Austausch-Log Chile Singend im Bio-Unterricht

Der Berliner Schüler Tom, 16, fühlt sich in den ersten Wochen seines Austauschjahres "poco loco", ein bisschen verrückt. In Chile läuft alles anders: In der Schule ist die Uniform Pflicht - und ein spontanes Ständchen im Unterricht nicht selten.


Schon nach wenigen Tagen in Chile fand ich mich in einem großen, schön verzierten Raum wieder. Der Raum war sehr sauber und an der Wand hingen Bilder von einem Mann, der etwas blass und gequält aussah. Es handelte sich um meinen ersten Kirchgang in Lateinamerika.

Ich beobachtete die Menschen. Vor wem oder was soll uns Gott beschützen? Warum sammeln Frauen nach der Messe in Samtsäckchen das Geld von den armen Leuten ein und warum stecken sie dieses Geld nicht in eine ordentliche Zentralheizung? Immerhin: Die einzigen sauberen Gebäude und Grundstücke in dieser kleinen chilenischen Stadt Los Angeles, die nun für ein Jahr mein Zuhause sein wird, sind Eigentum der Kirche.

Diese Themen gingen mir in dem großen Raum auf der kalten Bank durch den Kopf. Eine geschlagene Stunde habe ich dort mit meinen Gasteltern verbracht. Ich hatte schon Angst, mich zu erkälten. Phasenweise war der Gottesdienst aber auch unterhaltsam. Etwa als der Priester von unserem Papst Benedetto redete und währenddessen Handys klingelten. Oder als mein Gastbruder den Hundekot von seinen Schuhen auf den weißen Kirchenboden abkratzte.

Zwölf Stunden im Auto sind nichts

Ja, ich bin wirklich in Chile angekommen. Und mache viele Erfahrungen, die mich diesem Land näher bringen. Dazu trug auch die Reise bei, die meine Gasteltern in den ersten zwei Wochen mit mir unternahmen. "Willst Du lieber in den Norden oder in den Süden?" hatte mein Gastvater gefragt, und ich hatte mich für den wärmeren Norden entschieden.

Zwölf Stunden Autofahrt sind für Chilenen nichts, habe ich gelernt. Sie begründen das damit, dass "ihr Land ja so lang sein und man deshalb Kompromisse eingehen muss" wenn man in einen anderen Teil des Landes reisen möchte. Das bekomme ausgerechnet ich zu hören - wo ich mich doch schon immer beschwere, wenn die zehnstündige Autofahrt in den Skiurlaub ansteht. Ich gucke immer schon fünf Monate vor der Reise nach Billigfliegern Richtung Österreich.

Valparaiso war das Highlight unserer Reise. Eine entzückende alte Kolonialhafenstadt mit dem Charme eines Künstlerviertels. Bunte Häuser, gelegen auf den Hügeln der Stadt, versetzen einen in die Stimmung der Kolonialzeit. Besonders gut haben mir die Graffitis an den Mauern gefallen, sehr individuell und einfallsreich, gar nicht vergleichbar mit den immer gleichen Antifa-Tags in Berlin ("Nazis raus").

Ein Stück mehr Gelassenheit

Aber die Reise war auch merkwürdig. Und zwar weil ich die ganze Zeit nur mit meiner Gastfamilie verbracht habe. 24 Stunden am Tag traf die "deutsche Gründlichkeit" auf den südamerikanischen Alltag - eine Herausforderung. Kleinigkeiten oder Benimmregeln, die für mich selbstverständlich sind, werden hier anders definiert oder sind gänzlich unbekannt. So soll der Zögling um Gottes Willen bitte nicht im Haushalt helfen. Könnte ihm ja schaden. Sehe ich die Dinge zu eng, trage ich deutsche Verbissenheit mit mir rum?

Nein, ich bin ab sofort Teil einer anderen Gesellschaft, in der andere Regeln gelten. Das heißt aber nicht, dass ich Grundsätze, die ich für richtig erachte, vergesse oder gar ganz aus meinem Leben streiche. Ich tausche sie eben auf Zeit nur mit den chilenischen aus. So ein Stückchen Gelassenheit tut mir ganz gut.

Am nächsten Montag morgen, 8.00 Uhr, war es dann soweit. Ich habe die Schulbücher eingepackt und bin mit meinem Gastbruder zur Schule gefahren. Sie liegt außerhalb der Stadt und ich wohne im Zentrum. Als ich beim Direktor saß, sagte der mit breitem Grinsen, dass sich jetzt alle Schüler auf dem Schulhof versammelten, um ein neues Gebäude einzuweihen. Er müsse jetzt eine Rede auf der Bühne halten, aber ich könne ja im Büro warten.

Im Unterricht zückt jemand die Gitarre

Ich hatte jedoch nicht mit dem Englischlehrer gerechnet: Er zerrte auch mich auf die Bühne, wo ich mich dann der gesamten Schüler- und Lehrerschaft vorstellen durfte, genauso wie der andere Austauschschüler, ein Chinese. Der brachte kaum mehr als seinen Namen über die Lippen. Zum Glück konnte ich schon in ganzen Sätzen sprechen: "Hola, me llamo Tom y soy de Berlin, Alemania". Das reichte schon, danach haben nämlich alle angefangen zu jubeln.

Die erste Stunde, Biologie, habe ich dann mal wieder dazu verwendet, die Leute zu beobachten. Und das ist schon pures Vergnügen. Alle knuddeln sich hier während der Stunde und machen alles Mögliche außer Unterricht. Dass jemand die Gitarre zückt und mitten im Unterricht alle anfangen zu singen, war eine sehr interessante Erfahrung. Ebenfalls nehme ich täglich an Handyspielen und anderen Wettkämpfen teil, weil der Unterricht ja "irgendwie überbrückt" werden muss. Aber man darf nicht denken, dass der Unterricht anspruchslos wäre. In Mathe und Bio sind die schon um einiges weiter als wir in Deutschland.

Wo Chile allerdings um Längen zurückhängt, sind die Zentralheizungen auf den öffentlichen Toiletten, Schulen, Kirchen, Wohnhäusern und eigentlich überall. Ich habe zitternd vor dem Ofen gestanden, weil selbst zehn Grad sehr kalt sein können. In Deutschland gilt das ja schon als warm, hier ist die gefühlte Temperatur wesentlich geringer.

Ein Grund, warum ich hier so friere, ist die schöne Schuluniform. Im Ernst, ich finde sie wirklich schön, wenn auch nicht warm, und bin vom Schuluniformskeptiker zum Sympathisanten konvertiert. Graue Hose, grauer Pullover und ein weißes Hemd. Schlicht aber elegant - passt doch. Und für den Rest der Zeit habe ich mir neue Schuhe, Jacke und ein T-Shirt mit der passenden Aufschrift gegönnt: "Poco Loco" - ein bisschen verrückt.

cpa



insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
jthediver 09.08.2009
1. Danke
*rofl* Der Artikel ist köstlich! Ich weiss nicht mehr wer es gesagt hat, aber: "Chile. Ziemlich schmales Land. Aber gute Bananen!" LG jthediver
Wolfgang Jung 09.08.2009
2. Kälte- und Hitze-Klischees
Nichts kann so kalt sein wie die sogenannten warmen Länder. Diese Erfahrung mussten schon etliche Besucher machen, die Südamerika mit Samba und Rio gleichsetzen. Umgekehrt geht es Besuchern aus Südamerika in Deutschland nicht viel anders, wenn sie im Sommer ankommen und vielleicht das Pech haben, bei schwülen 32 Grad keine Schneereste mehr vorzufinden, und darüber erstaunt sind.
newliberal 09.08.2009
3. Lustiger Artikel
Halte durch, gringo aleman ! Wenn der Sommer und die Argentinierinen kommen, geh nach Renaca, ein Strand direkt neben Vina del Mar. Miete Dir mit ein paar Leuten ein kleines Haus oben in den Hügeln mit Blick auf den Ozean und Du wirst den Spass deines Lebens haben. ChilenInnen sind sehr partyorientiert, besonders wenn das Wetter stimmt ! Weihnachten mit Surfboard am Strand hat was !
HuHo, 09.08.2009
4. Von Berlin nach Chile
Der Winter ist ja bald vorbei und dann wird es richtig warm. Toll ist ja die Schilderung aus der Schule.
Jonta 09.08.2009
5. ...
Tom, seit wann bist Du in Chile? Ich habe selten einen derart oberflächlichen Bericht über dieses Land gelesen wie von Dir. Wenn Du erst seit Kurzem da bist - dann ist das noch einigermaßen nachvollziehbar. Besser hätte ich es allerdings gefunden, wenn Du ein bisschen gewartet hättest, bevor Du einen Text auf spiegel online veröffentlichst. Ganz grauenhaft finde ich Deinen unverhohlenen Kulturchauvinismus. Chilenen sind alle ein bisschen verrückt, was? Weil sie keine Zentralheizungen haben, die armen Deppen - oder wie? Weil sie sich im Unterricht umarmen, die Gastfamilie nicht will, dass Du im Haushalt hilfst, Dich dafür in die Kirche schleppt usw. Mein Gott! Schön, dass Du Dich in Valparaíso in die Kolonialzeit zurückversetzt fühlst, denn genau diese Attitüde spricht aus Deinen Zeilen: Du, der Kolonialherr, urteilst über die Welt Deiner Gastgeber und fühlst Dich als das leuchtende Beispiel, das den Chilenen mal endlich ein bisschen deutsche Gründlichkeit (was meinst Du eigentlich damit?)lehrt. Furchtbar.
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