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"Teach First": Warum junge Akademiker an Problemschulen unterrichten

Foto: Oliver Trenkamp

Aushilfsjobs für Überflieger Klassenkampf statt Karriere

BWL-Studium in München und Hongkong, fünf Praktika und die Aussicht auf eine Karriere als Investmentbanker: Lukas Gaertner könnte richtig durchstarten. Stattdessen bringt er als Hilfslehrer Berliner Problemschülern bei, wie man Bewerbungen schreibt - weil er etwas bewegen will.

Die Lehrer-Gesten beherrscht er schon, auch die albernen: mit der Hand über den Mund fahren, als wäre da ein Reißverschluss, ihn verschließen und den unsichtbaren Schlüssel wegwerfen. Halb auf dem Tisch in der ersten Reihe sitzen, ein Bein baumeln und den Blick schweifen lassen.

Und vor allem das gezielte Ertappen, das jeder Schüler hasst. Eine Frage an den richten, der sie ganz bestimmt nicht beantworten kann, weil er gerade mit dem Banknachbarn quatscht.

Wenig deutete im Leben von Lukas Gaertner, 23, vier Geschwister, darauf hin, dass er das einmal tun würde: um die Aufmerksamkeit einer achten Klasse ringen; in einer Schule in Berlin-Lichtenberg, die das letzte Mal die Lokalpresse beschäftigte, als ein Schüler drohte, seine Lehrerin umzubringen - weil sie wollte, dass er sein Handy wegpackt.

Lukas Gaertner aus Frankfurt am Main steuerte auf eine Karriere als Investmentbanker oder Unternehmenberater zu. Sein BWL-Studium, das an seiner Uni in München "Finance and Accounting" heißt, schloss es nach dreieinhalb Jahren ab, studierte sechs Monate in Hongkong, absolvierte fünf Praktika, davon eins in Indien. Für seine Bachelorarbeit analysierte er alle deutschen Unternehmensübernahmen seit Mai 2006. "Ziemlich geradlinig" nennt er selbst seinen Lebenslauf.

Zweiklang aus Strebsamkeit und Hilfsbereitschaft

Doch Lukas Gaertner hat sich für einen "bewussten Bruch" entschieden, wie er sagt. Er ist einer von 66 Top-Absolventen, die als sogenannte Fellows der Initiative "Teach First" zwei Jahre lang an Problemschulen lehren, nachdem sie einen Sommer lang mit einer Art pädagogischem Crash-Kurs auf den Ernstfall vorbereitet wurden. Das Programm ist dieses Schuljahr in Berlin, Hamburg und Nordrhein-Westfalen angelaufen. Die Crashkurse bezahlen Sponsoren, das Gehalt der Fellows tragen die Bundesländer. Das Konzept stammt aus den USA, wo "Teach for America" mittlerweile zu den begehrtesten Arbeitgebern für junge Akademiker zählt.

Die Idee: Die Erfolgreichen geben den Schwächeren etwas zurück, bevor sie richtig durchstarten. "Einsatz für andere + Karriere für Dich", wirbt die Initiative auf ihrer Internetseite. Gerade dieser Zweiklang aus Strebsamkeit und Hilfsbereitschaft sorgt für Kritik - auch für ziemlich verbohrte. So verhinderten Personalräte in zwei Berliner Bezirken, dass die ausgewählten Fellows ihre Arbeit antreten konnten, obwohl die Schulen sie gern haben wollten. Jetzt sitzen die Absolventen bezahlt zu Hause und warten auf eine Lösung; eine war extra von Passau nach Berlin gezogen.

Die Fellows würden den Lehrern nur mehr Arbeit machen, murrten die Gerwerkschafter; überhaupt sei es ungerecht, dass die Fellows Zweijahresverträge bekämen, ausgebildete Hilfslehrer aber nicht. Bei der Bildungsgewerkschaft GEW vermuteten manche gar ein "staatlich gesponsertes Sozialkompetenztraining für angehende Manager", wie es auf der Internetseite heißt.

Gaertner braucht "Teach First" nicht, um durchzustarten

Es wäre simpel, Lukas Gaertner als Klischee-Karrieristen darzustellen, der nur seinen Lebenslauf in der Rubrik "Soziales" aufhübschen will - Hemd in kleinem Karo, Blackberry, Macbook, das gelockte Haar mit Gel gebändigt. Doch genug Engagement-Bonuspunkte hatte er längst gesammelt, als Jugendlicher Nachhilfe gegeben und gemeinnützige Feste organisiert. Zum Durchstarten hätte er "Teach First" nicht gebraucht, da gab es das Jobangebot einer Bank. "Zwei Jahre an Schulen aushelfen, das macht niemand aus Karrieregründen", sagt Gaertner. Er habe einfach das Gefühl, so etwas bewegen zu können.

Jetzt steht Gaertner vor zehn Achtklässlern, mit denen er zum ersten Mal üben soll, wie man sich präsentiert und Bewerbungen schreibt. Nur: Die Schüler finden den Schnee vor dem Fenster interessanter und die Englischarbeit in der nächsten Stunde wichtiger. Ein Junge wedelt mit der Zunge, ein anderer läuft herum, die Schüler schmähen einander "Zigeuner" oder "Schwuchtel" - Ernstfall Schule.

Gaertner will vorankommen, auch mit Kommandos wie "Setz dich sofort wieder hin" und "Ruhe jetzt". Manchmal wird er ein bisschen rot, aber die Ruhe verliert er nicht.

Was lasse ich durchgehen, wo zeige ich Härte?

"Man muss die Schüler erst kennenlernen, um sie einschätzen zu können", sagt er. Die schwierigsten Entscheidungen sind die Sekundenentscheidungen: Wie viel lasse ich wem durchgehen, wo zeige ich Härte? Am Anfang sei er ziemlich aufgeregt gewesen, sagt Gaertner. Mittlerweile habe er sich an die Lautstärke gewöhnt und an den Stress.

Eine Treppe tiefer, Englischunterricht, ein Obama-Plakat an der Wand: In der siebten Klasse, die ihn schon seit Beginn des Schuljahres kennt, zeigt sich, dass Gaertner es hinbekommt. Das Fragen-Melden-Antworten-Prinzip funktioniert einigermaßen, niemand springt auf, Gaertners Arbeitsblätter zum Present Perfect werden ausgefüllt. Nur kleine Sprachprobleme gibt es manchmal. Gaertners Vorwurf "Du hast geschwätzt" stößt auf Unverständnis, die Schülerin hört "geschwänzt" und ist empört.

Erst dachten sie, Herr Gaertner sei ein richtiger Lehrer, sagen zwei Jungs - nur eben jünger als die anderen und energischer. Doch Lukas Gaertner und die anderen Fellows dürfen weder Noten geben und noch Arbeiten schreiben lassen. Sie sollen die Lehrer unterstützen, bei Hausaufgaben helfen, AGs anbieten. Mit der Hausaufgaben-Betreuung klappt es allerdings bisher nicht so. Gerade mal drei Schüler kommen in den Raum, in dem Gaertner und Jan Gadow, 27 und ebenfalls Fellow, Chips und Saft bereitgestellt haben. "Das muss sich erst rumsprechen", sagt Gaertner.

Demnächst wird er sich wieder mehr mit der Finanzwelt beschäftigen, mit Private Equity und Aktien. Eine Lehrerin hat ihn gebeten, in der Oberstufe einen Vortrag über die Finanzkrise zu halten. Schließlich sei er dafür Experte.

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