Waschmaschinen, Duschen und einem Tischkicker. Jeder Künstler hat einen Raum aus weißen Trennwänden. Dazu einen Obstkorb, Schokolade und eine Kiste Bier.

"Wir müssen dringend eine Videonachricht machen", sagt Dave. Auf der Facebook-Seite der Band hat er schon unterwegs Handy-Filme gepostet. In einem Alukoffer trägt Max ihre ersten 500 CDs. Sechs Tracks, unaufgeregter deutschsprachiger Gitarrenpop über Liebe, Leben, Alltag. Sie haben auf der Fahrt eine Stunde über den Preis diskutiert und beschlossen, die CD erstmal ins Publikum werfen. "Unser Auftritt ist in einem Zelt, also wünschen wir uns Regen", sagt Schlagzeuger Chris. Am Himmel ziehen dunkle Wolken auf - es wird, es wird.



insgesamt 2 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
trafozsatsfm 26.06.2011
1. Irgendwie süß
Ich hab keine Ahnung, wie die Band klingt (das Video gibt dazu ja leider nichts her), finde den Artikel aber irgendwie "süß". ;-) Wer mal in den Zeltbühnen vom Southside und Hurricane war, weiß, dass das nicht gerade das Forum ist, das zwangsläufig zum Weltruhm führt, gerade *wenn* man das Festival eröffnet (also dann spielt, wenn die meisten Festivalbesucher noch gar nicht da sind). Aber ein netter Artikel - "backstage aus der Froschperspektive", sozusagen. Ich wünsch euch jedenfalls alles Gute, Jungs! Vielleicht klappt's ja.
behemoth_the_cat 26.06.2011
2. Nichts für ungut...
Der Artikel mit den dazugehörigen Musiksamples erlaubt ja einen ganz guten Einblick in die "Rockmusik"mancherorts. Man fragt sich allerdings, zumindest als musikinteressierter Mensch, ob es TATSÄCHLICH die gefühlt 8.000ste Band a la "Hauptsache deutschsprachig, pathetisch und angepasst" braucht, wo schon die 7.000ste (z.B. die ebenfalls zitierte "Punkband" Jupiter Jones) arg an der Schmerzgrenze war. Nein, zwischen Juli und Revolverheld ist musikalisch wie konzeptionell kein Platz mehr. Macht lieber mal was neues, Jungs!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.