Ausraster im Klassenzimmer Französischer Lehrer wegen Ohrfeige vor Gericht

Als ein Schüler ihn "Arschloch" nannte, rutschte einem 49-jährigen Lehrer die Hand aus. Der Vater des elfjährigen Jungen erstattete Anzeige - jetzt steht der Lehrer vor Gericht. Viele seiner Kollegen können das gar nicht verstehen.

Er sei ein "großer Kerl", 1,90 Meter, breites Kreuz, schreibt die französische Tageszeitung "Le Monde". Techniklehrer José L. aus dem französischen Berlaimont ist ein Typ, der Saft in den Muskeln hat - er hat sie nur an der völlig falschen Stelle spielen lassen: Jetzt steht er vor Gericht, weil er den elfjährigen Alexandre im Klassenraum geohrfeigt hat. Als der Prozess vergangene Woche begann, kamen ein dutzend Lehrerkollegen zum Gericht im nordfranzösischen Avesnes-Sur-Helpe, um zu protestieren - für ihren Kollegen.

José L. wird beschuldigt, persönliche Gegenstände des elfjährigen Schülers vom Tisch "gewischt" und auf den Boden geworfen zu haben, weil er sie nicht selbst vom Tisch nehmen wollte. Wie er der französischen Zeitung "Le Monde" sagte, habe Alexandre daraufhin verächtlich und menschenverachtend gelacht. Danach hat der Lehrer das Kind laut Anklage gegen die Wand gedrückt. Der Schüler beschimpfte seinen Lehrer dann als "Arschloch", woraufhin der 49-Jährige ihn ohrfeigte.

"Das erste Mal in 29 Jahren"

Wegen der Beleidigung wurde Alexandre drei Tage der Schule verwiesen. Der Vater des Elfjährigen, ein Polizist, sorgte dafür, dass der Lehrer vorgeladen, vernommen und für 24 Stunden unter Arrest gestellt wurde. Er zeigte José L. an.

Der Lehrer bestreitet die Tat nicht: Er sagte vor Gericht, es sei das erste Mal in 29 Berufsjahren, dass sich ein Schüler so betragen habe. Er hätte wie ein Familienvater gehandelt. Die Ohrfeige sei eine spontane Reaktion gewesen.

In Frankreich sind körperliche Strafen auch in Familien noch weit verbreitet. In einer im Dezember vergangenen Jahres veröffentlichten Umfrage der Europäischen Familienunion (UFE) gaben neun von zehn Eltern an, ihr Kind bisweilen geschlagen zu haben. Mehr als die Hälfte der Franzosen ist demnach dagegen, dass die körperliche Züchtigung verboten wird.

José L. hätten in dem Verfahren trotzdem bis zu fünf Jahre Haft drohen können. Die Staatsanwaltschaft forderte am Donnerstag aber nur eine Geldstrafe von 800 Euro.

26.000 Menschen unterstützen den angeklagten Lehrer

Die Ohrfeige hat in Frankreich landesweit für Aufsehen gesorgt: Lehrergewerkschaften unterstützen L. mit einer Petition, die 26.000 Menschen unterschrieben haben. Auch der französische Regierungschef François Fillon hat sich hinter den Lehrer gestellt. Es sei nie eine gute Lösung, einen Schüler zu ohrfeigen, hatte Fillon im Februar gesagt, aber die Lehrer bräuchten auch ein wenig Respekt, um ihren Unterricht abhalten zu können.

Michael Devred von der der Lehrergewerkschaft Snes-FSU verteidigte José L. gegenüber der Zeitung "Le Monde": "Er ist ein guter Lehrer, anerkannt in der Verwaltung und als Pädagoge." Im Laufe der Verhandlung wurde aber auch eine andere Seite des Lehrers bekannt: Die erste Ehefrau des Lehrers zeigte ihn zwischen 1999 und 2001 dreimal wegen gewalttätiger Übergriffe bei der Polizei an.

Der Staatsanwalt beschrieb den Lehrer als impulsiven Menschen, der häufig krank gemeldet sei. In der Vergangenheit habe er außerdem immer wieder Probleme mit Alkohol gehabt. Das Urteil wird am 13. August erwartet.

sha/AFP

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