Austausch-Log Tokio Im Land der fiesen Zeitfresser

Während ihres Austauschjahres in Tokio kommt bei Sylvana Hiltrop, 16, garantiert keine Langeweile auf. Es wimmelt nur so von bunten Konsolen, Fotoautomaten und Manga-Clubs. Wie soll sie sich da bloß noch aufs Lernen konzentrieren?


"Hoch lebe der Mangaclub! Ich habe in unserem Schulclub viele neue Freunde gefunden. Wir treffen uns abends an unserem großen Konferenztisch in einem der Schulräume und machen es uns gemütlich, in der Mitte ein netter Berg Snacks.

Klar reden wir hauptsächlich über Events und Neuigkeiten rund um Mangas und Animes, aber wir gucken uns auch mal Filme an, manche spielen dabei auf ihren Konsolen oder hören nebenbei Musik. Alle zwei Monate bringen wie ein Magazin heraus mit unseren eigenen Zeichnungen und Alltagsgeschichten. Unter den 200 Schülern an unserer Schule verteilen wir davon 80 oder 100 Exemplare.

Mehr noch als mit Mangas haben es die Japaner aber mit Gamecentern. Die gibt es für jede Altersklasse. Für die kleinen Kinder sind sie mit Spielen von den angesagten TV-Serien ausgestattet und mit UFO-Catchern mit den niedlichsten Plüschtieren. Das sind diese Automaten, die in Deutschland auf jeder Kirmes herumstehen - es gilt, mit einem steuerbaren Greifarm das begehrte Objekt herauszufischen.

Es sieht total leicht aus, aber nach fünf Versuchen war ich gute acht Euro ärmer und wurde verfolgt von dem Gedanken "Jetzt aber!". Zum Glück habe ich rechtzeitig aufgehört. Auch wenn ich den ganzen Abend sehnsüchtig an das niedliche Katzenkissen denken musste.

Dann gibt es noch die Spielhöllen für Jugendliche, alles schön den Interessen angepasst, und die für Erwachsene, in denen vor allem Pachinko gespielt wird, eine Art Flipper. Dort kommt man aber erst ab 18 rein. Aber egal, für welches Alter die Center ausgewiesen sind, sie sind alle immer rappelvoll.

Japan, Frankreich, USA: Im SchulSPIEGEL berichten zwei Schülerinnen und ein Schüler von ihrem Austauschjahr. mehr...

Leonie meldet sich aus Syracuse (USA), Sylvana frönt in Tokio ihrer Manga-Leidenschaft, und Friedrich berichtet von seinem Jahr bei den Franzosen.
Es gibt Leute an meiner Schule, deren gesamtes Geld fürs Spielen draufgeht. Ein Gamer in meiner Klasse verbringt jeden Nachmittag in der Spielhalle. Sein halbes Leben scheint sich virtuell abzuspielen.

Diese "Otakus" sind ziemlich suchtgefährdet. Wörtlich übersetzt bedeutet es Haus, die Japaner beschreiben damit aber auch einen Freak, der extrem viel Zeit mit seinem Hobby verbringt. 'Nerd' wäre vielleicht eine gute Übersetzung. Diese Spielefans sitzen stundenlang in Simulatoren, die aussehen wie große Kugeln. Ist wohl eine Art Panoramaspiel.

Gern gebe ich in der Spielhalle Geld für Purikura aus. Das sind Fotos aus diesen sehr beliebten Automaten, in denen man die Bilder vor dem Drucken noch bunt ausschmücken kann. In Japan macht man bei jeder Gelegenheit mit Freunden Fotos, deswegen habe ich jetzt auch schon einige davon."

cpa

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