Austausch-Log USA Wo Gottes Wort die Wahrheit schlägt

Wer war zuerst auf der Erde: Die Dinosaurier oder der Mensch? Wer meint, die Frage sei lächerlich, sollte einmal das Museum der Kreationisten in Kentucky besuchen. Austauschschüler Maximilian Lüderwaldt, 18, war dort und hörte sich die krude Logik der bibeltreuen Weltsicht an.

Maximilian Lüderwaldt

1983 war ein Auslandsjahr etwas anderes. Es ist das Gründungsjahr des Stipendiums, mit dem ich in die USA gereist bin. Ich habe mit Austauschschülern aus dieser Zeit gesprochen. Sie gingen damals jeden Tag zum Briefkasten und schauten, ob es Post aus der Heimat gab. In der Ferne saßen die Eltern im Wohnzimmer vor dem Telefon, um ein erstes Lebenszeichen von der anderen Seite der Weltmeere zu erhalten.

Heute führen Mail, Skype und Facebook dazu, dass wir Austauschschüler immer und überall erreichbar sind. Wer aus seinem Auslandsjahr zurückkommt, hat nur noch das zu erzählen, was nicht schon gepostet, gemailt, oder in die Webcam gehalten wurde. Die Empfehlung, sich einmal im Monat per Anruf bei den Eltern zu melden, um Heimweh zu vermeiden und sich auf die neue Umgebung zu konzentrieren, erscheint da wie ein Überbleibsel aus alten Zeiten.

Hinzu kommt, dass wir Jugendlichen in Deutschland und in den USA die gleichen sozialen Netzwerke und Chat-Programme verwenden. Schaue ich mir also online Einladungen für das Wochenende in den USA an, lese ich automatisch auch alle Neuigkeiten aus Deutschland mit. Wie das Internet das Auslandsjahr verändert war eines der Themen, über die ich während einer Präsentation sprach, die traditionell die beiden Austauschschüler meiner Highschool im Laufe des Jahres einmal vor der ganzen Schule halten.

Ein indischer Austauschschüler muss eine Zwangsheirat fürchten

Mir macht es Spaß, mich intensiv mit meinen Erlebnissen hier auseinanderzusetzen - und sie mit anderen Austauschschülern zu diskutieren. Das tat ich auch am Diversity Weekend, ein Wochenende, an dem meine Schule Austauschschüler aus der Gegend zu kulturellen Aktivitäten einlädt. Während des Wochenendes lernte ich Peter aus Ägypten kennen. Unter anderem verglichen wir unsere Profile und Newsfeeds auf Facebook. Meine Freunde posteten über alles Mögliche: Die nächste Party, die letzte Mathearbeit oder auch über den Rücktritt zu Guttenbergs.

Für Peter und seine Freunde aus der Heimat gab es ein eindeutig wichtigeres Thema: dass es ihren Verwandten in Ägypten gut geht. Die Revolution in der arabischen Welt ändert das Land, in dem Peter bald wieder leben wird. Es ist spannend, neben den Medienberichten von ihm aus erster Hand zu hören, was ein ägyptischer Jugendlicher denkt. Viele deutsche Austauschschüler quälen sich mit dem Gedanken, in den USA ein Jahr lang ohne Bus und Bahn etwas immobiler zu sein als in Deutschland oder zu viel Fastfood zu essen. Peter hingegen fragt sich, ob er nach dem Jahr in einem freien Land leben wird.

Ein weiterer Austauschschüler aus Indien, mit dem ich viel rede, macht sich gerade Gedanken, wie er einer Zwangsheirat aus dem Weg gehen kann. Das führt mir vor Augen, dass ich dankbar sein sollte, im Sommer in gesicherte Verhältnisse zurückkehren zu dürfen.

Einblick in die Logik der Kreationisten

Bevor es soweit ist, lerne ich noch viel über Kulturunterschiede innerhalb der USA: Mit meiner Gastfamilie verbrachte ich ein Wochenende in Cincinnati. Wir schauten uns die Stadt an und fuhren am nächsten Tag in das bekannteste Kreationisten-Museum der Welt im benachbarten Kentucky. Kreationisten glauben, dass der Mensch die Schöpfung Gottes ist, legen die Bibel wörtlich aus und verneinen die Evolutionsbiologie. Auffällig waren die Gegensätze zu anderen Museen, die ich hier besucht hatte.

An jeder Ecke merkte ich, dass das Museum eben nicht einem Bildungszweck dient, sondern eingerichtet wurde, um Meinungen zu beeinflussen. Wir hatten für keine Führung bezahlt, liefen aber an einer Gruppe vorbei, die mit einem Tourguide unterwegs war. Wohl in der Hoffnung, uns auch von der Theorie der Kreationisten zu überzeugen, lud er uns zu seiner Führung ein - kostenlos.

Als ein etwa 14 Jahre altes Mädchen den Tourguide fragte, woher sie denn nun wissen soll, ob Evolution oder Kreationismus der Wahrheit entspreche, antwortete er: "Evolution ist bewiesen, angeblich, vom Menschen. Kreationismus muss nicht bewiesen werden, es ist Gottes Wort. Daraus folgt, dass nur der Kreationismus die Wahrheit sein kann." Das Mädchen dankte dem Tourguide strahlend für ihre vermeintliche Erleuchtung.

Meine Gasteltern glauben, wie die meisten Amerikaner, an die Evolutionsbiologie. Streng bibeltreue Ansichten sind ihnen fremd. Das zeigte sich auch, als sie wenige Zeit nach dem Besuch im Kreationisten-Museum mir und einigen Freunden Tickets für ein - Lil Wayne-Konzert in Columbus spendierten. Auch wenn der Gangsterrapper aus New Orleans uns im Publikum mit den Worten: "What's up, do you believe in God?" aufmuntern wollte, schert er sich wohl wenig um die Kreationstheorie und um Bibeltreue.

Bisher hatte ich bei all diesen Aktivitäten während meines Auslandsjahres das Gefühl, einen spannenden Ausflug nach dem anderen vorzuhaben. Als ich mich aber vor Kurzem mit meinen Gasteltern hingesetzt habe, um die letzten drei Monate zu planen, war es ein ganz schöner Schock, als mir bewusst wurde, wie schnell das Jahr vorbeigeht. Nun heißt es, die restliche Zeit zu genießen. Wie wohl jeder andere Austauschschüler sehe ich die Zeit in den USA als ein Gewinn fürs Leben an. Zusätzlich gefreut hat mich eine weitere Nachricht aus der Heimat: Dadurch, dass in Deutschland die Wehrpflicht abgeschafft wurde, bekommen wir das Jahr zeitlich komplett wieder rein.



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