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13. April 2015, 12:29 Uhr

Ausbildungsmarkt

Kein Anschluss mit Hauptschulabschluss

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Das System der dualen Berufsausbildung krankt: Es werden jedes Jahr weniger Ausbildungen abgeschlossen, gleichzeitig bleiben immer mehr Stellen unbesetzt. Hauptschüler haben in dieser Entwicklung wenig Chancen.

Die Filiale einer Bank in Cottbus traut sich, was alle anderen Banken in Deutschland nicht wagen: Sie würde laut Stellenanzeige Auszubildende mit Hauptschulabschluss anstellen. Auf die weiteren 3100 aktuell freien Stellen bei Banken, die in der bundesweiten Lehrstellenbörse der 80 Industrie- und Handelskammern gelistet sind, brauchen sich Hauptschüler erst gar nicht zu bewerben.

Die Banklehre ist freilich ein anspruchsvoller Ausbildungsberuf, doch auch in anderen beliebten Branchen sieht es für Hauptschüler düster aus. Bundesweit finden sich für sie 177 Ausbildungsplätze im Büromanagement, 100 Ausbildungen zu Industriekaufleuten, 32 für Kfz-Mechatroniker. Für die Azubis, die meist aus finanziellen Gründen bei den Eltern wohnen müssen, bedeutet das extrem schlechte Chancen, eine Lehrstelle an ihrem Wohnort zu finden.

Laut einer Analyse des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) bleiben von knapp 44.000 offenen Stellen der Lehrstellenbörse etwa 62 Prozent Jugendlichen mit Hauptschulabschluss verschlossen. Bei den Bank- und Büroberufen gehe die Chance von Hauptschulabsolventen auf eine Lehrstelle "gegen Null", heißt es in dem Bericht.

Im Büromanagement, im Groß- und Außenhandel und bei Industriekaufleuten liegt die Ausschlussquote bei mehr als 90 Prozent. "Das passt nicht zu den ewigen Klagen über den vermeintlichen Fachkräftemangel. Zu viele Betriebe setzen immer noch auf eine Bestenauslese", kommentiert Elke Hannack, stellvertretende DGB-Vorsitzende, die Auswertung.

Immer mehr Leerstellen

Es stimmt: Jeden Sommer zum Ausbildungsstart beschweren sich die Betriebe, dass es nicht genügend passende Bewerber gibt. Und die Jugendlichen jammern, dass sie keine Lehrstelle finden. Für den DGB liegt dies an der Auswahlpraxis der Betriebe - wer Fachkräftenachwuchs sichern wolle, müsse verstärkt Jugendlichen mit Hauptschulabschluss eine Chance geben.

Doch auch mit Abitur sind Jugendliche bei der Lehrstellensuche oft erfolglos. 2013 hatten 17,5 Prozent in den ostdeutschen Bundesländern Abitur und fanden trotzdem keinen Ausbildungsplatz. In den westdeutschen Bundesländern waren es sogar 26,1 Prozent.

Das gesamte System der dualen Ausbildung schrumpft: Mit 522.232 neu abgeschlossenen Ausbildungsverträgen wurde im vergangenen Jahr ein historischer Tiefstand erreicht.

Eine mögliche Ursache für die sinkenden Zahlen der Lehrlinge mit Hauptschulabschluss könnte sein, dass mit insgesamt sinkenden Schülerzahlen immer weniger Schüler die Schule mit diesem Abschluss verlassen: 2010 waren es 25,2 Prozent, 2012 nur noch 22,8 Prozent. Die besten Chancen haben Hauptschulabsolventen noch im Handwerk und in der Hauswirtschaft: Hier stellen sie 53,7 und 57,5 Prozent der Azubis. Auch in der Landwirtschaft sieht es mit 46,2 Prozent noch ganz gut aus. Richtig dramatisch aber ist die Lage für Jugendliche ohne Schulabschluss. Ihnen bleiben in der IHK-Lehrstellenbörse 96,3 Prozent aller Ausbildungen verschlossen.

Frauen setzen auf Schule

Zukünftig werden immer mehr Lehrstellen unbesetzt bleiben, während die Zahl der Ausbildungen weiter abnimmt - diese Tendenz prognostiziert die Studie "Berufsausbildung unter Druck" in der das Forschungsinstitut für Bildungs- und Sozialökonomie Berlin (FiBS) die Bewerberzahlen von Auszubildenden bis zum Jahr 2025 hochrechnet. Die Zahl der neuen Ausbildungsverträge wird demnach in den nächsten zehn Jahren um knapp ein Viertel zurückgehen.

Attraktiver und von den Bewerberzahlen her konstant bliebe dagegen die schulische Berufsausbildung, also etwa zur Erzieherin oder in der Kranken- und Altenpflege. Laut FiBS liegt es vor allem an den jungen Frauen, die sich von dem klassischen System der dualen Ausbildung nicht angesprochen fühlen. Sie entscheiden sich eher für eine schulische Berufsausbildung oder streben das Fachabitur an.

Laut FiBS könnten die Hauptschüler von der Entwicklung in Zukunft aber profitieren. Sie hätten in absehbarer Zeit deutlich bessere Chancen, einen Ausbildungsplatz zu finden, weil die Betriebe viel offensiver als bisher um Azubis werden müssen. Unternehmen könnten dann vermehrt spezielle Fördermaßnahmen für leistungsschwächere Jugendliche in Anspruch nehmen. Eine Umfrage des Bundesinstituts für Berufsbildung zeigt: Betriebe, die dies schon jetzt wagen, sind mit ihrem Nachwuchs durchaus zufrieden.

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