Austausch-Log China Bis sechs Uhr morgens in San-Li-Tun

Bei der WM stand auch ganz China Kopf, obwohl das Land gar nicht teilnahm. Sogar die strengen Lehrer tranken vor Begeisterung mit Austauschschüler Gregor Haidl, 17, Bier – und hatten kein Problem damit, dass er ganze Nächte in Fußball-Kneipen verbrachte.


Man darf mir gratulieren: Ich spreche mittlerweile ziemlich gut Chinesisch. Im letzten Halbjahr habe ich viel gelernt, weil ich und ein Freund uns entschlossen hatten, den "Hanyu Shuiping Kaoshi" zu versuchen – das ist ein standardisierter Chinesischtest für Ausländer, ein TOEFL auf Chinesisch.

Im April habe ich die Prüfung auf dem Basis-Level bestanden. Doch unser eigentliches Ziel war es, auch das Mittelniveau zu schaffen. Wir haben extra Nachhilfeunterricht genommen und sollten pro Tag 50 neue Schriftzeichen lernen. Das war extrem schwierig, ich habe einfach die meisten Vokabeln direkt wieder vergessen, so viele waren es. Gemeinsam mit Indern, Afrikanern und Europäern habe ich neulich den Test auf Mittelniveau geschrieben, die Ergebnisse werden aber erst einen Monat später mitgeteilt.

Wenn ich Glück habe, reicht mein Chinesisch, um an schlechteren Universitäten hier in China angenommen zu werden – das ist schon ab Schwierigkeitsstufe zwei möglich. Für die Beida, die beste Uni Chinas, braucht man allerdings Sprachstufe acht. Ich habe trotzdem nicht vor, hier zu studieren. Der Test ist mir wichtig, damit ich einen Beweis für meine Sprachkenntnisse in der Hand habe. Dem regulären Mathe- oder Geschichtsunterricht auf Chinesisch konnte ich ohnehin nicht folgen. Die Lehrer sprechen einfach zu schnell, und die meisten internationalen Schüler halten in den normalen Schulklassen ein Nickerchen. Ich habe stattdessen intensiv Schriftzeichen gepaukt.

Während der Fußball-WM stand auch ganz China Kopf. Die Chinesen waren genauso fußballverrückt wie wir Deutschen, obwohl ihr Team ja überhaupt nicht teilnahm. Alle Spiele wurden im chinesischen Fernsehen übertragen, außerdem waren überall WM-Werbungen und WM-Aktionen zu sehen.

Jeder Taxifahrer fieberte mit

Taxifahrer, Passanten, Lehrer - sie alle sprachen uns an und wollten wissen, ob wir Deutsche seien, wie wir denn das letzte Spiel fanden, und jeder zweite erzählte uns, wie toll die deutsche Nationalmannschaft Fußball spiele. Es war Trend, Fußball zu gucken und über die Ergebnisse Bescheid zu wissen. Unsere Schulleitung fand die WM so wichtig, dass sie uns internationalen Schülern erlaubte, jedes Spiel live zu sehen.

Wir waren dann meist in San-Li-Tun unterwegs, Pekings bekanntester Ausgeh-Meile. Dort haben wir uns zunächst im "Schillers" das teure deutsche Essen und Bier gegönnt bis zum Anpfiff um drei Uhr morgens. Die Schule fand es okay, dass wir erst um sechs Uhr morgens nach Hause kamen. Diese lockere Regelung betraf allerdings nicht die chinesischen Schüler.

Überhaupt hat sich die anfängliche Strenge der Lehrer gelegt. Wir haben seit einigen Wochen Ferien und dürfen seitdem länger ausgehen, zu WM-Spielen mit der Lehrerin mal ein Bier trinken oder auf unseren Zimmern eine Zigarette rauchen. Die Lehrer haben mittlerweile Vertrauen zu uns gefasst und müssen uns nicht mehr so streng überwachen wie in den ersten Monaten.

Weil aber für die chinesischen Schüler so andere Regeln galten, haben wir internationalen Schüler das ganze Jahr wenig Kontakt mit ihnen gehabt. Sie haben ein extrem großes Lernpensum und sind riesigem Druck ausgesetzt. Außerdem sind die Chinesen immer ganz erpicht darauf, Englisch zu reden – wenn ein Ausländer mit ihnen Chinesisch sprechen will, verlieren sie schnell das Interesse an der Person.

Meiner Abreise schaue ich mit gemischten Gefühlen entgegen. Natürlich freue ich mich auf meine alten Freunde und auf etwas anderen Unterricht, als ständig nur Zeichen stupide auswendig zu lernen. Zu Hause werde ich auch das deutsche Essen genießen und endlich mal wieder Segelfliegen gehen. Andererseits habe ich in diesem Jahr viel erlebt und mich gerade erst richtig an den Alltag hier gewöhnt, theoretisch hätte ich jetzt mit einem Leben in China keinerlei Probleme mehr.

Eigentlich lebe ich jetzt in der Mitte zwischen Deutschland und China und kann beides haben. Doch gleichzeitig geht das ja leider nicht.

© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.