Ausländische Schüler bei Pisa "30 Jahre verfehlte Einwanderungspolitik"

Schüler aus ausländischen Familien waren die Verlierer bei Pisa - "sie ziehen den ganzen Schnitt runter", schimpfte ein CDU-Kultusminister. Der Bildungsforscher Wilfried Bos spielt den Ball zurück an die Politik: Deutschland zahle jetzt den Preis für die unzureichende Förderung von Einwandererkindern.

Beim jüngsten internationalen Schulvergleich hat sich Deutschland kaum verbessert und verharrt bei Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften auf den mittleren bis unteren Rängen. Niedersachsens Kultusminister Bernd Busemann hatte nach Veröffentlichung der Pisa-Ergebnisse Anfang Dezember schnell eine eindeutige Erklärung zur Hand: "Die Ausländer- und Aussiedlerkinder ziehen den ganzen Schnitt runter, das ist seit Jahren eine Erkenntnis aller Kultusminister. Das ist kein Vorwurf an die Kinder, das ist einfach die Analyse", so der CDU-Politiker.

Tatsächlich zeigt die Pisa-Studie, dass Jugendliche aus Einwanderfamilien in allen Disziplinen klar schwächer abschneiden als deutsche Schüler. So erzielten türkische Jugendliche durchschnittlich in Mathematik knapp 100 Punkte weniger - damit sind sie gegenüber Schüler aus deutschen Familien knapp zwei Jahre im Rückstand. Aber andere Pisa-Teilnehmer wie Frankreich, Kanada oder die Niederlande sind ebenfalls Einwanderungsländer und schneiden besser ab.

Wem gebührt der Schwarze Peter für die Bildungsmisere?

Erfolgreicheren Ländern gelingt es - eines der zentralen Pisa-Ergebnisse - wesentlich besser, Zuwanderern den Weg zu höherer Bildung zu ebnen. Im deutschen System klaffen die Leistungen starker und schwacher Schüler extrem auseinander, Chancengleichheit gibt es nur in Spurenelementen: In kaum einem Land haben Ausländerkinder und Kinder aus sozial schwachen Familien schlechtere Bildungsaussichten als in Deutschland. Und Migrantenkinder trifft es oft doppelt. Denn weil viele auch aus bildungsfernen Arbeiterfamilien stammen, haben sie Nachteile wegen ihrer Schichtzugehörigkeit und Sprachprobleme.

Foto: DER SPIEGEL
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Pisa-Studie der OECD 2003
Bei Pisa 2000 erreichte Deutschland im Fach Mathematik Rang 20. Unter den damals vertretenen Ländern würde Deutschland heute Rang 16 belegen. Im Fach Lesen damals Rang 21, heute Rang 18. In den Naturwissenschaften damals Rang 20, heute Rang 15.

Mathematik

Lesen

Naturwissenschaften

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Sind also tatsächlich die Ausländer an der Bildungsmisere schuld? Müsste man sie aus dem Pisa-Ergebnis herausrechnen, um zu beweisen, dass Deutschland gar nicht so schlecht ist? Wilfried Bos hält das für schlicht absurd. Ebenso gut könnte man "die Mädchen nicht mehr zur Schule schicken, damit wir im nächsten Mathematiktest international besser abschneiden", so der Hamburger Erziehungswissenschaftler, "wir haben Mädchen und Jungen, wir haben Kinder mit Migrationshintergrund und ohne - sie gehören alle zu unserem Schulsystem."

Auch die Klage über die vermeintlich "falschen" Einwanderer führe nicht weiter, sagt Bos in einem Interview in der aktuellen Ausgabe der "Zeit". Zwar gäbe es mit Einwandererkindern kein Problem, "wenn wir immer nur persische Chefärzte geholt hätten". Doch die Realität sehe anders aus. Die "unsinnige Vorstellung" der sechziger und siebziger Jahre schildert Bos so: "Wir holen uns jetzt für fünf Jahre Arbeiter aus der Türkei, und dann fahren sie mit einem Koffer voller Geld wieder nach Hause. Und für ihre Integration müssen wir nichts anderes tun, als ein Etagenbett hinzustellen und in der Küche Bescheid zu sagen, dass sie kein Schweinefleisch kochen sollen."

Mit der Integration müsse man sich mehr Mühe geben, fordert Bos, der die internationale Grundschul-Leseuntersuchung Iglu leitete: "Wir haben es mit 30 Jahren verfehlter Einwanderungspolitik zu tun, dafür zahlen wir jetzt den Preis." Das sprachliche Verständnis sei der Schlüssel zu guten schulischen Leistungen - zum Beispiel auch bei Textaufgaben in Mathematik oder den Sachtexten im Biologiebuch.

Der Forscher plädiert in der "Zeit" für verstärkte Sprachförderung vom Kindergarten bis in die oberen Klassen. Dafür brauche man gutes Personal, "das können nicht Studenten oder Rentner sein". Verzichte man darauf, "haben wir hinterher die Rechnung im Justiz- und Sozialministerium, dann kommt uns das doppelt und dreifach zu teuer". Auch den Eltern müsse man helfen, Deutsch zu lernen. Als positives Beispiel nennt Wilfried Bos Schweden, das konsequent das Schwedischlernen und zugleich auch den muttersprachlichen Unterricht für Einwandererkinder fördere.

Jochen Leffers

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