Austausch-Log USA Wo der Gefrierschrank zum Tresor wird

Austauschschüler Maximilian Lüderwaldt, 18, muss bald zurück nach Deutschland. Bis dahin möchte er so viel erleben, wie möglich. Seinen Trip nach Atlanta hätte er allerdings fast verpasst. Denn die Unterschiede zwischen "am" und "pm", hat er noch nicht verinnerlicht.

Maximilian Lüderwaldt

Manchmal können Kleinigkeiten ganz schön große Wirkung haben. Um mich mit meiner Gastfamilie früh am Morgen aufzumachen, um unseren Flieger nach Atlanta zu erwischen, tippte ich am Vorabend die korrekten Zahlen in meinen Handywecker ein. Doch statt auf 6 am (morgens) stellte ich meinen Wecker auf 6 Uhr pm (abends) - und verschlief am nächsten Morgen. Die AM-PM-Falle hat wohl schon jeden Austauschschüler einmal erwischt. Meine Gastmutter weckte mich zum Glück gerade noch rechtzeitig und unser Trip nach Atlanta konnte beginnen.

Die Hauptstadt des Bundesstaats Georgia ist die Heimat von Coca Cola und einem der einflußreichsten Fernsehsender der Welt: CNN. Sie ist aber auch die Heimat des bekanntesten amerikanischen Bürgerrechtlers, Martin Luther King. Sein Grab wird noch regelmäßig von bekannten Persönlichkeiten besucht, um der Hauptfigur der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung Respekt zu zollen.

Das kann aber auch nach hinten losgehen, wie George W. Bush erfahren musste: Als er vor sieben Jahren einen Kranz niederlegte, wurde er von Hunderten Demonstranten ausgebuht.

Die Gastfamilie hörte von Osama Bin Ladens Tod im Radio

Überall zu sehen ist die amerikanische Flagge, Zeichen des weit verbreiteten Patriotismus. Auch in den CNN World Headquarters, einem Hort des unabhängigen, länderübergreifenden Journalismus, thront in der öffentlichen Passage eine riesige US-Flagge über Restaurants und Besuchern. Bei meinen Besuchen in den Studios der Tagesschau in Hamburg, von RTL in Köln oder im ZDF-Hauptstadtstudio konnte ich keine überdimensionale Deutschlandflagge sehen.

Der Patriotismus ist einer der Punkte, in dem sich Deutschland und die USA am meisten unterscheiden. Das konnte ich auch bei der Tötung Bin-Ladens wieder beobachten. Ich saß an meinem Schreibtisch, als ich durch das Fenster meine Gastfamilie hörte, die mit Verwandten auf der Terrasse saß. Erst wurde aus normaler Unterhaltungslautstärke eine gespannte Stille, nur noch die Stimme des Radiomoderators war zu hören. Doch auf einmal lockerte sich die Stimmung, und ich hörte Jubel.

Ich ging herunter und bekam die Nachricht über die Operation der US-Einheiten. Während meine Gastfamilie noch einigermaßen ruhig blieb, sahen wir im nationalen Fernsehen viele jubelnde Menschen. Es gibt aber auch einige, die es nicht mitbekommen haben. Viele US-Teenager sind von der Welt abgeschnitten. Wenn sie überhaupt Nachrichten sehen, geht es ums Inland. Aus diesem Grund sind sie voller Vorurteile gegenüber Menschen aus anderen Ländern.

Deutschlandbild der Amerikaner: Klasse Autos, frauenfreundlich mit Kanzlerin

Die müssen nicht unbedingt negativ sein. Im Fall Deutschland sind sie zwiegespalten. Die einen Vorurteile betreffen die Gegenwart (wie etwa: klasse Autos, gegen Atomkraft und frauenfreundlich mit Kanzlerin), andere die Vergangenheit - vor allem den Nationalsozialismus. Auch wenn mir das noch nicht passiert ist, berichten mir viele Freunde, dass sie von ihren Mitschülern als Nazi bezeichnet oder gefragt wurden, ob Deutschland immer noch alle Menschen umbringe, die nicht blond und blauäugig sind.

Die Bildungsschicht ist jedoch sehr aufgeklärt und kennt das heutige Deutschland von eigenen Reisen und Berichten auf CNN. Sie wissen: Der Verdacht, jeder Jugendliche in Deutschland sei heute rechtsextremistisch, ist offensichtlich falsch.

Weil mich das Thema sehr interessiert, studierte ich neben der Highschool im Frühjahr ein Semester deutsche Geschichte und Politik an der University of Toledo, die sich in der Nähe des Hauses meiner Gastfamilie befindet. Es war interessant, mit meinem Professor und meinen Mitstudenten über die Frage zu diskutieren, wo Deutschland heute steht.

Als ich eine Arbeit über Patriotismus einreichte, schrieb mein Professor drunter: "Als ich Deutschland 2006 für die Weltmeisterschaft besuchte, bestätigte das meinen positiven Eindruck über die neue Generation." Mein Professor sagte, dass es wünschenswert wäre, wenn die USA ebenso viele Austauschschüler ins Ausland schicken würde wie das viel kleinere Deutschland. An anderen Stellen konnte ich als Junior-Botschafter fungieren, wie das bei meinem Austausch-Programm erwünscht ist.

Der Pass liegt sicher im Gefrierfach

Einige Schüler dachten etwa, dass in Deutschland per Gesetz nicht über den Nationalsozialismus gesprochen werden darf. Ich erklärte ihnen, dass es in Deutschland sehr wohl erlaubt ist, über den Holocaust zu sprechen und zu diskutieren. Aufgabe des "Junior-Botschafters" ist aber nicht nur, das eigene Land zu repräsentieren, sondern auch, Erfahrungen aus den USA mit nach Deutschland zu nehmen.

In den USA ist es etwa unhöflich, seine eigene Zimmertür zu schließen, es sei denn, man ist krank oder möchte ausdrücklich nicht angesprochen werden. In Deutschland ist es nicht seltsam, wenn ein Jugendlicher ungestört sein will. Im Gegenteil: Wie oft bitten Eltern, die Tür zu schließen, damit die laute Musik wenigstens ein bisschen gedämpft wird?

Mein Auslandsjahr ist zwar noch nicht vorüber, die Uni-Klasse und die Highschool aber schon. Nachdem ich viel gereist bin und hart gearbeitet habe, kann ich jetzt noch meinen Aufenthalt mit so viel Freizeit genießen, wie seit langem nicht mehr. An Packen werde ich erst möglichst spät denken, denn obwohl ich mich auf Freunde und Familie freue, wird es schwer sein, die USA zu verlassen. Sie ist eine zweite Heimat geworden.

Eines weiß ich aber jetzt schon: Ich darf meinen Pass auf dem Rückflug nicht vergessen. Meine Betreuerin von der Austauschorganisation hat uns empfohlen, das wichtige Dokument so zu lagern, dass es vor möglichem Feuer und der extremen Hitze des Sommers geschützt ist. Ich darf also vor der Abreise nicht vergessen, noch einmal ins Gefrierfach zu greifen.

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