Austausch-Log Kanada "Du hast den Wirbelsturm gebracht!"

Für ein Jahr geht Johanna Limbourg, 17, im kanadischen Penticton zur Schule. Beim gemütlichen Marshmallow-Tunken am Kamin wünscht sie sich ordentlich Schnee für die kommenden Wochen. Ihre Freunde gucken sparsam - und am nächsten Morgen braust ein Sturm über die Stadt.

"Dieser Winter wird der Winter sein, an den sich die Leute in Jahren noch erinnern werden. Sie werden sagen: 'Das war der Winter, in dem die deutsche Austauschschülerin hier in Penticton war - und wir so viel Schnee wie noch nie hatten.'

Mit diesen Worten erkläre ich meinen kanadischen Freunden meine Traumwettervorhersage für die nächsten Wochen: Schnee, Schnee und nochmal Schnee. Es ist 2.30 Uhr morgens, wir sitzen bei heißer Schokolade mit Marshmallows und Popcorn um ein prasselndes Kaminfeuer. Draußen pfeift der Wind ums Haus, das ungeschützt am Rand einer Klippe etwas außerhalb von Penticton steht. Drinnen läuft zum siebenunddreißigsten Mal der Abspann des Films "Legally blonde".

Von meiner Vorhersage sind die anderen eher verhalten begeistert. Vermutlich bin ich der einzige Mensch in ganz Penticton, der es kaum noch erwarten kann, bis der erste Schnee vom Himmel fällt.

Der Basketballkorb fällt knapp neben das Auto

Am nächsten Morgen werde ich vom Heulen des Windes aus meinem Träumen gerissen - sie handelten von Bergen, weiß wie Puderzucker. Anfangs denke ich noch, das sei normal. Vielleicht ist es hier immer so laut, weil das Haus am Rand einer Klippe steht? Ich stehe auf und werfe einen Blick aus dem Fenster. Irgendwas ist nicht wie sonst. Der ruhige See, an dem Penticton liegt, ist völlig aufgewühlt, der Wind wirbelt allerlei Äste und Staub durch die Luft. Ich werde begrüßt mit den Worten: "Danke! Statt Schnee hast Du uns den größten Wirbelsturm aller Zeiten gebracht."

Wie gebannt stehen wir vor den großen, bebenden Panoramafenstern im ersten Stock des Hauses und betrachten das Naturspektakel: "Rrrruummss!" Was war das? Wir rennen die Treppen runter und vor die Haustür, um festzustellen, dass die drei Meter hohe, tonnenschwere Anlage mit dem Basketballkorb das Auto meiner Freundin nur um Zentimeter verfehlt hat.

Ich versuche meine Gasteltern daheim zu erreichen, aber das Telefon funktioniert nicht. Ich probiere es auf dem Mobiltelefon - endlich geht meine Gastmutter ran. Sie erzählt mir ganz wuselig, dass in halb Penticton der Strom ausgefallen ist. Wir hier auf der Klippe haben Glück gehabt. Auf den Schock erstmal ein Frühstück: heißen Kaffee und frisch gebackene Zimtschnecken.

Dann heißt es: dem Sturm ins Auge blicken - der Heimweg wartet. Zum Glück haben wir ein Auto. Zum Glück? Auf halber Strecke müssen wir anhalten, um Äste und Laub vom Weg zu räumen. Der Wind pfeift immer noch kräftig und schubst das Auto hin und her.

Wir kommen ins Stadtzentrum, kaum eine Ampel funktioniert mehr, Stromausfall halt. Und natürlich bricht das Chaos aus: überall lautes Gehupe hier, die Leute gestikulieren wild durcheinander. Wir schlängeln uns durch an entnervten Autofahrern und umgestürzten Bäumen vorbei nach Hause. Es ist zwei Uhr Mittags, aber der Himmel so voller Wolken, dass es richtig dunkel ist - und kalt.

Der Gastvater geht einen Cheeseburger erlegen

Bei meinen Gasteltern ist der Strom ausgefallen. Mein Gastvater und ich suchen und kramen jeden noch so kleinen Kerzenstummel aus der hintersten Ecke des Hauses hervor - es ist einfach ziemlich dunkel ohne Strom. Dann zünden wir das Kaminfeuer an, um nicht zu erfrieren. Eine Stunde vergeht so, und noch eine.

Der Wind saust unentwegt mit rasender Geschwindigkeit durch die Straßen und um die Häuser. Mein Gastvater macht sich allmählich Sorgen ums Abendessen - ohne Strom kann man nur schwer kochen. Ich halte das für völlig unbegründet, da man in der Vorratskammer jeder kanadischen Familie etwa 1749 Konservendosen findet und wir problemlos anderthalb Jahre ohne Strom leben könnten. Jedenfalls schnürt mein Gastvater die Schuhe, setzt die Mütze auf - und bricht auf in die Kälte, zur Nahrungssuche.

90 Minuten später hat er etwas erlegt: Pommes und Cheeseburger.

Am nächsten Morgen lese ich in der Zeitung. Es ist zwar niemand verletzt worden, aber zahlreiche Menschen wurden evakuiert. Allein an einem der zwei Seen, an denen Penticton liegt, sind 105 Bäume entwurzelt worden.

Und ich bin heilfroh, dass außer meinen Freunden niemand weiß, dass die Menschen in Penticton das ganze Chaos der deutschen Austauschschülerin zu verdanken haben, die sich eigentlich nur ein wenig Schnee gewünscht hat. Vielleicht sollte ich beim nächsten Mal deutlicher sprechen, wenn ich das Wetter vorhersage?

Mehr lesen über
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.