Austausch-Log Russland Wo das Schaschlik im Wald gefriert

Russlands Jugend hat seltsame Hobbys, lernt Tanja Hausdorf und passt sich an: Sie grillt im eiskalten Wald und bejubelt Jungs, die um Reckstangen rotieren. Ihr Russisch verbessert sich dank verspielter Mitschüler rasant - denn die haben inzwischen keine Angst mehr vor der großen Deutschen.

Tanja Hausdorf

Bevor ich vor drei Monaten nach Russland kam, konnte ich nur die kyrillische Schrift und vielleicht 20 Wörter. Inzwischen kann ich mich mit jedem Russen verständigen. Wenn ich Wörter nicht weiß, mache ich sie einfach mit Händen und Füßen vor- das sorgt immer für allgemeine Belustigung.

Meine Schule ist sehr alt, 60 Jahre, und wurde immer nur notdürftig ausgebessert. Überall läuft man auf Bretterböden, auch in der Sporthalle, und die Sanitäranlagen sind minimalistisch. Doch ich liebe die Schule trotzdem, wegen der Menschen darin. Ich bin in der zweiten, dritten und vierten Klasse, um möglichst schnell Russisch zu lernen - und sonst in der zehnten.

Es ist wunderbar, mit den kleinen Kindern zu lernen. Am Anfang hatten sie alle ein bisschen Angst vor mir, aber jetzt akzeptieren sie mich und wir sind Freunde geworden. Nur manchmal ist es anstrengend, wenn an meiner rechten Hand ein Mädchen zerrt und ein anderes meine Haare frisieren will und dann noch ein Junge sein Handy vorführt.

Spaziergänge gehören zu den Lieblingshobbys der Russen

In der Grundschule gehört es für mich auch dazu, aufzustehen, wenn der Lehrer uns begrüßt. Und ich mache die tägliche Morgengymnastik zu russischer Kindermusik mit. In den höheren Klassen lässt die Disziplin dann nach und ist sehr vom Lehrer abhängig.

In der Zehnten habe ich Informatik, Algebra, Geometrie, Biologie, Chemie, Sport, Physik, Geschichte, Recht und Ökonomie. Der Zusammenhalt in der Klasse ist sehr stark, wir unternehmen auch nach der Schule etwas zusammen. Natürlich gehe ich mit ihnen auch viel spazieren - das russische Hobby schlechthin. Wir laufen abends durch die Straßen und reden einfach, oder wir gehen zum Sportplatz und schauen den Jungs zu, wie sie ihre Turnübungen an den Reckstangen machen.

Sie bringen sich die Übungen gegenseitig bei, ohne Lehrer. Manche machen richtige Salti um die Stange - und sichern sich dabei nur mit festen Stoffbändern, die sie sich um die Handgelenke und die Stange binden. Manchmal will ich gar nicht hingucken.

Picknick im Wald bei minus acht Grad

Einmal haben wir ein Picknick im Wald veranstaltet. Wir haben Schaschlik bei minus acht Grad gegessen. Es war das kälteste Wochenende bisher. Die Soße ist uns in den Plastikbechern gefroren und die eingelegte Paprika hat sich mit der Soße zu einem Klumpen verbunden. Es war eine intensive Erfahrung, aber sechs Stunden bei den Temperaturen, das war einfach zu kalt.

Sehr gern mag ich auch meine Deutschlehrerin. Sie unterrichtet seit 25 Jahren Deutsch, hat Russland aber noch nie verlassen. Ihr Mann war beim Militär und man ist wohl einfach nicht ins Ausland gefahren, wenn der Mann fürs Vaterland gedient hat. Das Wort, das meine Lehrerin vielleicht am besten beschreibt, ist gutherzig. Sie ist eine etwas rundliche Frau mit blonden Locken und schönen himmelblauen Augen.

Doch sie ist auch sehr ehrgeizig und will, dass ich sie verbessere, wenn wir auf Deutsch sprechen. Es ist unglaublich, wie viel sie auswendig gelernt hat, all die unregelmäßigen Verben und die seltensten Wörter kennt sie. Sie hat mich einmal zum Teetrinken zu sich eingeladen. Wir haben dort Blini gegessen, dünne Pfannkuchen mit rotem Kaviar und Smetana, das ist so ähnlich wie Schmand. Wir haben viel über Klin geredet. Es ist unglaublich, wie viele Geschichten in dieser unscheinbaren Stadt stecken. Diese Frau kennt sie alle.

Es ist mein größter Traum, ihr meine deutsche Schule zu zeigen und natürlich das Land, über das sie nur gelesen und Geschichten gehört hat - und das sie dennoch den Schülern seit so vielen Jahren versucht näherzubringen. Ich glaube, es würde ihr gefallen.

Tanja Hausdorf hat auch eine Facebook-Seite und freut sich über Nachrichten.



insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
zerr-spiegel 19.12.2011
1. Grillen im Winter
Zitat von sysopRusslands Jugend hat seltsame Hobbys, lernt Tanja Hausdorf und passt sich an: Sie grillt im eiskalten Wald und bejubelt Jungs, die um Reckstangen rotieren. Ihr Russisch verbessert sich dank verspielter Mitschüler rasant - denn die haben inzwischen keine Angst mehr vor der großen Deutschen. http://www.spiegel.de/schulspiegel/ausland/0,1518,799824,00.html
*Das* haben wir früher auch gemacht. Vor 30 Jahren bei -20°C unter der Rheinbrücke grillen, das hatte was. Aber wir waren halt nicht so verweichlichte, vollklimatisierte Jugendliche, sondern echte Kerle (und ein dutzend Mädels waren auch dabei!). Die Jugend von heute erfriert ja schon, wenn man in der Küche den Kühlschrank aufmacht. Und dann 6 Stunden bei -8°C? Was ist das schon. Ich bin schon bei -22°C 3 Stunden in Moskau spazieren gegangen. OK, die Dolmetscherin hat mich für verrückt erklärt, aber das war es wert.
eeezy 19.12.2011
2. Man bist Du hart..
Zitat von zerr-spiegel*Das* haben wir früher auch gemacht. Vor 30 Jahren bei -20°C unter der Rheinbrücke grillen, das hatte was. Aber wir waren halt nicht so verweichlichte, vollklimatisierte Jugendliche, sondern echte Kerle (und ein dutzend Mädels waren auch dabei!). Die Jugend von heute erfriert ja schon, wenn man in der Küche den Kühlschrank aufmacht. Und dann 6 Stunden bei -8°C? Was ist das schon. Ich bin schon bei -22°C 3 Stunden in Moskau spazieren gegangen. OK, die Dolmetscherin hat mich für verrückt erklärt, aber das war es wert.
..echte Bewunderung für jemandem dem bei diesem netten Bericht eines Zehntklassmädchens nichts besseres einfällt als auf seine besondere Kälteresistenz hinzuweisen. Vlt sollten Sie sich mal mit echten Männern messen....und nicht mit jungen mädchen :)
iBert 19.12.2011
3. .
Zitat von zerr-spiegel*Das* haben wir früher auch gemacht. Vor 30 Jahren bei -20°C unter der Rheinbrücke grillen, das hatte was. Aber wir waren halt nicht so verweichlichte, vollklimatisierte Jugendliche, sondern echte Kerle (und ein dutzend Mädels waren auch dabei!). Die Jugend von heute erfriert ja schon, wenn man in der Küche den Kühlschrank aufmacht. Und dann 6 Stunden bei -8°C? Was ist das schon. Ich bin schon bei -22°C 3 Stunden in Moskau spazieren gegangen. OK, die Dolmetscherin hat mich für verrückt erklärt, aber das war es wert.
Sie hat wahrscheinlich die richtige Übersetzung für "einfach strukturiert" nicht gefunden.
viwaldi 19.12.2011
4. Ja,...
dass könnte wohl sein. Aber wenn man eine Sprache gelernt hat und diese 25 Jahre Schülern beigebracht hat, - vielleicht auch manche guten und schlechten geschichtlichen und kulturen Seiten dieses Landes, in dem die Sprache gesprochen wird, dann wäre es schon ein trauriges Los, dieses Land nie sehen zu können. Und die Lehrerin scheint ja bis heute sehr interessiert zu sein. Die Frage des Artikels ist demnach auch nicht, ob "man" glücklich sein kann ohne in Deutschland gewesen zu sein, sondern ob diese spezielle Deutschlehrerin nicht glücklicher wäre, wenn sie es könnte. Die Einschätzung der Austauschschülern ist "Ja", die Gründe sind plausibel - warum ist es nötig, dem zu widersprechen???
Oberleerer 19.12.2011
5.
Zu Foto Nr.7 (Gruppenklo): Ich dachte, die haben diese Hock-Klos? Und was ist der Grund für den beschriebenen Papiermangel? Muß man das selber mitbringen, oder wie wird das dort gehandhabt? (Sorry, ich fahre auch nie ins Ausland, lese nur Reiseberichte)
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