Vornamen-Diskriminierung "Keiner will einen Ali im Team haben"

Zwei Bewerber mit gleichen Qualifikationen, aber unterschiedlichen Vornamen - wer wird eingeladen: Hakan oder Tim? Eine großangelegte Studie gibt eine erschreckende Antwort. Deutschland hat ein ernstes Diskriminierungsproblem.
Azubis in Sindelfingen (Archiv): Bewerber mit ausländischen Namen finden schwerer einen Ausbildungsplatz

Azubis in Sindelfingen (Archiv): Bewerber mit ausländischen Namen finden schwerer einen Ausbildungsplatz

Foto: Daniel Bockwoldt/ picture alliance / dpa

Lukas gegen Ahmet, Hakan gegen Tim: Wer wird den Ausbildungsplatz bekommen? Nein, keine neue Castingshow, sondern eine Studie, bei der es letztlich drei Verlierer gibt: Ahmet, Hakan - und die Gesellschaft.

Für die Studie "Diskriminierung am Arbeitsmarkt" (Studie als PDF ) haben Forscher fiktive Bewerbungen für einen Ausbildungsplatz geschrieben. Sie wollten herausfinden, wer bei gleicher Qualifikation gewinnt: der Bewerber mit typisch deutschem oder der mit türkischem Namen? Das Ergebnis: Jugendliche mit ausländischen Wurzeln müssen deutlich mehr Bewerbungen schreiben, um zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden. Sie werden häufiger ignoriert, und sie müssen sich häufiger duzen lassen. "Wir haben es in Deutschland mit einem ernsthaften Diskriminierungsproblem zu tun", sagte der Studienleiter Jan Schneider am Mittwoch in Berlin.

Was die Forscher herausgefunden haben, ist leider nicht neu: Immer wieder beschäftigen sich Studien mit Vorurteilen und Diskriminierung. Immer wieder zeigen sie, dass dicke Kinder schlechte Noten bekommen, das Gleiche gilt für Ronnys und Justins. "Kevin ist kein Name, sondern eine Diagnose", antwortete eine befragte Lehrerin sogar einmal. Auch das Elternhaus der Schüler fließt in die Benotung mit ein, je gebildeter die Eltern, desto besser die Note der Schüler.

Selten aber haben Forscher zum Thema Diskriminierung von Lehrstellenbewerbern eine derart umfangreiche Studie vorgelegt wie jetzt der Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration, ein Zusammenschluss von acht Stiftungen. Sie entwarfen gemeinsam mit Berufsberatern und Bewerbungstrainern vier fiktive Bewerberprofile. Die Namen der Bewerber: Lukas Heumann, Ahmet Aydin, Tim Schultheiß und Hakan Yilmaz.

  • Die angehenden Bürokaufmann-Azubis hatten die deutsche Staatsangehörigkeit, gaben in ihrem Lebenslauf Deutsch als Muttersprache an, Türkisch sprach keiner. Beide waren 1996 geboren, hatten einen Notendurchschnitt von 1,9, engagierten sich ehrenamtlich und spielten Fußball.
  • Bei den angehenden Kfz-Mechatronikern galt ebenfalls: deutsche Staatsangehörigkeit, Jahrgang 1996, deutsche Muttersprache, kein Türkisch, Ehrenamt, Fußball. Ihr Notendurchschnitt: 2,0.

Die Forscher entschieden sich für Bürokaufmann und Kfz-Mechatroniker, weil besonders viele Jugendliche sich für diese Ausbildungen interessieren. Außerdem unterscheiden sich Berufe und Arbeitsumfelder stark voneinander. Insgesamt schickten die Forscher über einen Zeitraum von dreieinhalb Monaten jeweils eine Bewerbung mit türkischem und eine mit deutschem Namen an 1794 zufällig ausgewählte Unternehmen, alle hatten auf der Online-Börse der Bundesagentur für Arbeit einen freien Ausbildungsplatz ausgeschrieben.

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Diskriminierung: Vorname entscheidet mit über Lehrstelle

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Die wichtigsten Ergebnisse in Kürze:

  • Nur nicht aufgeben: Um eine Einladung zu einem Vorstellungsgespräch zu erhalten, muss ein Kandidat mit typisch deutschem Namen durchschnittlich fünf Bewerbungen schreiben, ein Bewerber mit türkischem Namen sieben. Wobei die Kfz-Mechatronik-Bewerber stärker diskriminiert werden. Bei den angehenden Bürokaufmännern deutet sich eine Diskriminierung an, statistisch ist sie nicht signifikant.
  • Je kleiner das Unternehmen, desto stärker die Diskriminierung: Das könnte daran liegen, vermuten die Forscher, dass größere Unternehmen ihre Bewerber nach einem stark formalisierten Verfahren auswählen, in das mehrere Mitarbeiter eingebunden sind. Dadurch ließe sich auch der Unterschied zwischen Kfz-Mechatronikern und Bürokaufmännern erklären: Die Kfz-Betriebe hatten im Durchschnitt weniger Mitarbeiter.
  • Ein Anruf für Tim, eine E-Mail für Hakan: Bewerber mit deutschem Vornamen riefen die Unternehmen häufiger an, Hakan und Ahmet bekamen häufiger Post. Darin werden sie häufiger mit Vornamen angesprochen und geduzt.

Die Forscher interessierten sich nicht nur für Zahlen, sie wollten auch wissen: Wie lassen sie sich erklären? Um das zu beantworten, luden sie 13 zufällig ausgewählte Personalverantwortliche ein, nicht nur aus den Bereichen Bürofach und Kfz. Sie sollten darüber sprechen, wie sie ihre Auszubildenden auswählen. In der Gruppendiskussion fielen Sätze wie:

  • "Unternehmen haben da keine Erfahrungswerte. Aber bei Türkisch und ach und man hört so viel…Das passt oft nicht."
  • "Man versucht immer, sich selbst einzustellen."
  • "Wir hatten vor ca. drei Jahren einen 'Ali' als Azubi, der nur Schwierigkeiten gemacht hat. Er wurde durch insgesamt drei Betriebe gereicht, bis wir ihn rausgenommen haben. Nun möchte keiner mehr einen 'Ali' im Team haben."
  • "Teilweise ist es auch der Druck, gesellschaftliche Erwartungen erfüllen zu müssen - besonders bei Kundenkontakt. Eine Frau mit Kopftuch an der Rezeption eines Hotels wäre nicht denkbar. Das wollen die Kunden nicht."
  • "In manche Regionen kann man nicht guten Gewissens einen Ausländer hinschicken."

Studienautor Jan Schneider resümiert: "Erwartungshaltungen, Vorurteile und Projektionen erweisen sich in Verbindung mit betrieblichen Auswahllogiken als Nährboden für Diskriminierung." Darunter leide auch die Wirtschaft: "Wo diskriminiert wird, entgehen den Ausbildungsbetrieben geeignete Bewerber." Das sollten Unternehmen und Politik eigentlich gerade jetzt verhindern, wo sie doch ständig über Fachkräftemangel klagen.

Nur wie? Schneider fordert: Firmenchefs, Personalverantwortliche, Ausbilder müssten für dieses Thema sensibilisiert werden. Zudem plädiert er für anonyme Bewerbungen, gerade kleinere Firmen bräuchten dabei Unterstützung, durch eine kostengünstige Software beispielsweise. Schulen und Unternehmen müssten stärker kooperieren, damit Jugendliche und Firmen in Kontakt kommen, damit sich Vorurteile abbauen.

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Sieger und Verlierer: Wie der Vorname den Erfolg bestimmt

Foto: A3116 Tim Brakemeier/ dpa

Mit Material von dpa