Austausch-Log USA Wo die Cops tatsächlich Donuts futtern

Austauschschüler Maximilian Lüderwaldt, 17, erlebte einen Monat voller Spannung: Er flüchtete vor einem Tornado in den Schulkeller, staunte über Halloween-Kinderhorden und fuhr in schusssicherer Weste Streife mit der Polizei. Doch am meisten gruselte ihn der amerikanische Wahlkampf.

Maximilian Lüderwaldt

Ich saß mit Freunden im Matheunterricht und wir redeten darüber, wie man bei Funktionen irrationale Nullstellen findet. Wir schweiften etwas vom Thema ab und stellten uns die Frage: Kann es etwas spannenderes geben? Die Antwort folgte sofort: Ja, kann es.

Denn plötzlich erklang ein gruseliges ohrenbetäubendes Geräusch: eine Tornado-Warnung. Mir als deutschem Austauschschüler war der Sound unbekannt, meinen Mitschülern hatte ein Tornado aber schon öfter den Stundenplan durcheinandergewirbelt. Über die Schullautsprecher gab unser Direktor letzte Anweisungen, bevor wir alle in den Keller unserer Schule spurten mussten. Dort verbrachten wir dann den restlichen Schultag.

Obwohl gruselversprechender als eine Mathe-Stunde, stellte sich das Halloween-Motto-Wochenende im Freizeitpark Cedar Point als weniger aufregend dar. Cedar Point ist nach eigener Aussage der größte Freizeitpark der Welt, in den meine Betreuerfamilie mich einlud. Dort ist man auf einer Achterbahn im Wert von 25 Millionen US-Dollar unterwegs, deren Wagen auf bis zu 193 Stundenkilometer beschleunigen können - so schnell, dass sich die Fahrgäste regelmäßig vor Fahrtbeginn bekreuzigen.

Halloween und ein Trip mit dem Polizeichef

Zusätzlich beschäftigt der Park an Halloween Mitarbeiter, deren einziger Job es ist, sich zu verkleiden und Besucher zu erschrecken. Alles ist dunkel, schauderhafte Musik läuft. Der Park war an unserem Besuchstag allerdings derart überfüllt, dass es für die Mitarbeiter schwierig war, sich durch die Massen zu bewegen. So blieben wir unerschrocken und standen im Schnitt zwei Stunden für eine Aktivität an.

Beeindruckender war da Halloween an unserer Haustür - von 18 bis 20 Uhr kamen etwa 500 Kinder an unserem Haus vorbei, um mit dem Ausruf " Trick or Treat" (in etwa: "Süßes oder Saures") Süßigkeiten einzusammeln. Fast alle Familien aus der Innenstadt schicken ihre Kinder in den USA in die sicheren Vororte, wo sie gefahrlos versuchen können, ein Mars oder Snickers zu ergattern.

Nervenkitzel versprach die Einladung des Polizeichefs in meinem Ort Ottawa Hills, mich auf Streife mitzunehmen. Auch hier verkehrten sich meine Erwartungen aber ins Gegenteil. Vor der Fahrt bekam ich zwar eine schusssichere Weste angelegt und hoffte, den einen oder anderen spannenden Moment erleben zu können. Schließlich gewann ich jedoch nur die Erkenntnis, wie sicher unser Ort ist.

Zwischen sicher und unsicher

Obwohl wir ganze fünf Stunden einsatzbereit waren, ging kein einziger Notruf ein - und das an einem Freitagabend. Da meine Nachbarschaft zu den reichsten im Mittleren Westen gehört, gibt es hier so gut wie keine Straßenkriminalität. Einbrüche sind aufgrund von Alarmsystem und Videokameras praktisch zwecklos, da sie so gut wie immer aufgeklärt werden. Schließlich bemerkte der Polizeichef, dass das aus Filmen bekannte Vorurteil, US-Polizisten würden in überschaubaren Gegenden kaum etwas tun außer Donuts essen, so falsch nicht sein kann.

Während der Fahrt erschienen auf dem Bildschirm im Polizeijeep auch die Notrufe der benachbarten Städte, Toledo und Detroit. Dort gehen im Minutentakt Anrufe von Menschen in Not oder Verstärkungsanforderungen von anderen Cops ein, wie Polizisten hier umgangssprachlich heißen. So wurde mir erneut eindrucksvoll und live vor Augen geführt, dass die USA ein Land mit krassen Gegensätzen zwischen sicher und unsicher und zwischen arm und reich ist.

Anruf von der Tea-Party-Bewegung

Gruseliger als Halloween und Polizeirundfahrt war der US-Wahlkampf. Mich hat es erschrocken, auf welch niedrigem Niveau der Wahlkampf hier geführt wird. Informiert habe ich mich darüber schon vorher, direkt vor Ort zu sein ist dann aber noch einmal ein anderes Erlebnis. Einige Leute wissen nicht mehr, wem sie vertrauen können, vor allem in meinem Bundesstaat Ohio war dies der Fall.

Denn "negative campaigning", wie es hier oft praktiziert wird, konzentriert sich kaum auf eigene Positionen, die Hauptsache ist, die Gegenseite zu attackieren. Da wird die Wahl schnell zur Glaubensfrage und Sachdiskussionen bleiben außen vor.

Obwohl ich niemand Fremden meine Nummer anvertraut habe, bekam ich in der Zeit vor der Wahl ständig Anrufe auf mein Handy- vor allem von Kandidaten der Tea-Party-Bewegung, die meine Telefonrechung aufgrund des Abhörens meiner Mailbox in diesem Monat ansteigen ließ. Die Polarisierung im hiesigen Wahlkampf führt allerdings nicht zu einem gesteigerten Politikinteresse der Jugendlichen - und das Interesse ist hier auch nicht stärker ausgeprägt als in Deutschland.

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