Austausch-Log Japan Gut gemacht, hier hast du noch mehr Arbeit

Wie ein Fisch in einem Schwarm fühlt sich Austauschschüler Max Larson, 16, in Kobes Zügen. Tapfer und ganz japanisch boxt er sich durch die Menschenmassen. Selbst massenhaft Hausaufgaben und Wochenendschule steckt er weg - bis plötzlich die Wände wackeln.

Yuka Tagawa

Nachdem sich meine ersten zwei Monate angefühlt haben wie ein aufregender, endloser Looping, bin ich jetzt im alltäglichen Japan angekommen. Das merke ich vor allem in der Schule. Zu Hause in Berlin konnte ich mich mit gelegentlichen Hausaufgaben und relativ wenig Anstrengung meist gut über Wasser halten. Fünf Tage Schule, die Wochenenden frei. Hier in Japan komme ich erst gegen sechs Uhr abends aus der Schule und habe auch noch zwei- bis dreimal im Monat am Samstag bis nachmittags Unterricht. Dazu lerne ich jeden Abend noch zwei bis drei Stunden Schriftzeichen und Grammatik.

Anfangs schenkten mir Schüler und Lehrer unglaublich viel Aufmerksamkeit. Ich hatte einen Sonderstatus, der hier allen Ausländern zuteil wird. Als ich mich gut eingelebt hatte und mein Klassenlehrer meine Fortschritte bemerkte, verschwand auch mein Sonderstatus - von einem Tag auf den anderen. Ich sei nun bereit, meinte er, für ein "neues Erlebnis". Seither teile ich den Stundenplan meiner japanischen Mitschüler. Ich mache die gleichen Hausaufgaben und schreibe die gleichen Prüfungen - außer in Mathe, weil meine Mitschüler sehr viel weiter sind. Aber das war ja schon in Deutschland nicht mein erfolgreichstes Fach.

Die westlichen Englischlehrer an meiner Schule können meine Situation am besten nachvollziehen. Sie bieten mir manchmal Unterschlupf, wenn ich eine Verschnaufpause vom Japanischsprechen brauche. Es ist nämlich hart, in einem Land zu bestehen, wo gute Arbeit stets mit noch mehr Arbeit belohnt wird. Und doch gibt mir die viele Arbeit ein Gefühl der Errungenschaft und des Stolzes. Das Gefühl, ein Teil eines Ganzen zu sein.

Aufrecht liegen im Pendelverkehr

Schule ist aber nicht das Einzige, an das man sich gewöhnen muss. Da wäre noch der tägliche Pendelverkehr zwischen den Metropolen Kobe und Osaka. Dort geraten wir leider jeden Morgen hinein, wenn wir von unserem Zuhause in Kakogawa zur Schule in der Nähe von Kobe fahren. Mein Gastbruder und ich steigen in den Zug und stellen uns so nah wie möglich an die Tür, damit wir auch wieder herauskommen. Mit jeder weiteren Station aber wird der Zug voller, bis wir in der Innenstadt von Kobe an die gegenüberliegende Tür gequetscht werden. Dieser Zustand ist nicht so unangenehm, wie es klingt. Es fühlt sich an, als würde man aufrecht liegen: Die Beine sind fast komplett entlastet.

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Max in Japan: Halt mich wach, herrlicher Grüntee
Meist fangen wir drei Stationen vor unserem Ziel an, uns durch die Menge zu kämpfen. Aber es gibt Tage, an denen wir unfreiwillig bis Osaka fahren und dann von der herausströmenden Menschenmasse mitgezogen werden wie Fische in einem Riesenschwarm.

Dabei bildet der Japaner zur Hauptverkehrszeit einen interessanten Kontrast zum Japaner des Alltags. Denn in der Rush-Hour gelten keine Benimmregeln. Man drängelt und schubst, wie es grade nötig ist, um seine Station nicht zu verpassen. An den Wochenenden gibt es meist genügend Sitzplätze. Dann übe ich mich in der japanischen Kunst, überall und zu jeder Zeit kurz einzunicken, um genau an der richtigen Station wieder aufzuwachen.

Zeitreise ohne Dönerbuden

Wenn man sonst nur Berliner Dönerbuden und Taubendreck gewöhnt ist, kann die erhabene Schönheit, die man hier an fast jeder Straßenecke findet, schier überwältigend sein. Kyoto zum Beispiel ist wie eine Zeitreise. Neulich auf dem Heimweg war ich vertieft in einen japanischen Roman aus dem elften Jahrhundert, "Die Geschichte des Prinzen Genji". In der Geschichte läuft der Protagonist gerade an einer Straße namens Gojo vorbei. Genau zu diesem Zeitpunkt dröhnten die Lautsprecher im Zug: "Nächste Station, Gojo". Es war einer von vielen Momenten, die mich umgehauen haben.

Vor kurzem habe ich außerdem mein erstes Erdbeben erlebt, Stärke 5,2. Ich rannte aufgeregt hinunter ins Wohnzimmer, doch meine Gastmutter, die gerade beim Kochen war, hatte gar nichts bemerkt. Mein Gastvater nahm sich ein Bier aus dem Kühlschrank und schaute mich mit hochgezogenen Augenbrauen an, mein Bruder spielte weiter Computer. Meine komplette Verwandlung zum Japaner wird noch dauern, aber ich habe ja noch reichlich Zeit.


Max Larson hat auch eine Facebook-Seite und freut sich über Nachrichten.



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