Prügelattacke in Euskirchen Was müssen Lehrer tun, wenn sie Aufsicht haben?

Ein Zwölfjähriger liegt nach einem Angriff in der Schule im Koma. Jetzt wird gestritten, ob die Lehrer versagt haben. Wie weit geht die Aufsichtspflicht in der Pause? Die wichtigsten Antworten.

Schulhof in NRW (Symbolbild)
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Schulhof in NRW (Symbolbild)

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Die Attacke war so heftig, dass der Junge im Koma liegt. Es waren mutmaßlich zwei Zwölfjährige, die den gleichaltrigen Mitschüler lebensgefährlich verletzt haben. Im Schulgebäude.

Nach dem brutalen Angriff in der Gesamtschule in Euskirchen, Nordrhein-Westfalen, meldete sich jetzt die Vorsitzende des Elternvereins Nordrhein-Westfalen, Regine Schwarzhoff, zu Wort: "Es muss eine gründliche Untersuchung geben, ob hier nicht in erheblicher Weise die Aufsichtspflicht verletzt worden ist."

Laut Bezirksregierung Köln gibt es zurzeit keine Erkenntnisse, dass die Schulleitung am vergangenen Donnerstag gegen ihre Aufsichtspflicht verstoßen habe. "Wir haben keine Hinweise darauf, dass das Geschehen von einem Lehrer beobachtet wurde", sagte der Sprecher der Bonner Staatsanwaltschaft, Robin Faßbender.

Am Montag wurde bekannt, dass wenige Tage später an derselben Schule ein Schüler mit einem Messer bedroht worden sei - und die Kritik an Schulleitung und Lehrern wird lauter.

Doch was verlangt das Gesetz? Was können Lehrer leisten? Und was dürfen sie gar nicht? Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Was bedeutet es konkret, wenn Lehrer in Pausen die Aufsichtspflicht haben?

"Die Aufsichtspflicht ist juristisch betrachtet ein schwieriges Thema, denn das Schulgesetz ist sehr vage formuliert", sagt Mario Sandfort, Justiziar bei der Lehrergewerkschaft GEW in Nordrhein-Westfalen. In den Verwaltungsvorschriften des Landes NRW heißt es: "Die Art der Aufsicht hängt von der jeweiligen konkreten Situation ab; ständige Anwesenheit der Lehrkraft ist nicht in jedem Fall zwingend geboten." Die Lehrer müssen also selbst entscheiden, wo sie sich aufhalten und wen sie im Blick haben - je nach Alter, Entwicklungsstand und Verantwortungsbewusstsein der Schüler.

Gibt es Regelungen, wie viele Schüler, Gänge oder Schulhofbereiche ein Lehrer beaufsichtigen muss?

Nein. "Die Realität ist: Lehrer können ihre Augen nicht überall haben", sagt Sandfort. Auch die Kölner Bezirksregierung teilt mit: "Die Aufsicht geht nicht weiter als die der Eltern, das heißt: Es muss nicht ständig jedes einzelne Kind beobachtet werden." In der Pause müsse zwar eine Aufsicht gewährleistet sein, jedoch sei es je nach örtlicher Gegebenheit nicht möglich und auch nicht erforderlich, dass diese jederzeit jeden Winkel des Schulhofs im Blickfeld haben kann.

Wann können Lehrer haftbar gemacht werden?

Vernachlässigt oder schwänzt ein Lehrer seine Aufsichtspflicht, drohen dienstrechtliche disziplinarische Konsequenzen. In Einzelfällen kann es laut Sandfort auch zu Regressforderungen gegen Lehrer kommen, wenn nachgewiesen werden kann, dass aufgrund einer groben Vernachlässigung der Aufsichtspflicht Dritte zu Schaden gekommen sind.

Was müssen Lehrer tun, wenn sich Schüler prügeln?

Grundsätzlich müssen Lehrer Fehlverhalten unterbinden. "Werden sie Zeuge einer brutalen Attacke, müssen sie versuchen, Schlimmeres zu verhindern, ansonsten ist es unterlassene Hilfeleistung", sagt GEW-Justiziar Sandfort. Dabei sollen sich Lehrer aber nicht selbst in Gefahr bringen, es gilt also abzuwägen: Bei kleinen Schülern kann man zum Beispiel erwarten, dass eine Lehrkraft dazwischen geht, bei größeren, kräftigeren Schülern sollte der Lehrer im Zweifel die Polizei oder eine andere Art von schneller Hilfe rufen. Abgesehen von solchen Ausnahmesituationen ist es Lehrern jedoch strengstens untersagt, Gewalt anzuwenden oder Schüler festzuhalten.

Lehrer vermuten, dass Schüler Messer oder andere Waffen bei sich tragen - was tun?

Lehrer dürfen Schüler nicht filzen. "Lehrer dürfen nur fragen, ob sie die Taschen auf freiwilliger Basis durchsuchen dürfen oder die Schüler sie freiwillig ausleeren", teilt die Kölner Bezirksregierung mit. Wenn nicht, müsse die Polizei hinzugezogen werden. Grundsätzlich gilt laut Sandfort: "Wenn ich als Lehrer das Gefühl habe, ein Schüler steht kurz davor, eine Straftat zu begehen, muss ich etwas tun - je nach Gefahrensituation 110 wählen oder der Schulleitung Bescheid geben."

Schulleitungen in NRW sollten die Strafverfolgungsbehörden benachrichtigen bei gefährlichen Körperverletzungen, Einbruchsdiebstählen, Verstößen gegen das Waffengesetz, Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz, gefährlichen Eingriffen in den Straßenverkehr, erheblichen Fällen von Bedrohung, Sachbeschädigung, Nötigung oder politisch motivierten Straftaten.

Verändern sich die Prügeleien auf dem Schulhof?

"Ich habe den Eindruck, Schulhofprügeleien sind brutaler geworden", sagt Sandfort. "Früher wurde nicht nachgetreten, wenn jemand am Boden lag."

Mit Material von dpa



insgesamt 82 Beiträge
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moritz27 27.09.2016
1. Ein Lehrer darf einen Schüler,
der gewalttätig ist, nicht mal festhalten? Und dann wundern sich diese ganzen Theoretiker, wenn Schüler im Pausenhof und in der Klasse machen, was sie wollen? Herr, lass Hirn regnen.
bandelier 27.09.2016
2. Offen gestanden wäre es mir völlig egal,
was ich per restriktiver Gesetzgebung tun darf oder nicht. In dem Moment, wo ich wahrnehme, dass hier etwas Schlimmes passiert, greife ich ein ohne wenn und aber, wie übrigens auch im Privatleben. Als Oma habe ich nur noch wenig Kontakt zu Lehrern und lebe von Berichten Betroffener. Diese Berichte lassen den Schluss zu, dass eine Empathie nur noch ansatzweise vorhanden ist, andererseits aber auch, dass Lehrer mit nicht oder schlecht vorbereiteten Kindern überfordert sind, auch deshalb überfordert sind, weil sie für sich den falschen Beruf auswählten. Ensetzt war ich, als ich vom Angriff auf einen Nachbarjungen hörte. Einer seiner Mitschüler schlug ihm einen Stuhl ins Gesicht - Folge: Hämatome im ganzen Gesicht und Nasenbeinbruch. Die Lehrerin sah diesen Angriff nicht, weil sie mit dem Rücken zur Klasse stand. Dennoch, sie bat den Jungen nach dem Angriff, er möge nicht berichten, was wirklich passiert war, sondern dass es während des Sportunterrichtes bei einer Übung passierte. Das macht mehr als nachdenklich, denn Schulen wollen offenbar nicht, dass Übergriffe publik werden. So können offensichtliche Probleme nicht gelöst, sondern nur unter den Teppich gekehrt werden. In diesem Fall war jegliche Pädagogik zu vermissen.
BellUomo 27.09.2016
3. Lehrer sein dagegen sehr....
Was sagte man den jungen Lehrerinnen und Lehrern beim Dienstantritt: Ein Lehrer steht immer mit einem Bein im Gefängnis. Wie wahr! Greift er ein, ist er u.U. der Dumme. Greift er nicht ein, ist er erst recht der Dumme. Beispiel: Ein Lehrer (Pausenaufsicht)hört aus der Mädchentoilette laute Geräusche. Er öffnet die Tür und sieht, wie drei 14-Jährige gerade ein Mädchen ausziehen. Untenrum ist sie schon ziemlich ohne. Einer der drei hält der Schülerin den Mund zu, einer hält sie von hnten fest, einer hat sich schon die Hose nach unten geschoben. Der Lehrer schlägt auf die drei Typen ein, die durch die Tür verschwinden. Wer wird angeklagt, wegen Misshandlung Schutzbefohlener(= verhinderter Vergewaltiger)? Der Lehrer.
oldtimer62 27.09.2016
4.
Hoffentlich ist bald Bundestagswahl.
ede-wolff 27.09.2016
5. Zu #1: Herr, lass Hirn regnen!
oder wenigstens die Fähigkeit zu lesen und das Gelesene zu verstehen!!! Wenn Sie den Artikel nämlich verstanden hätten, wüssten Sie jetzt auch, dass der Lehrer "abgesehen von diesen Ausnahmefällen" (nämlich z.B. schwere körperliche Attacken) keinen Schüler festhalten darf. Aber es ist halt immer ein schönes Gefühl, sich über andere (oder "die da oben", ...) aufregen zu können, nicht wahr?
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