Aussetzung der Wehrpflicht Sozialdienstleister fürchten das Zivi-Loch

Sollte die Wehrpflicht ausgesetzt werden, würden Sozialdiensten Zehntausende Zivis fehlen. Das sei kaum zu kompensieren, klagen viele und beschreiben eine düstere Zukunft. Dabei können den Zivis schon heute oftmals nur die leichtesten Aufgaben übertragen werden.

Eigentlich könnte Lukas Droste in diesen Tagen in einer Universität irgendwo in Deutschland sitzen, mit seinen Kommilitonen Power-Point-Präsentationen verfolgen oder Formeln in seinen Block schreiben. Stattdessen ist der 19-Jährige noch bis zum Jahresende auf den Straßen Düsseldorfs unterwegs.

Im Auftrag des Malteser Hilfsdienstes kümmert er sich im Hausnotrufdienst um alte und kranke Menschen, die gestürzt sind, an Kreislaufproblemen oder Epilepsie leiden oder die einfach Angst haben, dass ihnen eines Tages mal so etwas passiert. Dass sich diese Menschen zuhause in Sicherheit fühlen, haben sie jungen Männern wie Lukas zu verdanken, die diesen Dienst für ein Taschengeld ableisten.

Lukas ist Zivi, wohl einer der letzten, wenn die Pläne zur Aussetzung der Wehrpflicht von Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg Realität werden. Zuletzt wurden 90.000 von ihnen pro Jahr einberufen. Stehen sie bald nicht mehr zur Verfügung, bringt das Sozialverbände, Altenheime und Krankenhäuser in Bedrängnis.

Zur Zeit machen die Zivildienstleistenden nach einer Untersuchung der Zentralstelle für Kriegsdienstverweigerer für das Bundesfamilienministerium zwar nur noch gut ein Prozent der Beschäftigten bei den sozialen Dienstleistungen aus. In vielen Bereichen wie etwa dem Rettungsdienst können sie schon seit der Wehrdienstverkürzung auf neun Monaten kaum mehr eingesetzt werden. Die Ausbildung dauert zu lang. Hier haben Freiwillige und Festangestellte die Lücke gefüllt. Auf anderen Gebieten sind die Zivis für viele Einrichtungen und Verbände immer noch eine unverzichtbare Stütze.

"Ich könnte nicht mehr ruhig schlafen"

Thomas Undorf, der sich bei den Düsseldorfer Maltesern derzeit um neun Zivildienstleistende kümmert, bringt es auf den Punkt: "Sie hinterlassen eine schmerzlich Lücke." Der Hausnotruf mit 1000 Kunden wird fast ausschließlich von den Zivildienstleistenden gestemmt. Wie es in Zukunft weitergehen soll, weiß Undorf noch nicht. Freiwillige sollen die Lücke schließen, heißt es aus dem Bundesfamilienministerium.

"Wunschdenken", nennt Undorf den Vorschlag. Schon jetzt mangele es seinem Verband an interessierten jungen Leuten. "Die Nachfrage für ein Freiwilliges Soziales Jahr ist schlecht", sagt der 25-Jährige resigniert.

Dafür Vollkräfte einzustellen, ist unmöglich. "Das können wir nicht bezahlen." Die Kosten auf die Kunden abzuwälzen, kommt ebenfalls nicht in Frage. "Eher stellen wir den Dienst ein", sagt Undorf. Eine Zeitlang habe man überlegt, die Lücke mithilfe von Mini-Jobbern zu schließen. Immer wieder haben sie auch in der Vergangenheit schon in der Malteser-Verwaltung ausgeholfen.

Trotzdem wurde der Plan schnell wieder verworfen. "Mit geringfügig Beschäftigten kann man 1000 Menschen niemals zuverlässig versorgen", sagt Undorf. Schließlich könnten die nur wenige Stunden in der Woche arbeiten und von heute auf morgen hinschmeißen, wenn sie eine andere Stelle gefunden haben. "Da könnte ich nicht mehr ruhig schlafen", sagt Undorf.

Freiwillige und Rentner als Lösung? Eher nicht

Ähnlich düster sind die Aussichten bei der Konkurrenz. "Wir haben uns innerlich vom Zivildienst schon längst verabschiedet", sagt Regina Villavicencio von der Johanniter Unfallhilfe. 504 Zivildienstleistende beschäftigte der Verband im Juli 2010 deutschlandweit - vor zehn Jahren waren es über 3000. "Wir können die jungen Männer gar nicht mehr einsetzen", klagt die Sprecherin. "Lange Ausbildungszeit, kurzer Einsatz - das ist doch sinnlos."

Derzeit übernehmen die jungen Männer vor allem den Fahrdienst und die Betreuung alter Menschen. Sie sind es, die an Nachmittagen mit Senioren Mensch-ärgere-dich-nicht spielen oder ihnen aus der Zeitung vorlesen. Aufgaben, die mit den Zivildienstleistenden aussterben würden. "Natürlich ist das sehr schade", sagt Villavicencio. "Aber was sollen wir denn machen?"

Auch die Johanniter müssen die Preise für ihre Leistungen anpassen, wenn sie gezwungen sind, mehr hauptamtliche Kräfte einzustellen. "Wir wollen auch unsere Freiwilligendienste ausbauen, mehr FSJler und auch mehr Helfer im Rentenalter gewinnen", sagt Villavicencio. "Aber damit unsere Zivis zu kompensieren, ist illusorisch."

"Dass die Zivis gehen, ist ein Dilemma"

Wäre ein verpflichtendes Jahr für alle die Lösung? "Auf keinen Fall", widerspricht Andreas Bode, Landesgeschäftsführer des Deutschen Roten Kreuzes in Berlin. "Wer nicht will, den soll man auch nicht zwingen." Damit sei ja niemandem geholfen, den Jugendlichen nicht und Patienten und Kunden schon einmal gar nicht.

"Dass die Zivis gehen, ist ein Dilemma", sagt er. Allerdings seien die Sozialverbände nicht komplett unschuldig daran. "Viele haben sich von den Zivis abhängig gemacht", kritisiert er seine Branche. "Das war wenig vorausschauend." Eigentlich seien die jungen Männer nur für zusätzliche Aufgaben gedacht - beispielsweise als "dritter Mann" auf dem Krankenwagen - "zur Unterstützung, nicht anstelle der hauptamtlichen Kräfte". Schließlich gehe es in erster Linie darum, dass die jungen Männer fürs Leben lernten und nicht darum, als billige Arbeitskraft zu schuften.

Ausgenutzt fühlt sich Zivi Lukas Droste allerdings nicht. "Ich nehme auch für mich eine Menge mit." Er macht seinen Dienst mit Freude. "Dadurch lerne ich eine ganz andere Welt kennen", erzählt der Düsseldorfer. Wie allein viele alte Leute seien und wie sehr sie sich freuten, wenn er nach ihnen sieht, habe er sich vorher nicht vorstellen können.

Lukas ist froh, das er nicht ausgemustert wurde, wie viele seiner Freunde. "Direkt nach dem Abitur ohne Pause weiter an die Uni, das wollte ich nicht", sagt der 19-Jährige. Zumal er gar nicht gewusst hätte, was er studieren sollte. Jetzt ist die Entscheidung gefallen: "Ich möchte Arzt werden."

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