Austausch-Log Mexiko Wenn Mädchen Frauen werden

Den 15. Geburtstag zelebrieren mexikanische Mädchen wie andere ihre Hochzeit. Mit Ballkleid, Drei-Gänge-Menü und 200 Gästen. Nach zwei Geburtstagen denkt Austauschschülerin Katharina Othmer, 16, sie könne nichts mehr überraschen. Dann entdeckt sie eine besondere Messe.

Katharina Othmer

An meinem 15. Geburtstag habe ich Freunde erst zum Bowling und danach zu mir nach Hause eingeladen, glaube ich. Genau weiß ich das nicht mehr. Anders meine mexikanischen Freundinnen. Sie erinnern sich noch genau an ihren 15. Geburtstag: an ihr Ballkleid, die Friseurtermine, Drei-Gänge-Menüs, den Festsaal und den Gottesdienst. Kurz: an ihren großen Tag. Denn hier in Mexiko ist es etwas Besonderes, wenn ein Mädchen 15 wird. Die Jungen hingegen dürften ähnliche Erinnerungen haben wie ich.

Im vergangenen Oktober hat mich eine Freundin zu sich eingeladen. Als wir es uns in ihrem Zimmer gemütlich machten, fiel mir ein Foto von ihr auf: Sie, in einem wunderschönen Kleid, aufwendig frisiert und elegant geschminkt. "Wo war das denn?", fragte ich. "Auf meinem 15. Geburtstag", antwortete sie - so als sei es das Normalste und Offensichtlichste bei diesem Bild. Dann erzählte sie von ihrer Feier. 200 Gäste, ein gemieteter Festsaal, getanzt die ganze Nacht...

Und schließlich fragte sie mich das, was ich fortan häufiger gefragt werden sollte: "Gibt es bei euch in Deutschland etwa keine 15. Geburtstage?"

Anfang des Jahres erlebte ich zum ersten Mal selbst, wie unterschiedlich der 15. Geburtstag in Deutschland und Mexiko gefeiert wird: Meine Gast-Cousine hatte Geburtstag und wir tanzten bis 2 Uhr morgens.

Irgendwann zog das Geburtstagskind ihr Ballkleid aus - es wurde zu schwer

Wir kamen ein bisschen zu spät zum Geburtstagsgottesdienst. Vorne in der Kirche saß meine Cousine vor dem Altar, mit hoch gestecktem Haar und einem üppigen, violetten Kleid. Links von ihr saßen ihr Patenonkel und ihre Patentante, rechts ihre Eltern. Der Pfarrer sagte, dass sie nun zur Frau werde, dass der Weg, den sie bisher gegangen sei, ihr dabei geholfen habe. Und er dankte vielen dafür, vor allem ihren Eltern. Wir beteten und feierten zusammen das Abendmahl.

Nach dem Gottesdienst überquerte die Festgesellschaft, das heißt 150 Eingeladene, die Straße und spazierte direkt in den Festsaal - nachdem jeder seine Eintrittskarte vorgezeigt hatte. Eine große Tanzfläche leuchtete in verschiedenen Farben, dahinter gleich das DJ-Pult, links und rechts der Tanzfläche hingen Fernseher, auf denen eine Diashow mit Bildern vom Geburtstagskind lief.

Zum Essen - es gab Vorspeise, Hauptgang und Nachtisch - tranken wir Tequila. Auf der Flasche prangte ein Foto meiner Cousine inklusive Dankesspruch. Meine Cousine tanzte später erst den traditionellen Walzer mit ihrem Vater, danach mit ihren Cousins, und dann führte sie mit ihren besten Freundinnen einen Überraschungstanz auf, den sie einstudiert hatten. Mittlerweile hatte sie ihr riesiges Kleid auch nicht mehr an. Nach ein paar Stunden wird das einfach zu schwer.

Eine Messe rund um den 15. Geburtstag toppt alles

Dabei ließ sich das Kleid meiner Cousine noch übertrumpfen, das stellte ich beim nächsten Geburtstag fest: Die Schwester einer Freundin wurde im Mai 15 Jahre alt. Ihr Kleid war gigantisch. Eine andere Freundin lachte über mich: "So sind nun einmal die Kleider für 15. Geburtstage", sagte sie.

Auch der Festsaal danach war größer, mindestens doppelt so groß. Es gab eine Eingangshalle, in der Fotos der "Quinceañera" ausgestellt wurden, fotografiert in einem Studio. Anstelle eines DJ gab es diesmal eine Band und auch ein Kameramann wurde beauftragt, den Gottesdienst und die Feier zu filmen. Ich war beeindruckt. Wieder musste meine Freundin lachen. "Ach Kathi", sagte sie, "das ist doch nur eine normale Feier."

Eigentlich dachte ich, mich könnte nach dem Geburtstag nichts mehr überraschen. Doch dann besuchte ich im Juni die "Expo 15 años" - eine Messe in Guadalajara, die sich nur mit dem 15. Geburtstag beschäftigte.

Gleich am Eingang standen Limousinen: für den Weg vom Haus zur Kirche und von dort zum Festsaal. Drei Stunden für 265 Euro und groß genug für zehn Personen. Einige Eltern mieten das tatsächlich.

Natürlich wurden Unmengen von Kleidern in den unterschiedlichsten Stilen und Farben ausgestellt, Schönheitssalons und Fotografen präsentierten sich. Auch Pantoffeln gehörten zu den Ausstellungsstücken: Sie werden am Geburtstag an die Gäste verteilt, damit die Füße sich vom Tanzen auf Absätzen erholen können. Die Dekoration wird auf den Kuchen abgestimmt, und auf die Einladungskarte am besten auch noch. Preislich gibt es natürlich keine Grenzen.

Einige meiner Freundinnen fahren lieber in den Urlaub statt Geld für die Feier auszugeben. Das verstehe ich nicht, schließlich können sie später immer noch reisen - so eine Feier bekommen sie aber nicht noch einmal. In Deutschland sollten wir unseren 15. Geburtstag auch mexikanisch feiern. Es ist ein schöner Brauch, dass die Mädchen sich an diesem Tag einfach nur großartig fühlen dürfen.



insgesamt 21 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
sokrates1950 20.06.2011
1. als Journalist sollte man die Heimat kennen
Als Journalist sollte man die Heimat kennen - im Osten Deutschlands, und inzwischen auch im Westen, gibt es u.a. die Jugendweihe. Nur geht man da mit ca. 14 Jahren nicht in die Kirche sondern mit seinen Eltern/Verwandten zu einer Festveranstaltung, auf welcher der Jugendliche feierlich in die Reihen der Erwachsenen aufgenommen wird. Das Fest danach, mit Eltern, Verwandten und Freunden lässt sich auch sehen und mit den hier geschilderten Formen oft vergleichen (kommt auf den Geldbeutel der Eltern an). ...und das Beste, die Jugendweihe ist nicht sexistisch - sie wird von Jungen und Mädchen gefeiert und als Geschenk sind Geldzuwendungen üblich. Damit finanzieren Jungen oft ihr erstes Motorfahrzeug...
südd. 20.06.2011
2. Ursprung
Zitat von sokrates1950Als Journalist sollte man die Heimat kennen - im Osten Deutschlands, und inzwischen auch im Westen, gibt es u.a. die Jugendweihe. Nur geht man da mit ca. 14 Jahren nicht in die Kirche sondern mit seinen Eltern/Verwandten zu einer Festveranstaltung, auf welcher der Jugendliche feierlich in die Reihen der Erwachsenen aufgenommen wird. Das Fest danach, mit Eltern, Verwandten und Freunden lässt sich auch sehen und mit den hier geschilderten Formen oft vergleichen (kommt auf den Geldbeutel der Eltern an). ...und das Beste, die Jugendweihe ist nicht sexistisch - sie wird von Jungen und Mädchen gefeiert und als Geschenk sind Geldzuwendungen üblich. Damit finanzieren Jungen oft ihr erstes Motorfahrzeug...
Die Jugendweihe ist von den christlichen Feiern übernommen. Die Konfirmation bei Evangelischen wird groß und aufwendig gefeiert. Bei Katholiken wird die Firmung hingegen klein gefeiert.
olli08 20.06.2011
3. Nicht nur als Journalist ;-)
Zitat von sokrates1950Als Journalist sollte man die Heimat kennen - im Osten Deutschlands, und inzwischen auch im Westen, gibt es u.a. die Jugendweihe. Nur geht man da mit ca. 14 Jahren nicht in die Kirche sondern mit seinen Eltern/Verwandten zu einer Festveranstaltung, auf welcher der Jugendliche feierlich in die Reihen der Erwachsenen aufgenommen wird. Das Fest danach, mit Eltern, Verwandten und Freunden lässt sich auch sehen und mit den hier geschilderten Formen oft vergleichen (kommt auf den Geldbeutel der Eltern an). ...und das Beste, die Jugendweihe ist nicht sexistisch - sie wird von Jungen und Mädchen gefeiert und als Geschenk sind Geldzuwendungen üblich. Damit finanzieren Jungen oft ihr erstes Motorfahrzeug...
Nur zur Wissensbildung: Die Jugendweihe entstand Mitte des 19. Jahrunderts, argwöhnisch beäugt von Staat und Kirche. Während der Nazizeit war sie verboten. In der DDR wurde sie politsch instrumentalisiert und wird leider deshalb immer mit der DDR in Verbindung gebracht. In Westdeutschland hingegen folgt sie seit vielen Jahrzehnten, völlig unabhängig von der gleichnamigen Veranstaltung im Osten, ihrer humanistischen und weltoffenen Tradition.
sponner_hoch2 20.06.2011
4.
Zitat von sokrates1950Als Journalist sollte man die Heimat kennen - im Osten Deutschlands, und inzwischen auch im Westen, gibt es u.a. die Jugendweihe. Nur geht man da mit ca. 14 Jahren nicht in die Kirche sondern mit seinen Eltern/Verwandten zu einer Festveranstaltung, auf welcher der Jugendliche feierlich in die Reihen der Erwachsenen aufgenommen wird. Das Fest danach, mit Eltern, Verwandten und Freunden lässt sich auch sehen und mit den hier geschilderten Formen oft vergleichen (kommt auf den Geldbeutel der Eltern an). ...und das Beste, die Jugendweihe ist nicht sexistisch - sie wird von Jungen und Mädchen gefeiert und als Geschenk sind Geldzuwendungen üblich. Damit finanzieren Jungen oft ihr erstes Motorfahrzeug...
Und im Westen die (dort weit verbreitete) Kommunion bzw. Konfirmation. Trotzdem ist alles drei nicht mit dem Brimborium in Mexiko zu vergleichen. Ja, und wer diese Propagande echt glaubt hat Tomaten auf den Augen. Ich hab noch nie erlebt, dass ein Jugendlicher nach so einer Veranstalltung anders behandelt wurde als vorher, geschweige denn als Erwachsener. (Warum auchm, dafür gibt es in Deutschland ja wenn überhaupt den 18. Geburtstag) *Prust* Ich glaube es fehlt ihnen an Vorstellungskraft bzgl. dieser Feiern in Mexiko. Na wenn's einem darauf ankommt (und das ist bei den Jugendlichen verständlicherweise oft der Hauptgrund), kann man das objektiv gesehen auch effektiver haben: Einfach das Geld ohne Brimborium verschenken, und das durch die nicht-Feier eingesparte Geld gleich oben drauf.
sponner_hoch2 20.06.2011
5.
Zitat von südd.Die Jugendweihe ist von den christlichen Feiern übernommen. Die Konfirmation bei Evangelischen wird groß und aufwendig gefeiert. Bei Katholiken wird die Firmung hingegen klein gefeiert.
In der Tat, die ziehen dafür die Kommunion größer auf.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.