Augsburger Jungwähler-Wette Voll Bock auf Kommunalwahl

Top, die Wette gilt! Der Stadtjugendring Augsburg will bei den bayerischen Kommunalwahlen 11.000 Jugendliche an die Urnen bringen. Seit Wochen bestimmt dieser kuriose Wahlkampf in eigener Sache die Stadt. Jetzt fragen sich die Politiker: Was werden die bloß wählen?

Von Christian Hambrecht


Die Augsburger Medien waren irritiert. Da lag plötzlich dieser Umschlag im Briefkasten; ein Gummibärchen klebte dran. Dazu hieß es auf orange-schwarzem Briefpapier: "Das ist ein Gummibärchen. Ein Gummibärchen ist total allein und kann gar nichts erreichen." Und weiter: Der Stadtjugendring Augsburg lade zu einer Pressekonferenz, am 2. März 2007 in der Villa am Schwibbogenplatz 1. Mehr stand in dem Brief nicht.

Jugendring-Vorsitzender Raphael Brandmiller lüftete das Geheimnis: "Wir wetten, dass bei der Kommunalwahl im nächsten Jahr 11.000 Augsburger Jugendliche zur Wahl gehen." Zur Belohnung gäbe es am 31. Juli ein kostenloses Konzert auf dem Rathausplatz. Am Start eine "deutsche Kultband", als Vorbands zwei Nachwuchsgruppen aus der Augsburger Szene.

Eine kühne Wette. 11.000 junge Wähler, das wären 40 Prozent, also fast jeder Zweite aus der Altersgruppe zwischen 18 bis 27 Jahren. Bei der letzten Kommunalwahl in Augsburg nutzten rund 50 Prozent der Wahlberechtigten aller Altersklassen ihr Stimmrecht. Unter den Jungwählern liegt diese Zahl oft noch einmal bis zu 15 Prozent niedriger. Zum Vergleich: 35 Prozent der Jugendlichen gaben bei der letzten Landtagswahl in Bayern 2003 ihre Stimme ab.

Kreuzchen bei "Dubalapub" und "Selfmade Marmalade"

"Ein Teufelskreis", sagt Sebastian Kochs. Er arbeitet in der Projektabteilung des Stadtjugendrings und gehört zu denen, die sich die Sache mit der Wette ausgedacht haben. "Die Jugendlichen sagen: 'Wir interessieren die Politiker einen Scheißdreck'", sagt er. "Sie gehen erst gar nicht wählen, weil's 'ja eh nix bringt'. Im Gegenzug fragen Politiker: Warum sollen wir Jugendpolitik machen und ältere Klientel verschrecken, wenn die Jungen gar nicht wählen gehen?"

Kochs ist ein lässiger Typ; er trägt eine kantige schwarze Brille und einen silbernen Ohrring. Ihm traut man zu, mit jungen Leuten so zu reden, dass sie ihn verstehen. Er hat eine leer stehende Kneipe in der Augsburger Innenstadt angemietet, nennt sie jetzt "Wahllokal" - die Basis der "11Tausend"-Kampagne.

Lehrer laden in den letzten Wochen gerne ihre Schulklassen im "Wahllokal" ab. In lockerer Atmosphäre klärt Kochs die Jugendlichen über das komplizierte Kommunalwahlsystem auf: Was ist panaschieren, was kumulieren? Keine Ahnung? Damit die Teenager nicht gleich wieder abschalten, wird im "Wahllolkal" einfach mal so ein bisschen geübt, trocken gewählt quasi.

Die Jungwähler bekommen Stimmzettel, einen Stift - und sollen ihre Kreuze hinter den Namen von Augsburger Jugendbands machen, zwei von ihnen dürfen dann im am 31. Juli auf dem Rathausplatz auftreten. Die Gruppen heißen "Dubalapub", "Kopfsport", "Purblind", "Selfmade Marmalade". Im "Wahllokal" können die Jugendlichen noch mal schnell Probe hören und dann entweder einer Einzelband die Stimme geben oder auch der "Liste Indie-Pop". Fast wie bei einer richtigen Wahl. Kleiner Unterschied: Man steht an einem langen Tresen mit Kopfhörern und Ikea-Lampen. Ist ja auch viel lustiger.

"Ich wähle, weil ich mehr als Luft im Kopf habe"

Im Stadtbild mischen sich unter die biederen Wahlplakate mit ergrauten Politgrößen junge Gesichter, orange umrahmt. Auf den neuen Plakaten werben Jugendliche aus Augsburg für den größten Wahlverlierer der letzten Jahre - die Wahlbeteiligung. Ein großes Bild in der Mitte, drunter steht zum Beispiel: "Ich wähle, weil ich mehr als Luft im Kopf habe." Auch so eine "11Tausend"-Aktion.

Ein orangefarbener Bus tingelt durch die Stadt, damit es immer mehr Plakate werden. Geologiestudent Tobias Michel sitzt da drin, er hält Jugendliche an und fragt sie nach einem guten Spruch zur Wahl. Die meisten bocken, aber Tobias lässt nicht locker. "Die meisten sind überrascht, was ihnen einfällt, wenn sie mal nachdenken." Schnell eine Porträtaufnahme - knips - und ab damit in den Plakatgenerator im Bus. Schon hat jeder Jugendliche ein Wahlplakat mit eigenem Gesicht und Spruch.

Wenn Tobias den Satz "Politiker machen doch eh, was sie wollen" hört, hält er entgegen: "Politiker machen solange, was sie wollen, bis du aufstehst und ihnen in den Hintern trittst." Für viele Jugendliche in Augsburg ist "11Tausend" tatsächlich so etwas wie ein Wendepunkt: "Fanden sie Politik bisher scheiße, sind sie plötzlich begeistert, dass sie etwas zu sagen haben - und sich andere dafür interessieren", sagt Tobias Michel.



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Seite 1
Priest, 07.09.2006
1.
---Zitat von sysop--- Bei den kommenden Landtagswahlen wird eine geringe Wahlbeteiligung befürchtet. Dies könnte radikale Parteien begünstigen. Ist die Wahlmüdigkeit eine Gefahr für die Demokratie? Was sollten die Parteien dagegen tun? ---Zitatende--- Was können die Parteien dagegen tun? Im Prinzip alles dies was sie zZ. darstellen und tun verändern.
Hugo_Habenichts 07.09.2006
2. Keine Gefahr, in Sicht, würde ich sagen.
---Zitat von sysop--- Bei den kommenden Landtagswahlen wird eine geringe Wahlbeteiligung befürchtet. Dies könnte radikale Parteien begünstigen. Ist die Wahlmüdigkeit eine Gefahr für die Demokratie? ---Zitatende--- Nein. Es ist "nur" ein Ärgernis. Bisher haben sich die Rechten stets selbstdemontiert. Und die Linke, die linken Radikalen, die kosten wirklich nur Geld mit ihrer Sozialromantik. ---Zitat von sysop--- Was sollten die Parteien dagegen tun? ---Zitatende--- Mal konsequent sein? Die Leute nicht dauernd für blöd verkaufen? Ich weis auch nicht. Irgend was halt tun, damit Otto Normalverbraucher nicht mehr denkt: Politiker = Lügner. MfG Hugo Habenichts
M. Moore, 07.09.2006
3.
---Zitat von sysop--- Was sollten die Parteien dagegen tun? ---Zitatende--- Nicht viel - gute Politik machen! Dabei ehrlicher zu den Menschen sein. Dann gewinnen die Menschen auch wieder das Vertrauen und sehen Alternativen. Heute beherrscht der Müsiggang viele Überlegungen der Wähler.
Rainer Helmbrecht 07.09.2006
4.
---Zitat von sysop--- Bei den kommenden Landtagswahlen wird eine geringe Wahlbeteiligung befürchtet. Dies könnte radikale Parteien begünstigen. Ist die Wahlmüdigkeit eine Gefahr für die Demokratie? Was sollten die Parteien dagegen tun? ---Zitatende--- Das wäre ganz einfach. Erstens keine Listenplätze. Zweitens Wahlkampferstattung nur für die Gewählten. Gibt es nur eine Wahlbeteiligung von 60%, gibt es auch nur 60% der Abgeordneten. Ebenfalls nur 60% der Knete. Bei der Geldgier unserer Abgeordneten und der Parteien wäre das die einzige Möglichkeit auf Demokratie Einfluss zu nehmen. Die Hoffnung, dass sich Abgeordnete aus Idealismus wählen lassen, ist wohl ein unerfüllbarer Wunschtraum. Geld regiert die Welt und unseren Bundestag sowieso. Unsere Führer werden erst wach, wenn wir ihnen an den Geldbeutel fassen. Es wird dann vielleicht auch nicht besser, aber billiger;o).
kalfany, 07.09.2006
5.
Dadurch werden die radikalen bzw. die nicht so starken Parteien natürlich indirekt unterstützt, wenn kein Mensch oder nur wenige zur Wahl gehen. Was die Parteien tun können ist nach meiner Meinung endlich mal was vernünftiges zu bewegen und nah am Volk stehen, sodass die Menschen auch wieder mehr Lust auf Politik bekommen. Was momentan passiert ist jedenfalls die falsche Richtung, denn welcher Politiker ist schon noch volksnah?
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